“Zur Not muss man diese Wege auch wieder zurückbauen”

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Abkürzungen und Schleichwege ziehen jeden Tag zahlreiche Autofahrer an – sehr zum Ärger von Spaziergängern, Radfahrern und der Landwirtschaft.

Hand aufs Herz, jeder kennt den Sirenengesang der kleinen, asphaltierten Alternativen zu den großen, oft überlasteten Landstraßen. Wer wäre nicht gerne etwas schneller zu Hause, um den verdienten Feierabend auch in voller Länge genießen zu können? Nicht wenige Autofahrer geben regelmäßig diesem Impuls nach und schleichen zwischen Feld und Flur auf Acker- und Wirtschaftswegen um die verstopften Verkehrsknoten herum. Die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden, ist in der Tat auch nicht ausgesprochen hoch, die Ordnungsämter der Kommunen sind personell derart dünn besetzt, dass hier eine nennenswerte oder gar engmaschige Kontrolle schlicht nicht möglich ist. Auch die To-Do-Liste der Polizei kennt wichtigere Aufgaben, als sich irgendwo JWD auf die Lauer zu legen.

Für manche nur eine unverbindliche Empfehlung…

Was bleibt sind begehrte Abkürzungen, auf denen es zu den Stoßzeiten durchaus lebendig werden kann. Von Heidelsheim kommt man auf diese Art und Weise auf kerzengerader Strecke direkt nach Unteröwisheim, ohne zuerst durch Oberacker oder Münzesheim zu müssen. In Ubstadt kann man sich Ampel und Bahnübergang sparen und wild den unbeschrankten Übergang am Sportplatz passieren. In Eppingen geht es komfortabel und ohne nennenswerte Störungen von Rohrbach direkt in die Kernstadt unter Auslassung der dicht befahrenen Bundesstraße. In wirklich jeder einzelnen Kommune im Kraichgau gibt es diese Art von Abkürzungen, inoffizielle Bypässe mit einem hohen Zeitsparpotenzial.

Auch wenn die Nutzung dieser Wege verlockend und vergleichsweise risikoarm sein mag, so ist sie dennoch falsch, verboten und zudem auch in gewisser Weise asozial. Man bringt Spaziergänger und Radfahrer um die letzten autofreien Zufluchten, stört den landwirtschaftlichen Verkehr und bringt Lärm und Abgase noch in den letzten Winkel des verbliebenen Naturraumes. Oder unverblümt ausgedrückt: Man nimmt in Kauf den eigenen Egoismus zum Nachteil anderer auszuleben. Wer nicht gerade echter Anlieger ist – beispielsweise Landwirt, Aussiedler, Garteneigner, Forstbesitzer, Imker und Co. – hat hier draußen mit dem Auto nichts zu suchen. Punkt.

Bürgermeister Markus Rupp

Bürgermeister Markus Rupp aus Gondelsheim kennt diese Thematik nur zu gut und das nicht erst seit gestern. Seine Gemeinde und die Nachbarn im Brettener Stadtteil Diedelsheim verbindet der alte Postweg. Ein landwirtschaftliche Straße, die für den regulären motorisierten Verkehr klipp und klar gesperrt ist. Weil der alte Postweg aber parallel zur in Stoßzeiten gerne verstopften Bundesstraße 35 verläuft, nutzen zahlreiche Autofahrer Tag und Tag das fast durchgängig asphaltierte Sträßchen als Abkürzung oder Stauumgehung. Zum Nachteil aller nicht motorisierten Verkehrsteilnehmer wohlgemerkt. Radfahrer, Spaziergänger, Jogger und Co. müssen regelmäßig ins schlammige Bankett ausweichen, damit die Fahrzeuge passieren können. In den sozialen Netzwerken drücken die Anwohner oft ihren Unmut aus, berichten von waghalsigen Überholmanövern und gefährlichen Situationen. Tatsächlich wurde vor zwei Jahren eine Joggerin von einem schweren Fahrzeug fast touchiert und beim rettenden Sprung von der Straße verletzt.

Obwohl Fahrzeuge beim Überholen außerorts einen Abstand von zwei Metern einhalten müssen, sieht die Realität doch häufig anders aus. Teilweise überholen Autofahrer ohne die Geschwindigkeit auch nur im Mindesten zu reduzieren, oder gar auf jedweden Abstand Rücksicht zu nehmen. “Das ist eine äußerst ärgerliche, eine gefährliche und nicht hinnehmbare Situation”, so Markus Rupp, “doch durch Kontrolle werden wir der Lage nicht Herr, dafür haben Polizei und Ordnungsdienst einfach nicht die zeitlichen Kapazitäten” weiß der Bürgermeister.

Er setzte sich daher in den letzten Monaten für einen parallel zum Postweg verlaufenden Radweg ein, doch das Projekt scheiterte bisher an den Kosten und der damit einhergehenden zusätzlichen Versiegelung von Bodenfläche. Diesen letzten Punkt will Markus Rupp aber nicht einfach so stehen lassen, denn eine zusätzliche Versiegelung ist absolut nicht in seinem Sinne. Die Idee, die Markus Rupp daher kam, wäre nicht nur eine Win-Win-Situation in Gondelsheim, sondern auch ein Modell, das dem irregulären Verkehr in anderen Kommunen ein Stück weit entgegenwirken könnte: “Der Grund warum viele Autofahrer von inoffiziellen Umgehungen und Schleichweg Gebrauch machen, ist doch die viel zu gute Beschaffenheit der dort verlaufenden Wege und Straßen. Wenn wir diese Flächen entsiegeln und in stinknormale Feldwege oder einen Weg mit wassergebundener Decke zurückverwandeln, schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir entsiegeln wertvolle Bodenfläche und machen diese Wege für Autofahrer unattraktiv und je nach Witterung manchmal auch unpassierbar.” so Rupp, der nach Rücksprache mit mehreren Landwirten aus Gondelsheim und Diedelsheim weiß, dass deren Traktoren mit Erd- und Schotterwegen bei jedem Wetter gut zurechtkommen.

Dass diese Herangehensweise nicht bei jeder Straße funktioniert, darüber ist sich der Bürgermeister im Klaren, im Falle des alten Postweges sieht er diese pragmatische Herangehensweise aber durchaus als Option, um dem massiven Ausweichverkehr zu Leibe zu rücken. “Ohne Kontrolldruck werden wir der Sache nicht Herr werden, also schütten wir einfach reichlich Salz in den viel zu süßen Kuchen“, so Rupp. “Und wenn es nur jeden Zweiten davon abhält, hier abzukürzen, ist auch schon etwas gewonnen”.

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11 Gedanken zu „“Zur Not muss man diese Wege auch wieder zurückbauen”“

  1. Ach das kennt auch der Brusler der mal zu Fuß auf den Rotenberg spaziert. Vom „ich geh da oben mit dem Hund“ über „ich geh da oben spazieren“ bis hin zu „wir *** da oben“ fährt einfach alles dort hinauf.
    Dass die personelle Situation als Argument für fehlende Kontrollen dienen soll, mag mir sehr vorgeschoben erscheinen.

  2. Ich gebe zu, dass ich auch schon Abkürzungen gefahren bin. Und natürlich ist das nicht erfreulich für Förster und Wanderer. Vor allem den Tieren kommt so etwas nicht zu gute. Aber die Zeitersparnis und die Spritersparnis ist auch nicht außer acht zu lassen .

  3. Als Imker muss ich leider relativ oft zu meinen Bienen fahren. Ich hab da ein schlechtes Gewissen. Kommt ein Radfahrer oder Fußgänger schleiche ich an ihm vorbei. Leider werde ich selbst als Radfahrer oft fast umgemäht, wenn die „Abkürzer“ mit 60 kmh an mir vorbeischießen. Oft haben die sogar einen Hund im Kofferraum. Für mich ist eines sonnenklar. Solange die mit ihrem Hund zum Gassigehen fahren, ist der Sprit immer noch zu billig. Wenn es schon sein muss, dann stellt eure Karre am ersten Feldweg ab und lasst der Natur ein bisschen Ruhe ! Bitte !

  4. Es ist ne sauerei was auf dem Postweg so ab geht. Mal wird man in den Acker gedrängt, man wird man beleidigt wenn man nicht zur Seite fährt oder man wir das über den Haufe gefahren. Ein guter Radweg wäre echt sinnvoll. Auch kann man ab und zu nicht mal mit dem Rad weiter fahren weil der Weg unter Wasser steht. Im Sommer ist der Weg ne Autobahn. Ich hab oft Angst hier zu fahren. So lange bis mal wirklich was passiert.

  5. Wer kennt´s nicht, der schonmal auf dem Postweg zu Fuß oder per Rad unterwegs war. Ideal, wenn man Kinder dabei hat und prinzipiell in die Kurven „hineinhorchen“ muss, ob was angebrettert kommt…

  6. Leider musste ich schon oft erleben, dass Traktoren auf der Bundesstraße fahren, die man dort sehr schlecht überholen kann. Das birgt Gefahr und ärgert mich auch!

  7. Leider haben so meine Eltern ihren Hund verloren. Feldweg, nicht angepasste Geschwindigkeit, mein Vater konnte sich noch an den Seitenrand flüchten, den Hund hat es leider erwischt.

    Wäre es nicht möglich solche Wege durch eine geteilte Schranke für Autofahrer schwer zugänglich zu machen? So könnten Fahrräder auch mit Kinderanhänger unproblematisch passieren, wirkliche Anlieger hätten aber ggf. weiterhin Zugang zu der Straße.
    Ein Rückbau hat natürlich auch andere Vorteile, als Radfahrer schätze ich aber auch einen schlammfreien, möglichst schlaglochfreien Weg

  8. viel schlimmer empfinde ich die Fußgänger/Radfahrer die meinen die Wege gehörten Ihnen. So hat man als Gartenbesitzer etc. öfters das Vergnügen sich mit meist uneinsichtigen Wegebenutzern diverse Auseinandersetzungen zu liefern. Verstehen kann man beide Seiten, sowohl Fußgänger als aber auch fahrende Teilnehmer. Der Verkehr auf diesen Wegen hat sicher zugenommen aber das ist kein Grund für Fußgänger oder Radfahrer den fahrenden Verkehr zu drangsalieren nur weil diese meinen auf den Wegen wäre Fahrverbot oder der andere hätte hier nichts zu suchen.
    Diese Wege dienen doch hauptsächlich einem landwirtschaftlichen Zweck und sind natürlich auch beliebte Wege für Spaziergänger.
    Am Ende des Tages, so ist meine Meinung, sollten wir doch alle etwas Verständnis und Rücksicht für andere Wegebenutzer haben, froh sein das wir so schöne Wald- Feld und Wiesenwege besitzen.
    Mit mehr Toleranz gegenüber den anderen würden diese Wege noch schöner und entspannender werden.

  9. Na bei uns ist’s umgekehrt da gibt’s einen Weg für die Landwirtschaft und der ist so voll von Radlern dass man mit dem Traktor nicht mehr durch kommt und ständig angepoebelt wird

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