Widerliche Gaffer

Gierige Blicke / Symbolbild der Redaktion

Kurz vor dem Wochenende ereignete sich im Kraichtaler Stadtteil Unteröwisheim ein tragischer Unfall. Ein Mann übersah beim Zurücksetzen mit seinem Wagen eine ältere Dame und brachte diese zu Fall. Sie prallte hart mit dem Kopf auf die Straße und verstarb noch an der Unfallstelle. Ein furchtbares Unglück, das vom Unfallverursacher aber sicherlich nicht bewusst herbeigeführt wurde. Schlimmer mutet in diesem Zusammenhang eher das Verhalten zahlreicher Passanten an: Manche drangen trotz Absperrungen zur Unfallstelle vor und filmten die die Tote mit ihren Smartphones – Sogar Tabus wie Drohungen und Anfeindungen gegenüber den Rettungskräften fielen in dieser Situation in sich zusammen…

Alles was es hierzu zu sagen gibt, hat unser Kolumnist Thomas Gerstner bereits vor wenigen Monaten zu einem ähnlichen Fall an der B35 bei Gondelsheim geschrieben. Eine provokante und direkte Meinung die auch in dieser Situation mehr als angemessen scheint:

Tiefer kann ein Mensch nicht sinken

Eine Kolumne von Thomas Gerstner

Stellen Sie sich doch einfach mal folgende Szene vor – ja, lassen Sie sie ruhig einen Moment auf sich wirken. Sie sind gerade zu Fuß unterwegs, haben vielleicht etwas eingekauft oder kommen möglicherweise gerade von der Arbeit. Plötzlich hören Sie auf der Bundesstraße hinter dem Lärmschutzwall das Kreischen von Bremsen und dann einen heftigen Aufprall. Sie hören wie Metall an Metall schabt, hören das Bersten von Glas…. danach Stille. Sie eilen hastig zur Unfallstelle und sehen zwei ineinander verkeilte Autos, sehen wie ein Mann blutüberströmt aus dem Fenster hängt, sehen eine scherbenübersäte Frau auf dem Beifahrersitz. Der Fahrer des anderen Wagens wurde durch den Aufprall aus seinem Fahrzeug geschleudert und liegt mit verrenkten Gliedern und Blut hustend auf der Fahrbahn. Die Luft riecht nach abgeriebenem Gummi und nach auslaufendem Öl….

Was tun Sie nun? Was machen Sie jetzt?

Wenn Sie ein Mitglied der menschlichen Spezies sind, dann rufen Sie übers Telefon den Notarzt und eilen zu den Verletzten um Ihnen zu helfen … und wenn Sie nicht mehr wissen wie das geht – vielleicht weil der letzte Erste-Hilfe-Kurs schon Jahrzehnte zurückliegt oder sie einfach zu viel Angst haben, dann sprechen Sie den Verletzten Trost zu, halten Ihnen im Todeskampf die Hand und sagen Ihnen dass alles wieder gut werden wird.

Wenn Sie allerdings kein Vertreter der menschlichen Rasse sind, ja wenn Sie vielmehr ein ekelhafter, widerlicher, parasitärer Soziopath sind… dann schlendern Sie herüber, nehmen Ihr Smartphone und halten dem Sterbenden die Linse direkt vors Gesicht. Nehmen ihren Artgenossen dabei auf wie er um sein Leben kämpft und es am Ende vielleicht verliert. Sie laden das Video ins Netz und geilen sich später mit Ihren Freunden daran auf, während anderswo eine Familie an Trauer und Verzweiflung fast zerbricht. Vielleicht findet die Tochter oder der Sohn des Verunfallten später das Video und darf den Moment noch einmal miterleben, wie ihr Papa ängstlich und alleine gegangen ist….

Stellen Sie sich doch nur einmal vor, sie lägen da auf dem Boden…so verletzt und verletzlich wie niemals zuvor und wahrscheinlich niemals wieder in ihrem Leben. Sie denken daran, dass sie ihre Liebsten vielleicht nie wieder sehen, spüren wie das Leben durch ihre Wunden entweicht…. auf einmal kommt da ein Mensch, einer von ihresgleichen… doch anstatt ihnen zu helfen, ihnen die Hand zu reichen… demütigt er sie in dieser Stunde epischer Blöße und gibt Ihnen auf ihrem letzten Wegstück noch eine Lehrstunde über eine Seite menschlicher Abgründe mit, von der Sie nicht einmal geahnt haben….

Von euch zu hören – ihr Gaffer, immer wieder fassungslos zu erfahren das es Euch tatsächlich gibt, dass ein Mensch so unendlich tief sinken kann…. das macht mich fertig, zerstört mein ohnehin schon lädiertes Weltbild. Wenn ich dann noch höre, dass ihr von Polizisten ertappt noch eure Fresse aufreißt, uneinsichtig seid und darauf behaart eurer Schandtat weiter nachzugehen…lässt dies in mir Dunkelheit und Schwärze aufsteigen. Wäre ich in solch einer Situation ein Polizist, würde ich wahrscheinlich meinen Pistolengriff berstend und krachend auf eure Kiefer niedergehen lassen….zumindest in meiner Fantasie. Würde ich es tun, würde ich mich strafbar machen..ganz anders als Ihr. Ihr hattet bislang ob Eurer Zurschaustellung menschlicher Abgründe nur mit einem lächerlichen, eure Opfer noch weiter verhöhnenden Bußgeld zu rechnen – wenn überhaupt. Das soll sich zwar ändern, doch meiner bescheidenen Ansicht nach ist keine Strafe ausreichend genug für Menschen wie Euch. Mit Eurem Klick auf den Auslöser Eurer Kamera habt Ihr Euch selbst aus unserer Mitte verbannt, dem Privileg entsagt ein Teil der menschlichen Gemeinschaft zu sein. Ihr habt die Schwächsten der Schwachen verraten und Ihnen in ihrer dunkelsten Stunde noch ein Leid zugefügt dass sie für immer begleiten wird oder Ihnen als letzer Gruß vor dem Gang ins Licht dienen musste.

Eines Tage vielleicht, wird Euch etwas ähnliches widerfahren. Vielleicht seid Ihr nur einen Moment lang unachtsam oder ein anderer nimmt Euch auf der Straße die Vorfahrt. Wenn ihr dann durch einen Blutschleier und brechendem Blick einen anderen Menschen auf Euch zukommen seht – wäre es dann nicht schön, hielte er Eure Hand und sagte Euch: Alles wird gut, ich bin bei Dir.

Eine Meinung von Thomas Gerstner

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