Warum schon im Jahr 1991 die Fastnacht ausfiel

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Die Fastnacht fällt in dieser Saison wegen der Corona-Pandemie komplett ins Wasser: Keine Prunksitzungen, keine Orden, keine Umzüge, kein Helau. Doch das ist nicht das erste Mal so…

Redaktion: Hans-Joachim Of

Die Narren tragen Trauer. Wegen der anhaltenden Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Beschränkungen fällt bekanntlich auch die aktuelle Faschingskampagne, oftmals auch „Fünfte Jahreszeit“ genannt, komplett ins Wasser. Kein dreifach-kräftiges Helau, kein Alaaf, auch kein Narri-Narro. Spätestens am „Elften-Elften“, dem offiziellen Beginn der närrischen Zeit, war klar, dass es 2021 keine Prunksitzungen mit Publikum und auch keine feucht-fröhlichen Umzüge geben wird.

Dabei war vor einem Jahr für die vielen Gesellschaften und Vereine aus der Region, die das närrische Brauchtum immer wieder am Leben halten, die Welt noch in Ordnung – obwohl schon dunkle Wolken am Horizont Unheil verkündeten. Noch im Februar 2020 hatte die Straßenfastnacht in der Region rund um Bruchsal und in allen Faschingshochburgen der Hardt und im Kraichgau für überschäumende Begeisterung gesorgt. Auch die Hallen waren mit kostümierten Narren gut gefüllt. Doch schon einige Tage später war „Schluss mit lustig“. Corona und der erste Lockdown machten den Spaßmachern einen Strich durch die Rechnung.

Was viele Nachgeborene nicht wissen: Schon einmal, vor genau 30 Jahren, fiel die Fastnacht komplett aus.

Weil 1991 im Nahen Osten ein Krieg tobte, hieß es hierzulande: „Feiern gehört sich nicht“. Zuerst wurde der Karneval in den rheinischen Hochburgen abgesagt, danach folgten die Narrenzünfte im Südwesten auf geradem Fuß. Die Präsidenten des organisierten Brauchtums gaben nach: Sie waren der diffusen Angst vor Anschlägen ausgewichen, knickten vor dem moralischen Druck, der durch den Beginn des 1. Golfkrieges im Irak entstanden war, ein. Die Frage stand damals überall im Raum: Darf man bei uns feiern, wenn am Persischen Golf amerikanische Soldaten sterben? Fastnacht, der Inbegriff von Frohsinn und Heiterkeit, durfte einfach nicht sein, so die Stimmungslage bei den Verantwortlichen und Funktionären. Hinzu kam der Druck aus Politik und Kirche.

Später sah man das anders, Solidarität mit den USA hin – schlechtes Gewissen her. Als dann der Krieg in Jugoslawien und damit auch in Europa tobte, wurde ein Jahr später trotzdem Fastnacht gefeiert. Übrigens auch in Amerika. 1991 bleibt ein Lehrstück, wenn auch aus vergangener Zeit. Jürgen Lesmeister, Präsident der Badisch-Pfälzischen Karnevalvereinigung, erinnert sich und berichtet, dass zu Beginn und am ersten Sonntag des Jahres 1991 noch die traditionelle „Feier des Goldenen Löwen“ in Speyer abgehalten wurde, „doch schon kurze Zeit später kam das aus“. Alle Vereine hätten wohl oder übel, wenn auch zähneknirschend, an einem Strang gezogen.

Jetzt und 30 Jahre später, habe man natürlich eine ganz andere Situation und konnte wegen Corona die Verleihung der in der Szene begehrten Löwen-Orden am gelb-grünen Band nicht durchführen. „Wir haben alle zur Ehrung anstehenden Funktionäre und Bühnenkünstler angeschrieben und eine Abholung der Orden im Speyerer Museum organisiert. Wer nicht kommen wollte oder konnte, bekam ihn zugeschickt“, eröffnet Lesmeister. Heimfried Werner aus Bruchsal, langjähriger Sitzungspräsident bei der BKG Büchenau und in der Region als „Graf Kuno vom Kraichgauland“ bekannt, hat die Geschehnisse aus dem Jahr 1991 ebenfalls noch genau vor Augen und sagt: „Überall bei uns im Ländle waren die Jahresorden bereits bestellt oder geliefert, die Säle angemietet, die Verträge mit den Musikformationen unterschrieben, die Umzüge startbereit. Dann die Absage, die allen sehr weh tat“. In Ubstadt oder Hambrücken, in Odenheim, Östringen oder Wiesental – überall der gleiche Frust.

Die Gründung des Bruchsaler Narrenkreises anno 1991 / Bild: Hans-Joachim Of

Später war der allgemeine Tenor bei den Gesellschaften: „Das würden wir künftig nicht mehr so machen“. In der Folge und aus der unbefriedigenden Situation heraus wurde im März 1991 der „Narrenkreis Bruchsal“, in dem nahezu alle Vereine aus der Region zusammengeschlossen sind und dem heute Mario Decker (langjähriger Präsident der NeuKaGe Neudorf) vorsteht, gegründet. Erster Präsident war Siegbert Veith vom KBF Bruchsal, dem Alois Fuchs aus Kronau nachfolgte. Wie die Vereine jetzt mit der aktuellen Situation umgehen? „Die Gesellschaften posten in den bekannten sozialen Medien oder auf ihrer Homepage selbstgedrehte Videos mit närrischen Botschaften. „Die Geschichte von damals hat uns heute eingeholt, doch der Krieg heißt Corona-Virus und findet weltweit statt“, heißt es überall. Die Narren machen das Beste aus der Situation und verkünden unisono: „Die Absagen sind leider alternativlos – doch wir feiern im Kleinen“.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sich seit Ausbruch der Pandemie 100 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert. Da hilft kein schminken oder verkleiden, kein noch so schönes Kostüm. Nur der Mund- und Nasenschutz bleibt. Live-Erlebnis? Null! „Heute ist das ganze Jahr Maskenball“, so die Aussage eines gequälten Zeitgenossen. Aschermittwoch überall. Einige Gesellschaften aus Baden (Östringen-Odenheim) und der Pfalz (Frankenthal) bieten im Internet eine Art „Prunksitzung“ an. Ob „digitales schunkeln“ jedoch den großen Spaßfaktor bringt? Die Freude hält sich wahrscheinlich in Grenzen. Übrigens: Am 17. Februar ist Aschermittwoch und in jeder Hinsicht „Alles vorbei“.

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