Wald der Wunder

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Kennt ihr schon den alten Tierfriedhof, den ewigen Brunnen, die laubige Eiche, den Waldtempel oder die Schnee-Allee?

Der Kraichgau ist eine landwirtschaftliche geprägte Region, hier finden sich deshalb in erster Linie Äcker und Felder in unendlichen Ausdehnungen bis zum Horizont. Weit weniger großzügig dimensioniert sind im Gegenzug unsere Wälder, von ihnen gibt es immer nur kleine Flecken hier und da, verstreut, isoliert und in ihrer Größe äußerst begrenzt. Größere Waldflächen gibt es nur bei Eppingen, im Naturpark bei Zaberfeld und nahe Sinsheim – im zentralen Kraichgau zwischen Bruchsal, Kraichtal, Bretten und Östringen, zeigt die Vogelperspektive stattdessen nur den gewohnten Flickenteppich aus Feldern und Ackerland.

Auf einem Höhenkamm zwischen den Bruchsaler Stadtteilen Heidelsheim und Helmsheim, den Kraichtaler Stadtteilen Oberacker und Münzesheim, sowie den beiden Brettener Stadtteilen Neibsheim und Büchig, gibt es aber doch ein für unsere Breitengrade vergleichsweise großes Stück Wald, das es wirklich in sich hat. Durchschnitten wird es fast auf der gesamten Länge durch die Schnellbahnstrecke Stuttgart – Mannheim und der Bretten zugewandte Zipfel von der Landesstraße 618. Abgesehen von diesen Beeinträchtigungen, kann man in diesem Waldstück stundenlang wandern ohne aufzeichnen der Zivilisation zu stoßen. Auf einer solchen Wanderung lässt sich viel entdecken, der Wald hält ihr eine ganze Reihe von ganz besonderen Orten für Sie parat. Einen Teil davon, wollen wir Ihnen heute hier vorstellen.

Der alte Tierfriedhof

Im Oberackerer Teil des Waldgebietes, findet sich beispielsweise ein kleiner Friedhof für Haustiere, gut versteckt auf einer kleinen schattigen Lichtung. Dass dieses Waldstück eine seltsame Ruhe aussendet, ist den Kindern im Ort, mit Ihren ganz eigenen Wahrnehmungen, schon vor Jahrzehnten aufgefallen. Mitten im Wald, dort wo nur wenige Spaziergänger vorbeikommen, haben Sie über die Jahre einen Begräbnisort für Ihre Haustiere errichtet. Kleine Kreuze, beschriftete Steine und verblasste Fotos kennzeichnen den Ort, wo ihre geliebten Hunde, Katzen, Meerschweinchen und Hamster begraben liegen. Eine Zeit lang werden die Gräber gepflegt, dann vergessen und an selber Stelle schließlich ein weiteres Tier begraben – die Kreislauf des Lebens en miniature.

Der ewige Brunnen

Etwas tiefer im Frauenwald versteckt, findet sich abseits der Wege der uralte St. Blasius Brunnen. Bis vor etwa hundert Jahren entsprang hier eine kleine Quelle, die den älteren vielleicht noch als “Bläskirch” ein Begriff sein könnte. Mittlerweile wurde die an dieser Stelle entspringende Grundwasserquelle durch die Rekonstruktion eines Brunnens ertüchtigt, dessen Vorläufer bereits auf die Römerzeit zurückdatiert werden können. Neben dem vor exakt 40 Jahren neu errichteten Brunnen, gibt es auch eine kleine Raststelle für ein Picknick der ganz besonderen Art.

Die laubige Eiche

Ziemlich genau im Zentrum des großen Waldstückes zwischen Heidelsheim, Oberacker und Neibsheim findet sich ein Baum, der anders ist als alle anderen. Die Königin des Waldes ist die „Laubige Eiche“ – ein uralter Riese, der bereits seit 300 Jahren seine Krone gen Himmel reckt. Fast fünf Meter im Umfang misst der majestätische Hüne. Geboren wurde Sie im frühen 18. Jahrhundert, noch bevor die Amerikaner ihre Unabhängigkeit erklärten, noch bevor die Franzosen die Revolution ausriefen und kurz nachdem die großen Erbfolgekriege Europa in ein Tal der Tränen rissen. Die ersten Blätter der jungen Eiche müssen um jene Zeit ihre Blätter durch das Erdreich gereckt haben, als um sie herum der schwarze Tod sich ein letztes Mal aufbäumte und unzählige Leben nahm. Der kleine Baum sah Könige und Kaiser aufsteigen und abdanken, Nationen erblühen und vergehen. Heute ist er immer noch da und bietet unter seinen gewaltigen und ausladenden Ästen, Schatten und Ruhe für alle Wanderer, deren Sinne dafür noch offen sind.

Der Waldtempel

Es gibt, tief versteckt im Heidelsheimer Wald, einen Ort der so schön ist, dass man unwillkürlich stehen bleibt und sich in Stille und Demut ehrfürchtig umsieht. Kaum jemand kennt diesen Ort, denn er ist weder über reguläre Pfade zu erreichen noch auf irgendeiner Karte verzeichnet. Dort finden sich unzählige uralte Buchen – manche davon rund 200 Jahre alt, die ungestört und unbehelligt durch Kettensägen oder Äxte wachsen und leben dürfen. Dieser kleine, inoffizielle Bannwald, geht auf ein Forschungsprojekt der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) zurück. Vor genau 33 Jahren erklärte die Behörde dieses Waldstück zu einer Art Testgelände, auf dem durch regelmäßige Probenentnahmen Umwelteinflüsse auf den Wald dokumentiert werden sollten. Das Bruchsaler Forstamt erhielt damals die stolze Summe von 400 D-Mark dafür, diesen Buchenwald weder zu betreten, noch zu bewirtschaften. Abgesehen von den Bannwäldern bei Untergrombach, findet sich kaum an anderer Stelle ein derart Art natürlich gewachsenes Waldgebiet, wie auf diesem besonderen kleinen Flecken Erde. Die Buchen sind in schwindelerregende Höhen gewachsen und bilden im Sommer wenn ihre Kronen voll belaubt sind, eine geschlossene grüne Decke. Aus diesem Grund nennt man dieses Waldstück auch einen Hallenwald, da es hier bei wenig Sonnenlicht regelrecht dunkel werden kann. Spätestens dann entfaltet dieser Ort eine Atmosphäre und eine Mystik, die jeden dafür empfänglichen Besucher tief im Inneren berühren.

Die Schnee-Allee

Es geht nichts, aber wirklich absolut gar nichts, über den ersten Schnee eines jungen Winters. Wenn das Land unter einer weißen Decke verschwindet, die jedes Geräusch raubt und nur jene andächtige Stille zurücklässt, die man sonst zu keinem anderen Zeitpunkt des Jahres erleben kann. Leider scheint sich der Schnee aus dem Kraichgau verabschiedet zu haben, in den letzten Jahren gab es kaum einen Tag, an dem die weiße Pracht bereit war vom Himmel zu fallen. Wenn es aber doch einmal über Nacht etwas geschneit hat, gibt es nur wenige Orte im Hügelland die so beschaffen sind, dass der Schnee hier zumindest ein paar Stunden Bestand haben darf. Einer dieser Orte ist besagtes Waldstück – genauer – die höheren Lagen Richtung Neibsheim und Büchig. Tief im Tannenwald hält sich der Schnee etwas länger als anderswo und wer richtig früh aufsteht, hat das unbeschreibliche Vergnügen, seine Fußstapfen in eine jungfräuliche Schneedecke setzen zu dürfen.

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