Annas kleiner Kiosk im Herzen von Ubstadt ist mittlerweile einer der zentralen Dreh- und Angelpunkte im Dorf.
Hier kann man alles erledigen – sogar die Post…
von Stephan Gilliar
Anna gehört hierher, da gibt es keine zwei Meinungen. Die immer fröhliche Kasachin ist genau das, was Ubstadt gefehlt hat, und damit ist nicht nur die geschlossene Lücke in der Postversorgung gemeint.
Vor zwei Jahren hat sie den kleinen Kiosk in der Röhringstraße übernommen, genau in dem Bereich, den man mit etwas Fantasie die Ubstädter Innenstadt nennen könnte. Hier gibt es immerhin noch eine Apotheke, einen Bäcker, eine Metzgerei, zwei Banken, mehrere Ärzte und auch etwas Gastronomie.
Die heimliche Wirtschaftskraft
Mit Anna gibt es nun zusätzlich einen Kiosk, eine Postfiliale, eine Annahmestelle für die Wäscherei und den Schuhmacher sowie einen An- und Abmelde-Service samt Schilderdienst für KFZ-Dienstleistungen. Dazu ein kleines Schreibwarengeschäft, ein paar Geschenkartikel und sogar ein kleines bisschen Mode von Halstüchern über Gürtel bis hin zu Handtaschen. Man könnte problemlos sagen, Anna ist die heimliche Wirtschaftskraft vor Ort. Ach ja, Lotto kann man auch noch spielen.
Aber Anna ist weit mehr als die Summe dieser immer weiter anwachsenden Dienstleistungen; sie ist genau die Art von Mensch, die man sich hinter einem solchen Tresen wünscht. Sie ist fröhlich, sie ist unkompliziert, sie ist nahbar und hat diese herrliche Mischung aus Standfestigkeit, Gelassenheit und Herzlichkeit. Das Ganze in Worte gefasst mit diesem herrlich kasachischen Akzent, der seine ganz eigene charmante Melancholie entfaltet, melodisch und erdig – man hört ihr einfach gerne zu.
Ein Ort der Begegnung
Anna hat das Zeug dazu, die überall längst verschwundenen Tante Emmas zu beerben: ein kleiner Ort, an dem die Gemeinde zusammenfindet, an dem man tratschen und sich austauschen kann. Die meisten der Angelegenheiten, die man bei Anna abwickeln kann, sind nicht sonderlich zeitintensiv. Mal schnell ein Päckchen abgeben, eine Zeitschrift holen, eine Packung Kippen. Alles Dinge, die in einer Minute erledigt sind.

Auch bei meinem letzten Besuch war im Grunde nur eine kleine Postformalität zu erledigen – daraus ist ein ganzes Interview geworden. Warum? Weil Anna aufmerksam ist, und das ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Ein Blick auf meinen Personalausweis hat ihr gereicht, um festzustellen, dass ich morgen Geburtstag habe. So schnell, wie ich ein kleines Fläschchen Weißwein mit einer Schleife daran in der Hand hielt, konnte ich gar nicht schauen.
Zuverlässigkeit als Erfolgsrezept
Anna ist nicht nur in menschlicher Hinsicht ein Gewinn für Ubstadt, sondern eben auch über das breite Angebot der hier möglichen Dienstleistungen. Wie schon erwähnt, kann man hier so ziemlich alles erledigen, entweder direkt vor Ort oder als Annahmestelle. Vor zwei Jahren hat sie das kleine Ecklädchen übernommen und danach mit einem etwas schwierigen Erbe kämpfen müssen. Denn zuvor – so zeigen es die früheren Bewertungen über Google und Co. ganz klar auf – war Zuverlässigkeit in Sachen Öffnungszeiten ein schwieriges Thema. Nicht selten standen Kunden vor verschlossenen Türen und mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen.



Bei Anna ist das nun anders. Sie ist die ganze Zeit in ihrem kleinen Laden, manchmal unterstützt von einer Freundin, manchmal von ihrer Tochter. Sogar über die Mittagszeit hinweg; Anna hat quasi nonstop geöffnet.
Vom Tabakshop zur eigenen Existenz
Das Geschäft selbst ist ihr nicht neu: In den Jahren zuvor hat sie lange Zeit als Verkäuferin in einem Tabak- und Lottoshop in Östringen gearbeitet. Irgendwann kam ihr dann der Gedanke, es einmal auf eigenen Beinen zu versuchen. Bestärkt von Vertretern der Post selbst, hat sie schließlich den Schritt gewagt und ihn nicht bereut. Zwar war das erste Jahr schwer, doch mittlerweile brummt der kleine Laden. Mal mehr, mal weniger, aber genug, um Anna zu tragen.

Genug sogar, um sie weiter träumen und planen zu lassen. Denn Anna könnte sich vorstellen, an anderer Stelle eine weitere Filiale zu übernehmen; im Blick hat sie Bruchsal. Dort wäre man ihr vermutlich verdammt dankbar, denn seit die Deutsche Post, von vielen Seiten kritisiert, die große Niederlassung im Postcenter sang- und klanglos geschlossen hat, klafft hier eine Lücke in der Versorgung.
„Das könnte ich mir vorstellen“, sagt Anna, lacht, schlingt den vielleicht nicht ganz zufällig in den Farben der Post gehaltenen Strickmantel um die Schultern und eilt nach drinnen, um zwei Schulkindern eine Handvoll Süßigkeiten für ein paar Cent zu verkaufen. Wenn das mal keine Tante-Emma-Vibes sind, dann weiß ich auch nicht. Oder vielmehr Tante-Anna-Vibes, über die zumindest ich mich von Herzen freue.

Nicht einer , der einzige zentrale Anlaufpunkt !
So was fehlt in Heidelse. NIEMAND will eine Postagentur übernehmen oder neu gestalten. Da darf man sich daran gewöhnen, seine Briefe und Pakete in den Nachbarort zu bringen zu dem indischen Gastronom. Das Beispiel der guten Frau zeigt sehr deutlich, daß man nicht nur jammern sollte, sondern auch was tun !!!!
Lieber Herr Gilliar ,
Vielen lieben Dank für den tollen Artikel 😊
Ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut.
Danke für die schönen Worte und die Zeit, die Sie sich genommen haben.
Vielen herzlichen Dank dafür!
Liebe Grüße
Anna