Bretten sagt zähneknirschend, aber geschlossen „Nein“ zur Gartenschau
Seien wir ehrlich: Eine grüne Frischzellenkur würde Bretten durchaus zu Gesicht stehen. Die Stadt ist wunderschön, da gibt es keine zwei Meinungen, aber eine bunte Belebung und etwas mehr naturnahe Flächen würden dem alten Mädchen sicher nicht schaden. In der Altstadt findet man kaum einen grünen Flecken, der Saalbach dümpelt lieblos an deren Peripherie vorbei und der Stadtpark hat durch Behelfsbauten in den letzten Jahren reichlich Fläche und damit Aufenthaltsqualität eingebüßt.

Da machten die ersten Pläne für die Umgestaltung des künftigen Gartenschaugeländes rund um die beiden Areale an der Wilhelmstraße und der Pforzheimer Straße schon Lust auf mehr. Die Entwurfsskizzen mit dem üppigen Grün, den langen Wegen, den gemütlichen Sitzgelegenheiten und dem direkten Zugang zum Wasser gaben den Blick frei auf ein verheißungsvolles Stück Bretten, das es in dieser Form noch nie gegeben hat – und vermutlich in nächster Zeit auch nicht geben wird. Denn das Projekt „Gartenschau 2031“ ist tot – mausetot, um genau zu sein.
Ein Sargnagel im Namen der Vernunft
Der Sterbeprozess allerdings hat schon vor einer ganzen Weile eingesetzt. Gestern Abend hat der Gemeinderat quasi den letzten Sargnagel eingeschlagen – und das ganz sicher nicht aus einer Laune heraus, auch nicht aufgrund von Mutlosigkeit oder mangelnden Visionen, sondern orientiert an der knallharten wirtschaftlichen Realität. In dieser Realität ist Bretten eine Stadt mit hohem Schuldenstand und – ganz genau wie fast alle anderen Städte im Land – gezeichnet von düster-schwarzen finanziellen Prognosen, was die zu erwartenden Einnahmen in kommender Zeit angeht. Da passt ein Projekt wie die Gartenschau, das im besten Fall gute 30 Millionen Euro gekostet hätte – vermutlich aber sehr viel mehr –, nur schwer ins Bild.

Der Gemeinderat folgte der Empfehlung der Stadtverwaltung, der seit den Wahlen im letzten Jahr Brettens neu gewählter Oberbürgermeister Nico Morast vorsteht, und kippte das Großprojekt nun endgültig. Ein bemerkenswerter Akt, darüber hinaus mit überwältigender Mehrheit, geschlossen und fraktionsübergreifend legitimiert. Leicht habe man sich die Sache nicht gemacht, so der Tenor einer gemeinsamen Stellungnahme aller Fraktionen. „Es sind keine leichten Tage, in denen wir heute zusammenkommen“, heißt es hier, und auch: „Eine Gartenschau absagen zu müssen, ist keine Entscheidung, die man leicht trifft. Aber es ist eine Entscheidung, die getroffen werden muss – aus Verantwortung, aus Klarheit, aus Weitblick.“
Ein Schritt der Vernunft
Man sei sich bewusst, welche Chancen die Gartenschau geboten hätte, wie Gastronomie, Handel, Handwerk und Gewerbe von ihr profitiert hätten. Man wolle diese Chancen nicht kleinreden, heißt es in der Stellungnahme weiter, dennoch: „In dieser Lage zu sein, die Reißleine zu ziehen, ist kein Rückschritt – sondern ein Schritt der Vernunft.“
Vernunft und Realismus – darauf basiert letztlich die gemeinsame Position der Fraktionen. Wie es in dem Papier heißt: Ein solch großes Projekt birgt erhebliche finanzielle Risiken, wie z. B. Steuer- und Gebührenerhöhungen, Streichung von Freiwilligkeitsleistungen etc. Steigende Kosten und Unsicherheiten hätten am Ende dazu führen können, dass nicht nur diese Chancen verloren gehen, sondern auch wichtige städtische Ressourcen überfordert werden – mit negativen Folgen für alle Bereiche unserer Stadtgesellschaft.
Veränderte Voraussetzungen und geplatzte Hoffnungen
Tatsächlich haben sich in den vergangenen Monaten die Voraussetzungen für wesentliche Eckpfeiler der Gartenschau auch gravierend verändert. Das betrifft nicht nur die finanziellen Voraussetzungen, sondern auch die räumlichen. Der Wegfall des sogenannten Wertheimer Areals, das für die groß gedachte Variante der Gartenschau von Wichtigkeit gewesen wäre, hat hier schon ein Stück weit Fakten geschaffen.

Dass es die große Variante A nicht ans Tageslicht schaffen würde, war Oberbürgermeister Nico Morast im Grunde bereits im Dezember auf der Klausurtagung in Balingen klar. Mehrere Faktoren sprachen einfach dagegen – zum einen die erwarteten Kosten von mehr als 50 Millionen Euro, aber auch der Umstand, dass die geplante Brettener Umgehungsstraße nicht bis zur Schau fertig geworden wäre, um die Verkehrsflüsse in der Stadt während und nach der Veranstaltung entsprechend zu entlasten, berichtet er uns im telefonischen Interview. Spätestens als aber die Schwierigkeiten rund um die Verlagerungsfläche / das Wertheimer Areal sich zuspitzten, schien der weitere Lauf der Dinge sich allmählich abzuzeichnen.
Ein Prestigeprojekt ohne Substanz?
Aber hätte es nicht eine noch kleinere Variante sein können, quasi eine Variante C? Ministerium und Regierungspräsidium hätten zumindest auch zu einer abgespeckten Variante ihre Zustimmung signalisiert, räumt Nico Morast ein, jedoch hätte die Schau dann komplett ihr Ziel verfehlt – nämlich ein Motor für die städtebauliche Entwicklung Brettens zu sein. Das Geld wäre dann quasi verpufft, im Vordergrund hätte nur die Rettung eines Prestigeobjektes gestanden, ist sich der Oberbürgermeister sicher. Man wäre als Tiger gestartet und hätte als Bettvorleger geendet, unterstreicht er diese Gewissheit bildlich.

Ob er es bedauert, dass Bretten nun nicht Ausrichter der Gartenschau 2031 wird? Natürlich bedauert er das – auch auf einer persönlichen, emotionalen Ebene. Aber es brauche eben auch Mut, Stadtentwicklung auf Sicht zu fahren und keine finanziellen Abenteuer einzugehen. Man müsse auch lieb Gewonnenes infrage stellen. Das übrigens sei ein schmerzlicher Akt, den viele Städte und Gemeinden im ganzen Land auch in Zukunft immer wieder meistern müssen – verschlechtert sich doch die finanzielle Lage der Kommunen beständig und in großen Schritten. Es gilt fortan konsequent zu fokussieren und zu priorisieren, ist sich Nico Morast sicher.
Was trotzdem bleibt
Dennoch – das ist Stadtverwaltung und Gemeinderat wichtig – muss auch betont werden, dass mit der Entscheidung, die Gartenschau fallen zu lassen, keineswegs einhergeht, wesentliche Projekte zur Aufwertung der Innenstadt mit ihr zu beerdigen. Vorhaben, die weiterhin umgesetzt werden könnten, fasst die fraktionsübergreifende Stellungnahme in den folgenden Punkten ins Auge:
· Neue Qualitäten in der Sporgasse samt angrenzendem Stadtpark
· Mehr grün-blaue Aufenthaltsqualität in der Withumanlage
· Perspektiven für das Norma-Areal
· Grüne Freiräume entlang von Weißach, Salzach und Saalbach
· Eine zukunftsfähige Verkehrsplanung
Auch Nico Morast bestätigt, dass die grün-blaue Transformation der Stadt eine Leitlinie bleiben soll – quasi die Quintessenz aus dem entsprechenden Rahmenplan, der ursprünglich auch Teil der Gestaltung der Gartenschau war.
Ein Blick über den Gartenzaun
Ob diese Aspekte ohne den fehlenden Rahmen der Gartenschau umgesetzt werden können, in welcher Form auch immer, steht natürlich dennoch in den Sternen. Hier bleibt die Entwicklung der kommenden Zeit abzuwarten. Denn wie man es dreht und wendet: Der Wegfall der Gartenschau ist natürlich auch ein Verlust für die Stadt Bretten und ihre Wahrnehmung – sowohl nach innen als auch nach außen. Hier lugt der eine oder andere möglicherweise neidisch ins nahe Eppingen, das erst kürzlich eine kleine Gartenschau erfolgreich über die Bühne gebracht und reichlich neue Impulse für das Miteinander und das Kulturleben der Stadt erwirkt hat.

Nicht nur die Veranstaltung selbst gilt im Nachhinein als großer Erfolg – auch wenn sie mehrfach verschoben werden musste – sondern auch die Nachwirkungen und Hinterlassenschaften. Beispielsweise ist der „Eppinger Sommer“ auf dem Areal der ehemaligen Gartenschau schon jetzt eine lieb gewonnene und kultige Institution mit einem Programm, das sich bunt und abwechslungsreich durch den kompletten Sommer zieht. Ohne den passenden Wirkungsort, den während der Gartenschau komplett umgestalteten Weiherpark, wäre das vermutlich in dieser Form nicht passiert.
Eppingen als Vorbild?
Zudem konnten wichtige neuralgische Punkte in Eppingen, die zuvor eher brachlagen, neu belebt werden – darunter Teile der Altstadt, Wasserläufe, Grünflächen und mehr. „Die Gartenschau Eppingen war Schlüsselfaktor für eine nachhaltige städtebauliche Entwicklung und sorgte für einen neuen Erlebnisraum, für Wohlfühlorte und Freizeitmöglichkeiten – diese besondere Atmosphäre haben auch rund 400.000 Besucher aus Nah und Fern 2022 bestätigt“, schildert uns Eppingens Oberbürgermeister Klaus Holaschke sein Fazit für die Schau.

„Es war wohl das größte Stadtentwicklungsprojekt der jüngeren Geschichte Eppingens, welches bis heute noch nachwirkt: Eppingens Innenstadt hat sich maßgeblich positiv verändert, naturnah gestaltet und die Stadtgesellschaft profitiert heute mehr denn je von dieser 10 Hektar großen Daueranlage. Neue Wege, mehr Grünflächen, Wassertische und Spielpunkte – das Bürgerhaus ‚Schwanen‘, der neu geschaffene Wohnmobilhalt als flankierendes Projekt und die Renaturierung des Bachlaufes der Elsenz seien an dieser Stelle exemplarisch genannt – sind nun fester Teil von Eppingen. Die neuen Strukturen laden ein, die Stadt draußen zu erleben, und das Gelände wird seither in das Stadtgeschehen eingebunden: Festlichkeiten, Sommerreihen und Vereine finden zwischen Historischen Gärten und Weiherpark neue Plattformen.“
Was bleibt für Bretten?
Das klingt großartig – und wer sich in Eppingen umsieht, wird nicht umhinkommen zu bemerken, dass der OB diese positiven Töne nicht grundlos anstimmt. Was nicht heißen soll, dass der Weg bis zum Abschluss des Projekts nicht hin und wieder auch steinig und kompliziert war. Innerhalb der Stadtverwaltung hat sich über Jahre hinweg ein 14-köpfiges Team mit der Durchführung befasst, unterstützt durch mehrere hundert ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Besonders die Corona-Pandemie hätte das Vorhaben beinahe ins Wanken gebracht, weiß Klaus Holaschke nur zu gut – aber letztlich habe sich die Beharrlichkeit bezahlt gemacht.

„Wir haben immer an unsere Gartenschau geglaubt und alles dafür gegeben, dass wir dieses Projekt so feiern und erleben können, wie wir es uns vorgestellt haben und wie wir es an die Bürgerschaft und Besucher übergeben wollten: unbeschwert und in vollem Ausmaß, ohne Einschränkungen bei Einlass und Besuch, ohne Veranstaltungsausfälle. Entsprechend haben wir dafür gekämpft, die Gartenschau Eppingen – wie es auch Überlingen zuvor geglückt ist – um ein Jahr zu verschieben und die anfallenden zusätzlichen Kosten gedeckt zu bekommen.“
Ein letzter Blick zurück
In Bretten waren es letztlich die Kosten, die das Projekt nun am Ende stürzen ließen. Hier ist auch keine direkte Gegenüberstellung mit der kleinen Gartenschau in Eppingen sinnvoll oder möglich – denn diese hat „nur“ knapp 9 Millionen Euro gekostet. Die beiden Veranstaltungsformate und auch die Stadtgrößen sind schlicht nicht miteinander vergleichbar. Bretten hätte im besten Fall etwas mehr als 30 Millionen Euro investiert, also mehr als das Dreifache der Eppinger Investitionen. Dafür hat Eppingen aber eben auch etwa 9000 Einwohner weniger als die Melanchthonstadt. Dennoch sind auch 8,8 Millionen Euro für eine Stadt wie Eppingen kein Pappenstiel. „Das sind große Zahlen“, sagt auch Klaus Holaschke, hält aber überzeugt fest: „Fakt war: Wir investieren hier in die Zukunft unserer Stadt – zwar konzentriert sich alles auf 136 Tage Gartenschau 2022, aber das, was bleibt, zählt vielmehr.“
Über das, was bleiben könnte, muss sich Bretten nun keine Gedanken mehr machen. Der Zug ist abgefahren, die Gartenschau wird weiterziehen… in eine andere Stadt – und vielleicht dort Wurzeln schlagen. Oder auch nicht, denn nirgends wächst das Geld derzeit auf Bäumen. Bleibt zu hoffen, dass Bretten das nicht irgendwann doch bereut. Denn wie heißt es so schön: Nichts gedeiht auf steinigem Acker so gut wie Bedauern.

Ja, das beschauliche Eppingen hat mit der Gartenschau positiv entwickelt. Ich habe mich über den See Mitten in der Stadt gefreut. Die Zeiten haben sich allerdings verändert: leere Kassen sprechen eine deutliche Sprache. Rüstungsindustrie statt Autoindustrie – deren Mörder in Berlin und Brüssel sitzen !! Vielleicht könnte sich Bruchsal um die Ansiedlung eines Rüstungsunternehmen bemühen. Dann käme wieder Geld in die leeren Kassen
Gute Nacht, die Flocken sind aus !
Naja Eppingen kann man aus meiner Sicht nicht mit Bretten vergleichen, die grösste Leistung in Eppingen wurde schon vor Jahren erbracht nämlich die Verlegung der B293 aus der Stadt raus, als ordentliche Umgehung ausgeführt, anschließend konnte der Marktplatz und die angrenzende Strasse schön gemacht werden, zusammen mit der angrenzenden alten Fachwerkstadt macht dies sicher den Reiz von Eppingen aus. Die Landesgartenschau Eppingen hat hauptsächlich die sehr grosse Wiese neben dem Kaufland mit einem See aufgewertet. Daneben wurde noch entlang des kleinen Bach der vorhandene Weg aufgehübscht.
Was net geht, geht halt net.🤷
Und dann müsste Bruchsal das Geld nur noch an Bretten überweisen.
Die Mörder sitzen übrigens in Moskau.