Unbesungene Wahlhelden – Die Kreistagsstürmer aus Zaisenhausen

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Zwei Underdogs wirbeln den Kreistag auf

Es ist fast auf den Tag genau 100 Jahre her, als der deutsche Jurist und Nationalökonom Max Weber in einem Vortrag an der Universität München die Frage, was einen guten Politiker ausmacht, mit den drei Schlagworten Leidenschaft, Verantwortungsgefühl, Augenmaß beantwortete. Aus Sicht der Wähler könnte man diese drei Begriffe mit der einfachen Frage zusammenfassen: Vertraue ich diesem Politiker?

Es sind also nicht nur nüchterne Fakten oder irgendwelche Meilensteine in Biographien die Wahlen entscheiden, sondern auch abstrakte Werte wie Intuition, Instinkt und Gefühl. Genau diese Faktoren führen mitunter auch zu Wahlergebnissen mit denen Analysten im Vorfeld kaum gerechnet haben dürften. Ganz unbemerkt im Schatten der allgegenwärtigen Europawahlen haben zwei Politiker im Kraichgau eine solch Sensation zuwege gebracht. Bei den Kreistagswahlen vor wenigen Wochen erhielten die Zaisenhausener Bürgermeisterin Cathrin Wöhrle und ihr Stellvertreter Volker Geisel derart viele Stimmen, dass sie fast unbemerkt von der Öffentlichkeit einen kleinen politischen Erdrutsch im Kraichgau losgetreten haben. Hinter Cathrin Wöhrles Name setzten die Wähler insgesamt 7462 Kreuze und verhalfen der politischen Newcomerin zum erstmaligen Einzug in den Kreistag. Damit verbaute sie nicht nur unerwartet Kraichtals Bürgermeister Ulrich Hintermayer die Wiederwahl, sondern ließ auch viele weitere altgediente Politiker in der Region alt aussehen. Zwar gibt es durchaus Kandidaten die mehr Stimmen erzielten als Cathrin Wöhrle, in Relation zu ihrer Gemeindegröße und jener des Wahlkreises 011 Kraichtal hat sie aber die Kreistagswahlen gerockt wie kein anderer.

Stimmen der alten Hasen abgeluchst

Die meisten ihrer Stimmen hat sie dabei noch nicht einmal in Zaisenhausen selbst gesammelt, mehr wäre zuhause auch kaum abzuräumen gewesen. Hier sprangen von 1750 Wahlberechtigten 1748 Kreuzchen für Wöhrle heraus – die restlichen rund 6000 Stimmen hat sie den alten Hasen aus den Nachbargemeinden direkt vor der Nase abgegriffen. Das politische Urgestein und Bürgermeister von Oberderdingen Thomas Nowitzki konnte sich z.B. mit 8.614 Stimmen lediglich mit 1.152 Stimmen Differenz von Wöhrle absetzen – Bedenkt man aber das Oberderdingen mit 11.000 Einwohnern im Vergleich zu den 1.600 Einwohnern Zaisenhausens deutlich mehr potentielle Wähler zu bieten hat, wird klar dass Cathrin Wörle dem alten Haudegen aus dem Amtshof ordentlich Stimmen abgeluchst hat.

Ein überaus respektables und unerwartet gutes Ergebnis hat auch ihr Stellvertreter Volker Geisel eingefahren. Für die SPD holte er 2391 Stimmen und hat damit den Einzug in den Kreistag geschafft. Abgesehen von seiner Position als stellvertretender Bürgermeister, ist die Abordnung in das Gremium sein politisches Debüt. Hauptberuflich arbeitet er als stellvertretender Schulleiter am Bildungszentrum Schloss Flehingen, in seiner Freizeit engagiert er sich in mehreren Kirchengemeinden, darunter auch in Kraichtal-Menzingen, was mitunter auch seine guten Ergebnisse erklären dürfte.

Wie kam es zu diesen starken Zahlen für die beiden Underdogs?

Mit langen politischen Biographien lassen sich die Wahlsiege jedenfalls kaum erklären. Abgesehen von ihren Tätigkeiten als Bürgermeisterin, bzw stellvertretender Bürgermeister, sind die beiden Akteure auf der politischen Bühne bisher kaum in Erscheinung getreten. Maßgeblich für den Erfolg müssen also die eingangs beschriebenen abstrakten Werte wie Intuition, Instinkt und Gefühl gewesen sein. Wer die beiden einmal im direkten Gespräch erlebt hat, ahnt wieso die Menschen ihnen ihre Stimmen anvertraut haben. Von denen mit Politikern assoziierten Attributen ist bei beiden nichts spür- oder greifbar. In Cathrin Wöhrles Art finden Sich keine Spuren von Allüre, Taktiererei oder jedwedem Kalkül. Sie wirkt im Gespräch offenherzig, ehrlich und hier und da gar etwas verlegen. In ihrem Büro steht der Laufstall für ihren neugeborenen Sohn direkt neben ihrem Schreibtisch, ein Bild des in den Amtsstuben der Kraichgauer Rathäuser absolut einmalig ist. Cathrin Wörle, geboren in Flehingen, ist 2013 überraschend zur Bürgermeisterin in Zaisenhausen gewählt worden. Sie liebt das kleine Dorf, hat erst kürzlich gebaut und möchte hier alt werden. Höhere politische Ämter oder Positionen strebt sie nach eigener Aussage nicht an. Vermutlich ist es genau dieses Unprätentiöse, das die Menschen dazu veranlasste ihr rund 7500 Stimmen anzuvertrauen. Auch Volker Geisel wirkt im Gespräch auf eine unaufdringliche Art und Weise einnehmend. Der Kirchenmann und der Pädagoge schwingt in jedem seiner durchdacht artikulierten Worte immer mit. Sein Duktus erinnert unwillkürlich an eine Predigt, allerdings keine von der hohen Kanzel herab sondern einer auf Augenhöhe. Wie gesagt, erst wenn man die beiden Stimm-Könige aus dem Kraichgau aus der Nähe gesehen und erlebt hat, erahnt man die Gründe für die extrem guten Wahlergebnisse bei den zurückliegenden Kreistagswahlen. Dies ist zumindest ein individueller Versuch der Deutung ohne die Hoheit über selbige zu beanspruchen.

Was macht der Kreistag eigentlich?

Künftig entsendet die kleinste Gemeinde im Kraichgau also gleich zwei Abgeordnete in den Kreistag um für Ihre Belange und die des ganzen Landkreises einzustehen. Doch was passiert eigentlich im Kreistag? Wofür steht er, was kann und darf er? Grob gesagt entscheidet diese kommunale Volksvertretung über alle wichtigen und grundlegenden Angelegenheiten des Landkreises und kann Grundsätze für die Verwaltungen festlegen. Er entscheidet über Sachverhalte die die Möglichkeiten der einzelnen Gemeinden übersteigen und jene die für den ganzen Landkreis von Bedeutung sind Die Themen reichen hier z.B. von der Abfallwirtschaft über den Straßenbau bis hin zur Gesundheitsversorgung. In jedem der 35 Landkreise in Baden-Württemberg gibt es einen Kreistag, der alle fünf Jahre im Kielwasser der Kommunalwahlen gewählt wird. Spezielle Sachthemen werden im Kreistag von eigens dafür gebildeten Ausschüssen bearbeitet, z.b. in Sachen Kultur, Gesundheit oder Wohnungsbau.

Die Zukunft wird es zeigen

Auf die Arbeit in diesem wichtigsten Gremium auf Landkreisebene freuen sich auch die frischgebackenen Abgeordneten aus Zaisenhausen. Zu den Themen auf Volker Geisels Agenda zählen dabei die Jugendhilfe, der öffentliche Nahverkehr und der soziale Wohnungsbau, wichtige Punkte für Cathrin Wöhrle sind ebenfalls der ÖPNV, der bedarfsgerechte Ausbau des Gesundheitswesens und die gerechtere Verteilung von Hilfsgeldern in sozialen Belangen.

Der klassische Vorteil politischer Newcomer ist die weiße Weste und die Unschuld des Neuen. Bei den nächsten Wahlen allerdings werden für die Wähler auch Faktoren wie nachweisbare politische Erfolge und die Früchte konkreter Sacharbeit von Bedeutung sein. Cathrin Wöhrle und Volker Geisel haben nun fünf Jahre Zeit um dem Vertrauen ihrer Wähler in dieser Hinsicht Rechnung zu tragen.

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