Sündenfall Online-Shopping?

Sündenfall Online-Shopping?

Seit Wochen geistern wortgewaltige Aufforderungen durch die sozialen Netzwerke, die ihre Leser animieren dieses Jahr die Weihnachtsgeschenke bei den örtlichen Händlern anstatt im Onlinehandel bei Amazon und Co. zu kaufen.

Im ersten Moment senkt manch einer dann schuldbewusst das Haupt und gelobt Besserung, denn irgendwie „haben die ja Recht“. Begibt man sich dann aber an einem Adventssamstag in das „Abenteuer Innenstadt“, bekommt der eigene Enthusiasmus einen derben Dämpfer verpasst. Das beginnt bereits bei der Anfahrt! Möchte man zum Beispiel zum Bummeln nach Karlsruhe fahren, muss man sich zuerst durch die unzähligen Baustellen kämpfen um schließlich die nervenaufreibende Suche nach einem Parkplatz anzugehen. Hat man diesen gefunden erwarten einen in der Innenstadt: Überfüllte Straßen und Geschäfte, aufdringliche Flyerverteiler und Bettler, ein nicht vollständiges Warenangebot und und und…. Am Ende hat man einen Teil seiner Geschenke zusammen und fällt am Abend ausgelaugt auf die Couch….nächsten Samstag geht´s nochmal los, denn die Jacke in der richtigen Größe für den Göttergatten und das Parfüm für Oma war im Laden nicht vorrätig und mussten bestellt werden.

Machen wir die Gegenprobe! Anstatt in die Stadt zu fahren und einen Tag den Stresspegel in die Höhe zu schrauben, setzen wir uns auf die Couch und nehmen den Tablet-PC zur Hand. Ein paar Klicks und die gewünschten Waren liegen in unserem digitalen Einkaufskorb – ein weiterer Klick und der Paketbote ist quasi schon auf dem Weg zu uns. Wir haben Zeit und Nerven gespart und in den meisten Fällen auch nicht unerheblich viel Geld. Voila!

Doch so einfach ist es natürlich nicht – wann ist es das denn jemals?

Damit wir zu günstigen Preisen unsere Waren an die Haustür geliefert bekommen, müssen eine ganze Reihe von Menschen draufzahlen. Die unterbezahlten Mitarbeiter der großen Logistikzentren, die bis zum Umfallen schaffenden Paketboten und die kleinen Einzelhändler, die bei den Dumping-Preisen der „Großen“ nicht mithalten können.

Genau hier setzen nun die eingangs erwähnten Petitionen an: Kauft wieder lokal! Aber ist das wirklich die Lösung? Ist es tatsächlich immer der faule Endkunde, der die Verantwortung für die großen Missstände in Wirtschaft und Handel trägt? Ist es seine moralische Verfehlung? Nein. Die Politik ist hier gefragt, ganz im Sinne der sozialen Marktwirtschaft an den Rahmenbedingungen zu arbeiten. Ja, die großen Online-Händler verlegen ihre Konzernzentralen nach Luxemburg um dort Steuern zu sparen. Sind wir ehrlich: Wenn ich die Möglichkeit hätte anstatt 40 Prozent Steuern, nur 5 Prozent zu zahlen… ich würde es wohl tun. Solange ich damit keine Gesetze breche, ist es die Pflicht des Staates diese Schlupflöcher zu schließen.

Oder nehmen wir den Service! Kaufe ich z.B. bei Amazon ein, dann weiß ich, dass ich jedes Produkt ohne „Wenn und aber“ zurückgeben kann und mein Geld erhalte. Ebenso weiß ich, dass im Garantiefall das Unternehmen immer mit maximaler Kulanz entscheidet. In der Innenstadt gibt es natürlich auch kulante und zuvorkommende Händler, aber ein Recht habe ich darauf nicht. Im Zweifelsfall entscheide ich mich für die von vorneherein stressfreie Variante.

Sündenfall Online-Shopping?

Nun ließt sich diese gesamte Abhandlung wie eine große Lobhudelei auf das Online-Shopping. Ja, ich bin ein Fan dieser neuen Möglichkeiten. Ein Boykott käme einem Schritt zurück gleich. Ganz egal was es an Innovationen auf der Welt gibt – irgendjemand redet Sie immer schlecht und verlangt eine Rückkehr zum Althergebrachten und Traditionellen. Würden wir diesen Stimmen immer folgen, wären wir wohl nicht da wo wir heute stehen. Ob das etwas Gutes oder Schlechtes ist, möge jeder von uns selbst entscheiden.

Vieles muss definitiv noch verbessert werden: Es kann nicht sein, dass ein Paketbot sich förmlich kaputt arbeitet um anschließend kaum davon leben zu können. Es kann auch kein Geschäftsmodell sein, dass man sich 30 Paar Schuhe bestellt, in der Absicht nur eines zu kaufen und den Rest davon auf Kosten des Versenders zurück zu schicken. Es kann ferner nicht sein, dass Steuerschlupflöcher aus rein wirtschaftlichen Interessen einen Keil in die Gesellschaft und deren Gerechtigkeitsempfinden treiben dürfen. Hier sind die Regierung und die EU gefragt – nicht aber der Kunde selbst. Dieser sollte sich natürlich trotzdem die Auswirkungen der Verlagerung des Handels ins Internet bewusst machen! Unsere Innenstädte werden ein anderes Gesicht erhalten: Viele Läden werden leerstehen – das Leben wird sich verlagern. In die Stadt geht man dann noch um einen Kaffee zu trinken oder einen Film im Kino anzusehen – mehr gibt es dann dort nicht mehr. Wem das zu trostlos ist, der sollte sich lieber nochmal überlegen,  wo er dieses Jahr seine Weihnachtsgeschenke einkauft!

Ein Kommentar von Philipp Martin

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