Mund abbuzze, weitermachen

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Richter, Staatsanwalt… jetzt Bürgermeister

Vom Gerichtssaal ins Rathaus. Gunter Carra hat die Juristerei an den Nagel gehängt, um Politiker zu werden. Dabei mag er das Wort noch nicht mal besonders.

von Stephan Gilliar

Gleich vorweg, um mit offenen Karten zu spielen: Vor Interviews mit Juristen bin ich immer etwas angespannt. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass Vertreter dieser speziellen Berufsgruppe eben auch zuweilen genau das sind: speziell. Zudem leitet sich aus ihrer Fähigkeit, mit den geschätzt 80.000 bis 100.000 Rechtsnormen, Gesetzen, Verordnungen und Satzungen hantieren zu können, eine Überlegenheit uns Normalsterblichen gegenüber ab, die mich immer etwas gruselt.

Umso erfreuter bin ich, als mich Karlsdorf-Neuthards frischgebackener Bürgermeister Gunter Carra mit einem breiten Pfälzer Dialekt begrüßt, der uns Badner sowieso immer lächeln lässt. Trotz aller liebevoll gepflegten Frotzeleien stehen Sie uns doch nahe, unsere Brüder und Schwestern jenseits des großen Stromes. Nachbarn bleiben eben Nachbarn. Noch sympathischer wird er mir, als er, angesprochen auf den Dialekt, sich verwundert zeigt, dass er mir überhaupt aufgefallen ist. Wo er sich doch so bemüht. Wenn das das höchste Level seines Pfälzer „Stealth Mode“ ist, dann Guud Nacht. Dabei erwartet doch überhaupt niemand in Karlsdorf-Neuthard, dass der neue Bürgermeister bald so schwätzt, wie oiner von hier. Badisch ist man im Herzen, der Rest kommt mit der Zeit. Es gebt ewwe nix Bessres wie ebbes Gudes.

Im Herzen ist Gunter Carra bereits jetzt nicht nur Badner, sondern schon längst Karlsdorf-Neutharder. Die Art und Weise, wie er über seine Gemeinde spricht, könnte man am Anfang leicht mit zurechtgelegtem PR-Singsang verwechseln. Doch wenn man etwas genauer und etwas länger hinhört, kristallisiert sich eine Wahrheit heraus, die einem mit dem guten Gefühl zurücklässt, dass Karlsdorf-Neuthard eine goldrichtige Wahl getroffen hat. Gunter Carra liebt das Doppeldörfchen aufrichtig. Durch seine Frau – eine waschechte Wissedälerin – lernt er schon früh die Region kennen. Zusammen mit ihren beiden Töchtern lebt die Familie zwischenzeitlich in Ubstadt-Weiher.

Schon früher hat er sich hier in der Gegend umgesehen, alles erkundet, was es zu erkunden gibt. So stößt er irgendwann auf Karlsdorf-Neuthard und verliebt sich regelrecht in die Gemeinde. Als klar wird, dass Bürgermeister Sven Weigt als OB nach Bruchsal wechselt, reift in ihm eine Entscheidung. Obwohl Gunter Carra bis dahin eine echte Karriere als Jurist aufs Parkett gelegt hat – unter anderem mit Stationen als Staatsanwalt, als Richter und als Sprecher des Justizministeriums Baden-Württemberg, beschließt er, in die Lokalpolitik zu gehen. Im Visier des 45-Jährigen: nicht irgendein Job, sondern genau dieser. „Ich wollte nicht irgendwo Bürgermeister werden, sondern hier. Die Gemeinde hat mich überzeugt – der Zusammenhalt, die Vereine, die Herzlichkeit“, erzählt Gunter Carra und gerät ins Schwärmen. „Nach dem Dorffest und Straßenfest war klar: Hier will ich es probieren.“

Wie man feiert und auch den einen oder anderen Schoppen meistert, das weiß Gunter ganz genau – er hat es quasi von der Pike auf gelernt. Schließlich ist er in einer echten Wirtsfamilie großgeworden. Seine Eltern betrieben eine gutbürgerliche Gaststätte in einem kleinen Vorort von Kaiserslautern. Schon mit 14 Jahren stand Gunter hier hinter dem Tresen, hat stangenweise Zigaretten passiv geraucht und das Bier hektoliterweise ausgeschenkt. Wenn er davon erzählt, kann man das Stimmengewirr in der Gaststube, das Geklapper der Gläser und Teller, das Gelächter am Stammtisch regelrecht hören. „In der Gaststätte meiner Eltern wurde mehr getrunken als heute. Damals hat man donnerstags Bier von der Brauerei geliefert – und freitags wurde nachbestellt.

Doch Gunter wollte mehr als nur Bierzapfen – er wollte etwas bewegen. Schon in jungen Jahren engagierte er sich im Jugendparlament in Kaiserslautern und im Kreisvorstand. Nach der Schulzeit nahm er in Trier ein Jurastudium auf – Schwerpunkt Öffentliches Recht. Es folgten Stationen als Staatsanwalt und Richter in Karlsruhe und Mannheim, danach der Wechsel als Pressesprecher ins Justizministerium Baden-Württemberg.

Der Wechsel in die Politik und der Bruch mit dem bisherigen Lebensweg dürfen dabei nicht unterschätzt werden. Ein kompletter Quereinstieg in einer quasi fremden Branche setzt Mut voraus und den Ehrgeiz, mehr oder minder noch einmal ganz von vorne anzufangen. „Es war keine Entscheidung gegen die Justiz, sondern für die Gemeinde“, versichert Gunter Carra. Ohnehin war und ist der abstrakte Begriff „Karriere“ für ihn nicht die leckere Karotte, der man blind ein Leben lang hinterherrennt. „Ich bin hier nicht angetreten, um Karriere zu machen. Ich will einfach etwas bewegen – und das hier.“

Mit „hier“ meint er natürlich Karlsdorf-Neuthard, das 11.000-Seelen-Dorf westlich von Bruchsal, das 1975 aus den Gemeinden Karlsdorf, Neuthard und der kleinen Stadtwald-Siedlung entstanden ist. Durch die gute Verkehrsanbindung – Bahnstrecke, Bundesstraße und Autobahn laufen direkt an Karlsdorf-Neuthard vorbei – ist die Gemeinde bei Neubürgern sehr beliebt. Neuer Wohnraum steht daher ganz oben auf der Agenda des neuen Bürgermeisters, der vor wenigen Wochen mit über 83 % der Stimmen mit einem kleinen Erdrutsch ins Rathaus gespült wurde. Innenverdichtung ist eines der großen Themen, aber auch die Schaffung neuer Wohngebiete. Dabei hat Karlsdorf-Neuthard durch seine eingezwängte Lage in einem Ballungsgebiet hier nicht mehr wahnsinnig viel Spielraum.

Dennoch plagen die Gemeinde die gleichen Sorgen wie mehr oder minder alle anderen im Land auch. Das Geld ist knapp – mehr als das: Die Gemeinde steht mit einem äußerst angespannten Haushalt quasi mit dem Rücken zur Wand. So heißt es sparen, wo es nur geht, aber das ist eben nicht überall möglich. „Wir haben 1,7 Millionen Euro Defizit im Haushalt. Die Schönbornschule muss saniert werden – 15 Millionen Euro. Das stemmen wir, aber es ist eng“, berichtet Gunter Carra. Große Spielräume hat die Gemeinde nicht. Richtig brenzlig könnte es werden, falls der ebenfalls in den roten Zahlen steckende Landkreis die Abgaben erhöht. „Jeder Prozentpunkt mehr Kreisumlage kostet uns sechsstellig. Zwei Prozentpunkte – dann sind wir im Millionenbereich.“ Dazu kommt, wie so oft im Leben, irgendetwas ist immer. Gerade erst hat ein geplatzter Boiler das Rathaus in Neuthard unter Wasser gesetzt, aber solche Dinge passieren eben. „Mund abbuzze, weitermachen“ sagt Gunter Carra, Knopf dran und gut ist.

Trotz alledem bewahrt sich Gunter Carra seinen Pfälzer Optimismus. Seine Sicht auf die Dinge, die Welt und die Zukunft ist erfrischend positiv – keine Selbstverständlichkeit in der heutigen Zeit. „Die Kunst ist, nicht zu sagen: ‚Können wir nicht‘, sondern: ‚Wie machen wir’s trotzdem?‘“, sagt er, und man kann nur hoffen, dass das kein zotiger Zweckoptimismus ist. Rote Linien gibt es für den neuen Bürgermeister aber in jedem Fall, insbesondere bei den freiwilligen Leistungen der Gemeinde, die direkt auf das Engagement der Bürgerinnen und Bürger ausgerichtet sind. „Wir sparen nicht bei den Vereinen – das wäre ein Schnitt ins eigene Fleisch. Die Vereine sind unsere Identität“, stellt der Bürgermeister unmissverständlich fest – und meint es auch so.

Dörfliche Identität bewahren, aber gleichzeitig wachsen – kein leichtes Unterfangen, mehr oder minder die Quadratur des Kreises, aber dennoch Gunter Carras Mission. Denn tatsächlich braucht die Gemeinde den Zuzug, um sich über Wasser zu halten. „Wir brauchen 1 % Wachstum pro Jahr, um die Steuereinnahmen zu sichern – aber mit Maß und Ziel.“ An Nachfrage mangelt es nicht: Rund 300 Interessenten für Wohnraum sind bereits im Rathaus vermerkt. „Karlsdorf-Neuthard ist beliebt, aber wir wollen nicht zum Speckgürtel verkommen. Wir bleiben eine Gemeinde mit Charakter.“

„Gemeinde mit Charakter sucht Bürgermeister mit Charakter“ – ein paar Wochen nach Amtsantritt ist man versucht zu sagen: It’s a match. Denn Bürgermeister Gunter Carra nimmt sich erstaunlich wenig wichtig, sieht sich nicht als Politiker, sondern als Dienstleister – eine weitere Formulierung, die sehr nach Phrasendresch klingt, es aber im direkten Gespräch tatsächlich nicht ist. Tatsächlich scheint sich Gunter Carra nicht selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Aufgaben, die mit seinem Amt einhergehen. Ein isoliertes „vor sich hinwurschteln“ kommt für ihn dabei nicht infrage. „Bürgermeister ist kein Ein-Mann-Job. Es ist Teamarbeit – mit der Verwaltung, dem Gemeinderat und den Bürgern“, sagt er. Und auch: „Man muss die Menschen mitnehmen. Wenn man denkt, man kann alles durchsetzen, ist man hier falsch.“

Dennoch: Man kann den selben Euro nicht zweimal ausgeben. Wenn die Finanzlage der Kommunen sich weiter so ungünstig entwickelt, wird auch in Karlsdorf-Neuthard die eine oder andere schwere Entscheidung getroffen werden müssen – etwas, das schnell zur Belastung für das Verhältnis zwischen Bürgerinnen und Bürgern und ihrem Rathaus führen kann. „Mangel ist wie ein schlechter Gast: Er kommt ungebeten und bleibt länger, als man will“, heißt es bauernschlau. Ab einem gewissen Punkt reicht Optimismus nicht mehr aus.

Wie die Zukunft wird, das kann auch Gunter Carra nicht sagen. Doch man darf sicher sein: Er wird versuchen, sie ganz im Sinne von Karlsdorf-Neuthard zu gestalten, so gut er es kann. Sein Bekenntnis zu seiner neuen Gemeinde erscheint in jedem Fall glaubhaft und aufrichtig – nicht zuletzt, weil er gerade auf der Suche nach einem neuen Heim für seine Familie hier im Ort ist. Für ihn ist Karlsdorf-Neuthard nicht irgendeine Station, die es auf irgendeinem Weg hinter sich zu bringen gilt. Für ihn sind die Geschicke, das Wohl und Wehe der Gemeinde Berufung und Aufgabe.

Und wenn er doch einen persönlichen Wunsch für die Zukunft formulieren möchte, will ich am Ende von ihm wissen:„Mein größtes Ziel? Dass die Leute in acht Jahren sagen: Der hat’s gut gemacht – und mich wiederwählen.“

1 Kommentar zu „Mund abbuzze, weitermachen“

  1. Sehr schöner Bericht über unseren neuen Bürgermeister. Ich glaube, mit Gunter Carra ist die Gemeinde hervorragend für die kommenden Jahre aufgestellt. Außerdem ist er sehr sympathisch und hat in der kurzen Zeit schon viele Pluspunkte gesammelt.

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