Das Wohl der Vielen

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Vor 14 Jahren gingen die ersten Gemeinschaftsschulen im Land an den Start, seither hat sich diese besondere Schulform zu einem festen Bestandteil der baden-württembergischen Bildungslandschaft entwickelt. Zeit für eine Bestandsaufnahme. Wir haben die Kraichgau-Gemeinschaftsschule in Gondelsheim besucht und nachgefragt.

Entschuldigen Sie, dass ich etwas nerdy in diesen Beitrag einsteige, aber es gibt ein Zitat, das in diesem Zusammenhang wie eine Leuchtreklame vor den Augen aufploppt: „Das Wohl der Vielen, es wiegt schwerer als das Wohl von Wenigen“. Falls Sie Trekkie sind, könnte es Ihnen bekannt vorkommen. Genau diese Worte sagte Spock in „Der Zorn des Khan“. Im ersten Moment klingt das auch verdammt richtig. Das Wohl der Gruppe steht immer über dem des Einzelnen, aber so einfach ist es am Ende eben doch nicht.

Dieses Zitat kam mir bei meinem Besuch der Kraichgau-Gemeinschaftsschule Gondelsheim in den Sinn. Denn dieser Schulform liegt eine Philosophie zugrunde, die sich ganz aktiv dazu entschlossen hat, dem guten alten Mister Spock argumentativ entgegenzutreten. Die Gemeinschaftsschule ist quasi der architektonische Versuch, Spocks Gegensatz zu leben: Dass das Wohl des Einzelnen eben manchmal schwerer wiegt. Sie beweist, dass man die Qualität einer Gemeinschaft nicht daran misst, wie gut die Masse funktioniert, sondern wie behütet und erfolgreich das schwächste oder speziellste Glied dieser Kette gefördert wird.

Gegenwind und harte Kritik zum Start

Als diese neue Form des Unterrichtens sich vor etwa eineinhalb Jahrzehnten in einer der ersten Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg manifestierte, ließ die Kritik nicht lange auf sich warten. Besonders die Philologen ließen keine Gelegenheit aus, gegen die neue Schulform zu schießen. Hitzige Debatten waren über Monate hinweg die Begleiterscheinung dieser Premiere im Ländle. „Einheitsschule“, „Niveauverlust“, „Notenlosigkeit“ – an Schlagworten mangelte es damals nicht.

„Ich kann die anfängliche Kritik nicht ganz nachvollziehen, weil ich mittlerweile davon ausgehe, dass der Auftrag der Gemeinschaftsschule ein anderer ist, als er angenommen wurde. Wir fangen sehr, sehr viele Schülerinnen und Schüler auf, die von den klassischen Schulen kommen und dort schamlos überfordert waren. Und wir schaffen das durch unsere individuelle Förderung gut. Wir schauen eben nicht nur auf alle, sondern wirklich auf das einzelne Kind und können so Druck nehmen, können auch in Krisen helfen, aber eben auch und vor allem die Eigenständigkeit und Eigenverantwortung steigern“, weiß Benjamin Kreis-Pollich, seit diesem Schuljahr neuer Leiter der Kraichgau-Gemeinschaftsschule in Gondelsheim.

Wer mit dem Begriff nicht viel anfangen kann, der sei kurz ins Boot geholt: Gemeinschaftsschulen schreiben es sich auf die Fahnen, Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Begabungen individuell zu fördern, je nach ihrem persönlichen Stand und ihren Fähigkeiten. An einer GMS lernt also jede und jeder Einzelne auf dem für sie beziehungsweise ihn passenden Niveau. Konkret sind das die Leistungsstufen G, M und E, die man ganz grob mit Hauptschulniveau, Realschulniveau und Gymnasialniveau übersetzen könnte.

Individuelles Lernen Seite an Seite

Trotz dieser Unterschiede lernen die Kinder zusammen, in Lerngruppen Seite an Seite und doch jeder ein Stück für sich. Ermöglicht wird das durch das eigene und durchaus komplexe Lehrsystem einer Gemeinschaftsschule, insbesondere aber auch durch äußerst engagierte und aufgeschlossene Lehrkräfte wie zum Beispiel Steffi Klages, die an der GMS unterrichtet und zudem stellvertretende Schulleiterin ist. Sie ist von den Vorzügen dieser Schulform, die nicht nur den Schwarm, sondern auch das Individuum im Blick hat, absolut überzeugt:

„Unser differenzierter Blick letzten Endes auf die Schüler und die Möglichkeit, dass die Schüler eben in verschiedenen Fächern auf verschiedenen Niveaustufen arbeiten können, ist ein total großes Plus für die individuelle Entwicklung. Ein Schüler, der ganz stark ist in Mathematik, aber noch sprachlichen Aufholbedarf hat, würde es in Klasse 5 beim Gymnasium vielleicht noch nicht schaffen. Hier kann er das langsam aufarbeiten und in Mathematik trotzdem schon auf gymnasialem Niveau arbeiten. Für das Individuum ist das ein Riesengewinn.“

Eine Gemeinde steht hinter ihrer Schule

480 Schülerinnen und Schüler werden derzeit an der GMS in Gondelsheim unterrichtet – eine ordentliche Zahl, wenn man sich die Größe der Kommune vor Augen führt. Gerade mal 4.000 Menschen leben hier. Besonders bei Familien ist Gondelsheim äußerst beliebt, aufgrund seiner exzellenten Infrastruktur, der guten Verkehrsanbindung und des außergewöhnlich starken sozialen Miteinanders im Dorf.

Auf die Kraichgau-Gemeinschaftsschule ist man im Ort stolz. Vor wenigen Jahren hat die Gemeinde einen großen Millionenbetrag in die Hand genommen, um in die Sanierung und den Ausbau des in die Jahre gekommenen Gebäudes zu investieren. Eine Entscheidung, die den Glauben an die Schule und ihre Zukunft unumstößlich unter Beweis stellt. „Wir sind stolz auf unsere Schule, auf das Kollegium und die Schülerinnen und Schüler, denn nur Sie sind die Zukunft unserer Gemeinde“, sagte vor elf Jahren Bürgermeister Markus Rupp am Ende der jahrelangen und aufwendigen Bauarbeiten.

Pädagogische Philosophie statt bloßem Pragmatismus

Viele der Unkenrufe, die die neue Schulform damals begleiteten, sind heute verstummt. Die Schülerinnen und Schüler verlassen am Ende der zehnten Klasse die Schule resilient und in jeglicher Hinsicht gut aufgestellt. Viele wählen danach einen Einstieg in den Beruf, auf den besonders in den letzten Schuljahren aktiv vorbereitet wird, andere wechseln in die gymnasiale Oberstufe. Der Anschluss gelingt dabei sehr viel besser, als von besagten Pessimisten einst befiredigt befürchtet.

Die Differenzen zwischen der klassischen Schullaufbahn und der Gemeinschaftsschule liegen auch ein Stück weit in der damit einhergehenden Philosophie begründet. Man könnte ganz grob sagen: Pragmatismus trifft auf Haltung, überspitzt ausgedrückt. Für Benjamin Kreis-Pollich ist ein Bekenntnis zu dieser Art zu lehren und zu unterrichten auch ein gesellschaftliches Statement. Gegen Ausgrenzung, hin zu Chancengleichheit.

„Alle Gemeinschaftsschulen sind Ganztagsschulen, und für uns ist der Ganztag eine Möglichkeit, Bildungs- und Chancengerechtigkeit zu schaffen. Das heißt, wir müssen Elternhäuser und Kinder dahingehend unterstützen, im sozialen Austausch zu sein, die Sprache zu sprechen – und das geht ja nur durch Gemeinschaft. Das steht ja auch im Namen drin: Gemeinschaftsschule.“

Das Herzstück der GMS Gondelsheim: Das EIS-Konzept

Die GMS bricht mit manchen Paradigmen, die man aus der eigenen Schulzeit kennt. Sitzenbleiben gibt es nicht, Noten sind zumindest in den unteren Klassen optional. Das Profil der GMS Gondelsheim lässt sich daher am besten so zusammenfassen: Eine Ganztagsschule, die alle Kinder annimmt und sie durch flexibel anpassbare Lernniveaus gezielt zum Hauptschul-, Realschul- oder Gymnasialabschluss führt. Im Zentrum steht dabei die individuelle Förderung des Einzelnen, bei der Lehrkräfte als Lernbegleiter agieren, Eigenverantwortung stärken und den Lernerfolg über detaillierte Entwicklungsberichte statt starrer Noten sichtbar machen.

Besonders auf das sogenannte EIS-Konzept ist man stolz in Gondelsheim. Es ist das Herzstück des selbstorganisierten Arbeitens und bezeichnet ein jahrgangsübergreifendes, zeitgleiches Lernband von der 2. bis zur 10. Klasse, in dem Schülerinnen und Schüler das selbstständige Lernen Schritt für Schritt von klein auf erlernen. Anstatt reinem Frontalunterricht erhalten die Kinder hier den Freiraum, Aufgaben in ihrem eigenen Tempo und auf ihrem individuellen Niveau eigenverantwortlich zu bearbeiten, während die Lehrkräfte durch eine enge kollegiale Vorbereitung entlastet werden und gezielt als Lernbegleiter und Coaches unterstützen können.

Das Ziel ist so ambitioniert wie schön: Selbstständigkeit in den Kindern anzulegen und zu fördern, sie Selbstwirksamkeit erfahren zu lassen. Denn was ist aufregender, als das erste Mal festzustellen, was die eigenen Hände und der eigene Kopf ganz real und konkret zu leisten im Lage sind?

Die Zukunft im Blick mit dem Talentatelier

Auch wenn jede Gemeinschaftsschule im Grunde ähnlich arbeitet, hat man sich in Gondelsheim dazu entschlossen, das eigene Profil noch weiter zu schärfen und individuell zu definieren. Gerade arbeiten Benjamin Kreis-Pollich und Steffi Klages an den Details dieses neuen Angebots, welches sie unter dem Namen „Talentatelier“ führen. Noch ist die Planung nicht offiziell abgeschlossen, doch handelt es sich dabei um ein Lernprojekt am Nachmittag für alle Schülerinnen und Schüler von der 3. bis zur 10. Klasse. In verschiedenen Kursen können sie über den normalen Unterricht hinaus ihre persönlichen Stärken entdecken und lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Neben Kursen, die man sich nach eigenen Interessen selbst aussucht, gibt es auch gezielte Angebote zur Förderung bestimmter Fähigkeiten, die von den Lehrkräften zugeteilt werden. Am Ende des Schuljahres wird der Einsatz der Kinder und Jugendlichen mit einer Urkunde oder einem offiziellen Eintrag im Zeugnis belohnt.

Es ist gerade dieser ansatz, der eine Gemeinschaftsschule zu einer spannenden Alternative für Kinder macht. Die Stärkung von Fähigkeiten und Kompetenzen besteht hier nicht aus der harten und starren Vermittlung von Faktenwissen, sondern adressiert junge Menschen in ihrer Entwicklung als Ganzes.

Herausforderungen im Schulalltag

Dennoch ist natürlich auch eine Gemeinschaftsschule keine eierlegende Wollmilchsau. Das Konzept funktioniert nur dann, wenn wirklich alle Beteiligten perfekt miteinander harmonieren und alle Zahnräder optimal ineinandergreifen. Die Schulform kann sonst in der Praxis, vor allem aufgrund der großen Leistungsunterschiede in den Klassen, auch an Grenzen stoßen. In manchen Fällen führt das zu einer hohen Belastung der Lehrkräfte.

Laut einer Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung Baden-Württemberg identifizieren sich zwar die meisten Lehrerinnen und Lehrer an einer GMS mit ihrer Schule und dem dahinterstehenden Konzept, berichten aber in absoluter Mehrheit über eine hohe bisher hohe Arbeitsbelastung. Mehr Unterstützung, auch seitens des Kultusministeriums, wäre daher zweifelsohne ein wichtiger Impuls, um den engagierten Einsatz an den Gemeinschaftsschulen langfristig zu sichern und zu würdigen.

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2 Kommentare zu „Das Wohl der Vielen“

  1. Ein Licht am Ende des Schultunnels !?! Man kann nur hoffen und unterstützen. Was dieses reiche Land mit seiner Zukunft -seinen Kindern macht grenzt an Selbst-verstümmelung. Nur wer Geld und Zeit hat kann seine Kinder fördern. Der Rest wird ruhig gestellt. Futter für Amazon und UPS.
    Jeder kleine Vogel investiert sein ganzes Dasein in die Brutpflege. Was ist der Mensch für ein komischer Vogel !?
    Ich wünsche dieser Schule und ihren Lehrern Herkuleskräfte, damit sie nicht aufgeben und im System untergehen.

  2. Ich sehe das etwas anders. Gerade in Deutschland stehen Kindern unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern viele Türen offen. Schule, Ausbildung, Studium sind grundsätzlich kostenlos. Natürlich gibt es Unterschiede in den Startbedingungen, aber ich glaube nicht, dass fehlendes Geld der entscheidende Faktor ist.

    Ich selbst komme aus einer Familie, in der keiner einen höheren Bildungsabschluss hatte. Meine Eltern konnten mir weder bei Mathe noch bei Englisch helfen. Was sie mir aber mitgegeben haben, war viel wichtiger: Sie haben mich ermutigt, meine Chancen zu nutzen, an mich zu glauben und mich anzustrengen. Dadurch konnte ich Abitur machen, studieren und einen Beruf ergreifen, der mir gefällt.

    Das soll die Bedeutung der Schulen überhaupt nicht schmälern – engagierte Lehrerinnen und Lehrer leisten Enormes. Aber die wichtigste Wertevermittlung kann die Schule nicht ersetzen. Interesse am Kind, Ermutigung, Unterstützung und die Haltung, dass sich Anstrengung lohnt, entstehen in erster Linie zu Hause. Dafür braucht es nicht viel Geld, sondern Zuwendung und den Wunsch, dass das eigene Kind seinen Weg geht.

    Deshalb sehe ich die Verantwortung nicht allein beim Staat oder bei den Schulen. Eltern tragen einen mindestens genauso großen Teil dazu bei, welche Chancen ihre Kinder am Ende tatsächlich nutzen.

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