Zusammen draußen – zusammen glücklich
„Lauf ’n Sauf“ – so witzeln manche über den Weinwandertag, dabei ist er mehr als nur ein Spaziergang mit einem Glas in der Hand. Er ist zwischenzeitlich vielmehr ein echtes Happening.
Der Weinwandertag in Kraichtal beginnt für mich jedes Jahr mit einem übersinnlichen Phänomen. Um 10:30 Uhr zur Eröffnung sind die Straßen in Unteröwisheim und Oberöwisheim noch völlig verwaist, nur im Innenhof der Familie Becker tummeln sich ein paar Grünhemden, um zweckoptimistisch auf das anstehende Event in und um die zwei Öwisheime anzustoßen. Jahr um Jahr versammeln sich dort die Weingüter Schmidt, Härdle, Gärtner, Niwenburg, Klenert, Hockenberg sowie Familie Becker, Bettina Hartlieb und der Bürgermeister zum gemeinsamen Gruppenbild. Ein kollektives „Cheese“ mit erhobenen Gläsern im giftgrünen Zwirn – und der Weinwandertag ist eröffnet.
Plötzlich: Menschen. Überall.








Während dieses Fotos müssen sich irgendwelche transdimensionalen Spalten in Kraichtal öffnen, denn wenn man danach auf die Straße geht, ist einfach alles voller Menschen. Nicht nur ein paar Dutzend, nicht nur ein paar Hundert – sondern Tausende marschieren dann fröhlich in kleinen, mittleren, großen und sehr großen Gruppen entlang des ausgeschilderten Rundweges. Sie haben Kinder dabei, Hunde, Fahrräder, die Großeltern, die besten Freunde, Schwippschwager, Ehepartner, Kollegen … es ist eine einzige fröhliche und vielseitige Karawane, die sich von Unteröwisheim über die Kraichbachniederungen nach Süd-Oberöwisheim, über den Haugsberg nach Nord-Oberöwisheim und dann über Schwallenberg, Bennetwald, Röte oder Brückberg wieder zurück nach Uneroise bewegt.
Kein Platz mehr für Asphalt









Spätestens zur Mittagszeit sind es tatsächlich so viele Menschen, die ein Teil dieses besonderen Tages sein wollen, dass die gesamte Route kaum noch Asphalt-Lücken aufweist. Quasi Schulter an Schulter schiebt man sich durch die Natur, Hohlwege, über Wiesen und Felder. Klingt klaustrophobisch, sagen Sie? Tatsächlich macht das einfach nur Spaß. Eine Völkerwanderung für die Völkerverständigung – an diesem Tag trifft man nicht auf ein einziges schlecht gelauntes Gesicht, alle sind gut drauf, alle wollen einfach nur gemeinsam eine gute Zeit haben. Man hört fröhliches Gelächter, Geschwätz, Gebabbel, Gewitzel und hier und da – man glaubt es kaum – sogar Gesang.
Der wahre Star ist das Miteinander
Es ist diese Mischung aus einem gemeinsamen Spaziergang, dem Miteinander mit Menschen, die man gerne mag, und dem beständigen Treffen von Freunden, Bekannten, Nachbarn und Kollegen entlang der Route, die das Ganze so reizvoll macht. Natürlich spielen auch die verschiedenen Einkehrmöglichkeiten der einzelnen Weingüter eine zentrale Rolle – dennoch lehne ich mich aus dem Fenster und behaupte, dass der Wein an diesem Tag nicht die zentrale Rolle spielt. Er gehört dazu, keine Frage. Er schmeckt auch, überhaupt keine Frage. Aber es ist dieses riesige Kraichtaler Familientreffen selbst, das die Faszination des Weinwandertages ausmacht.
Raus ins Leben – endlich wieder










Die Menschen zieht es nach draußen nach einem wieder einmal gefühlt langen und grauen Winter. Man will die Natur erleben, man will einander begegnen, man will das Leben feiern – wenn es schon in den Hiobsbotschaften der täglich auf uns niederprasselnden schlechten Nachrichten kaum genug Luft bekommt. Es ist ein einziges großes kollektives Ja zu mehr Gemeinsamkeit, zu mehr Fröhlichkeit und zu dringend benötigter Unbeschwertheit, die uns so sehr fehlt.
Warum nicht öfter?
Nicht zuletzt entdeckt man einmal wieder, wie schön die eigene Heimat, wie schön das Stück Land direkt vor unserer Haustür ist. Tatsächlich würde man sich wünschen, dass es solche Anlässe häufiger geben möchte – oder manche der erlebten Locations vielleicht etwas regelmäßiger die Türen öffnen. Allein das Grundstück des Obst- und Gartenbauvereins am gluckernden Kraichbach würde vermutlich den schönsten Biergarten im Kraichgau abgeben. Kein Wunder, dass sich hier gestern Hunderte um die idyllischen Bänke und Tische bemüht haben.
Aber auch so eine kleine Wengert-Wirtschaft mit Blick über die Kraichtaler Weinberge wäre doch eine fantastische Sache. Oder ein kleines Bistro am Bahnhof Oberöwisheim? Wer in sich vielleicht den Gastronomen befreien möchte, der möge doch bitte seine Hand heben – wie schön es hier sein kann, hat doch der gestrige Tag einmal mehr gezeigt.

Supi! 👍 Sehr schönes Event! Bitte nächstes Jahr um 1 Woche verschieben, damit ich auch mitwandern, kosten und babbeln kann.