Nix geht mehr

|

Der Corona- Blues oder wenn der Akku tief rot blinkt

Ein Kommentar von Stephan Gilliar

Und wieder beginnt ein grauer, regnerischer, windiger und trostloser Tag… Ihr wisst schon, diese Art von Tag, von denen es in letzter Zeit viel zu viele gab. Ich sitze alleine in der Redaktion, nur an meinem Platz brennt Licht, die Heizung läuft auf halber Kraft. Normalerweise ist eigentlich immer jemand hier, es wird gequatscht, man tauscht sich aus, trinkt einen Kaffee, raucht vor der Tür eine Zigarette. Seit Wochen ist das nun anders… wir treffen uns nicht mehr persönlich, erscheinen uns gegenseitig nur noch als kleine Betreffzeilen in unseren E-Mail Programmen, oder als schwammige, verpixelte Gesichter in den mittlerweile inbrünstig verhassten Online-Meetings. Wir sind nicht mehr draußen, nicht mehr unter Menschen, filmen und fotografieren nicht mehr auf Veranstaltungen und Festen… Stattdessen sitzt jeder für sich allein im stillen Kämmerlein und überlegt sich wie er die Gegenwart unserer schönen Heimat, unseres schönen Hügellands am besten wiedergeben kann, ohne dabei allzu oft auf das miese, kleine Virus eingehen zu müssen.

Im Frühjahr 20 fiel mir die Isolation und der erzwungene Stillstand nicht weiter schwer. Wir hatten alle volle Batterien und mit “flatten the curve” auch eine kollektive Mission. Heute, fast ein Jahr später, tue ich mich zunehmend schwer mit der Lage der Nation. Das beständige Bombardement an schlechten Nachrichten, den viel zu routinierten Durchhalte-Appellen und den gefühlt im Stundentakt wechselnden Auflagen, die viel zu oft widersprüchlich und widersinnig erscheinen, hat mich mürbe werden lassen. Während ich hier sitze und nur das leise Klackern der Tastatur durch den Raum schallt, quält sich meine Tochter nebenan durch den Fernunterricht, nimmt Anweisungen auf dem kleinen Bildschirm entgegen und verliert jeden Tag weiter den Anschluss, büst jeden Tag mehr Kindheit ein – dieser schönen und besten Zeit, unwiederbringlich und kostbar.

Natürlich habe ich nicht vergessen, warum wir alle gemeinsam durch diese Talsohle schreiten müssen. Nichts davon geschieht willkürlich, nichts davon geschieht ohne Grund. Es geht darum Leid und auch Tod zu verhindern, eine Aufgabe die bei täglich weit über tausend Todesfällen an Dringlichkeit eher gewonnen als verloren hat. Darf man eingedenk dieser ungeheuerlichen Zahlen überhaupt jammern und den Blick auf sich selbst richten? Ja, auf jeden Fall. Nöte sind höchst subjektiv und nicht dafür geeignet gegeneinander aufgerechnet oder gar ausgespielt zu werden. Es ist wichtig sich an die derzeit gültigen Maßgaben zu halten und das zu tun, was innerhalb der eigenen Macht liegt – gut finden, muss man das Ganze aber selbstredend nicht.

Natürlich muss man das nicht. Gemeinschaft und Gemeinsamkeit sind keine Schokoladenbonbons, die man sich diszipliniert vom Munde absparen kann. Es sind Eckpfeiler unserer Gesellschaft und essentielle, lebensnotwichtige Bestandteile unserer menschlichen Existenz. Seit Monaten werden unsere Batterien entladen – bei manchen dürfte die Akku-Warnleuchte schon rot blinken. Wobei, nehmen wir lieber ein anderes Bild. Ich stelle mir immer vor, einen Rucksack auf dem Rücken zu tragen. Mit jedem stressigen Moment, jeder Belastung, jeder Sorge werden ein paar Steine mehr hinein gepackt. Mit jedem schönen Moment, wie z.b. einem Restaurantbesuch mit meiner Frau, einem Saunagang oder einem Spieleabend mit unseren Freunden, werden ein paar Steine hinaus genommen. Ich bin so frei und übertrage dieses Bild einfach einmal auf uns alle. Bei den meisten von uns dürfte sich dieser Rucksack in den vergangenen Monaten immer weiter gefüllt haben, im Gegenzug fällt uns das Herausnehmen von Steinen zunehmend schwerer.

Das ganze ist fatalerweise ein langsamer, schleppender Prozess. Wir merken nicht ad hoc, wie viel Gewicht wir bereits mit uns herumtragen. Vielleicht sind wir dünnhäutiger, angespannter oder auch leicht entzündlicher… vielleicht aber auch zunehmend ausgelaugt und müde. In jedem Fall sollten wir diesen Umstand, uns und unsere Bedürfnisse ernst nehmen. Wir sollten uns in diesen Tagen viel mehr durchgehen lassen und sorgsam mit uns und der verbleibenden Energie umgehen. Mein liebster Comedian Torsten Sträter hat es unlängst sehr schön formiert: “Es ist völlig okay, wenn einem mal alles egal ist. Sollte jetzt kein Lebenskonzept werden, aber für ne’ gewisse Zeit geht das klar.

Beitragsbild: @Daines_3 via Twenty20

Vorheriger Beitrag

Eichelberger Schulhaus wird zum Treffpunkt für die ganze Dorfgemeinschaft

Hans-Peter Kistenberger als Nachrücker für den verstorbenen Kreisrat Jens Skibbe

Nächster Beitrag

3 Gedanken zu „Nix geht mehr“

  1. Hallo zusammen,
    in diesem Artikel wird mir aus der Seele gesprochen.
    Die Akkus werden stetig gelehrt und es gibt keine Aussicht auf wieder aufladen.

    Das ist mehr und mehr deprimierend, und die netten Aussagen das wir nur durch diese Zeit müssen ermüdet und die Kinder verlieren mehr und mehr den Bezug zu gleichaltrigen.

  2. Ja, weshalb so negativ? In der Bundespressekonferenz hat doch unsere Mutti gesagt am 21. Speotember ist ALLES vorbei und am 26. September ist Bundestagswahl. Und bis dahin müssen wir eben noch leiden. Man hat uns ja gepredigt, dass wir uns bis zum 14. Februar einschränken dürfen. Leider wurde die Jahreszahl vergessen !!! Nun frage ich mich, wird es 2030 oder 2040 sein. Und der deutsche Michel wird die Angst akzeptieren die von den Volksvertretern geschürt wird. Denn ein ängstliches Volk lässt sich besser beherrschen. Wer glaubt es gäbe wieder ein Leben wie vor dem März 2020 ist leider auf dem Holzweg.

    • Welche Angst? Ich habe keine Angst und kenne in meinem Umkreis auch keine Personen mit Angst. Und bis auf die fünf Minuten Maske tragen beim Einkaufen, zum Schutz meiner Mitmenschen, muss ich mich auch nicht einschränken. Und was hat die aktuelle Situation mit der Bundestagswahl zu tun? Ihr Kommentar lässt mich mit furchtbar vielen Fragen zurück!
      Ich hoffe aber, man wird Ihnen helfen können, Sie scheinen ja große Probleme zu haben, leider.

Kommentare sind geschlossen.