Vom Loslassen und Neuanfangen
Christa Seitz musste in ihrem Leben mehr loslassen, als ihr Herz ertragen konnte – und doch war es genau dieses Loslassen, das ihr den Weg in ein neues Leben öffnete.
In Christas nagelneuem Apartment am Ortsrand von Östringen gibt es kaum etwas, das an ihr früheres Leben erinnert. Eine Kommode, etwas Geschirr und ein paar Gemälde an der Wand – zum Beispiel die zwei Pferde, die ihr Vater mit ein paar Krümeln Tusche in Kriegsgefangenschaft auf etwas Pappe gezeichnet hat. Und ansonsten? Nur ein paar Fotos an der Wand, mit längst verblassten Gesichtern aus einer anderen Zeit. Sie zeigen Menschen, die für Christa so lange so wichtig waren und doch viel zu früh gegangen sind – darunter ihr Mann und ihr einziges Kind.
Heute lebt Christa Seitz ganz allein in einer Mietswohnung in Östringen. Nur noch wenig Materielles verbindet sie mit dem Leben, das sie früher einmal geführt hat. Doch in ihrem Herzen hat sie all die Bilder, all die schönen Momente, all die Erinnerungen sorgsam verwahrt, hütet sie und hält sie in Ehren. Doch auch wenn man erwarten würde, nach all diesen grausamen und harten Zäsuren in ihrer Biografie auf eine traurige alte Frau zu stoßen, ist doch das genaue Gegenteil der Fall. Christa ist ein durch und durch fröhlicher Mensch – ausgeglichen, herzensgut und liebenswert. Wenn sie lacht – und das tut sie oft –, dann lacht nicht nur ihr Mund, sondern auch ihre Augen, und mit ihnen tanzen all die Spuren, die das Leben ihr ins Gesicht geschrieben hat. Es ist ein ehrliches Lachen, freundlich, offen und mitreißend. Wer Christa nur eine Weile kennt, in dem reift ganz tief drinnen die Hoffnung, dass auch dann noch alles gut werden kann, wenn die Umstände eigentlich nicht mehr dafür sprechen.
Eine Geschichte von Liebe und Verlust
Würden Sie mich heute danach fragen, wie es mir wohl erginge, wenn ich meine Frau und meine einzige Tochter verloren hätte, so wüsste ich nicht, ob ich überhaupt den Mut aufbringen würde, einen solchen Albtraum auch nur durchstehen zu wollen. Christa hat ihn durchgestanden und ist stärker aus diesem dunklen Tal herausgetreten. „Sie glauben gar nicht, was man alles als Mensch verkraften kann“, sagt sie und erzählt mir ihre Geschichte.
Begonnen hat diese kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als Christa 1947 auf die Welt kam und ihre Kindheit in Mühlhausen verbrachte. Ihr Vater war Malermeister, ihre Mutter Hausfrau, die sich um insgesamt vier Kinder kümmerte – eine Schwester, zwei Brüder und Christa als Nachzüglerin und Nesthäkchen. Nach dem Abschluss der Realschule in Wiesloch – Christa war übrigens Teil des ersten staatlich geprüften Jahrgangs der Realschule überhaupt – wollte sie eigentlich in die Hauswirtschaftslehre, entschied sich dann aber für eine kaufmännische Ausbildung.

Mit gerade mal 16 Jahren lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen. Da man sich ungefähr vorstellen kann, wie ihre Eltern auf eine Liaison mit einem acht Jahre älteren Mann reagiert hätten, trafen sich die beiden zunächst heimlich – zumindest eine Zeit lang, bis das Ganze aufflog. Doch der große Knall blieb aus: Christas Eltern arrangierten sich mit ihrem Gerhard. Getrennte Betten und auch getrennte Schlafräume waren allerdings Voraussetzungen für diesen Frieden. Doch die beiden meinten es wahrhaftig ernst miteinander, daran ließen sie keinen Zweifel und gaben sich nur drei Jahre später das Eheversprechen. Schon kurze Zeit später kam ihre Tochter Karin auf die Welt – ein junges Familienglück im noch jungen Wirtschaftswunder der ebenso jungen Bundesrepublik.
Arbeit, Familie, Neubeginn
Zuerst lebten die drei in einer kleinen Mietwohnung in Mühlhausen, später dann in Hockenheim, bis der Bau des ersten gemeinsamen Hauses in Östringen 1982 seinen Lauf nahm. Ein kleiner Bungalow am Ortsrand, genug Platz für alle. Christa probierte sich viel aus, erfand sich immer wieder neu. Sie arbeitete als Quereinsteigerin im Kindergarten in Reilingen, bei einer großen Baufirma in Hockenheim und später dann in einer Physiotherapiepraxis in Östringen. Eine neue Arbeit zu finden, sich dort zurechtzufinden und mit ihrer offenen und fröhlichen Art auf Resonanz zu stoßen, das war nie Christas Problem. Sie ist ein echter Harmoniemensch, muss nicht – wie so viele andere – jeden Streit mitnehmen. „Ich glaube, das liegt bei mir in der Art. Ich war wie meine Mama – ruhig, ausgleichend. Bevor ich streite, denk ich: Komm, lass gut sein“, sagt sie und lacht wieder ihr herrliches Lachen. Etwas rauer als früher, durch eine Operation an der Schilddrüse. „Jetzt klinge ich wie Bonnie Tyler“, sagt sie – und lacht noch mehr.
Anfang der Zweitausender erkrankt Gerhard an einer schweren und seltenen Krankheit, deren prognostizierte Lebenserwartung er aber Jahr um Jahr übertrifft. Dennoch ist es ein Spiel, das er einfach nicht gewinnen kann, und so stirbt er 2009 mit noch nicht einmal 70 Jahren. Nur sechs Jahre später verliert Christa auch ihre Tochter Karin – sie stirbt an einer besonders grausamen Form von Knochenmarkkrebs.
Zurück ins Leben
Christa bleibt allein zurück und muss sich nun in einem Leben zurechtfinden, in dem die zwei wichtigsten schlicht nicht mehr vorkommen. Doch anstatt sich aufzugeben, kämpft sich Christa Schritt für Schritt aus der Dunkelheit zurück ins Leben. Sie unternimmt viel, baut ihr Netzwerk aus Freunden und Bekannten weiter auf, nimmt Englischunterricht, verreist sehr gerne und viel, bringt sich im Museumsverein Östringen ein. Mit ihrer großen Schwester trifft sie sich einmal in der Woche zum Saunieren, unternimmt Ausflüge, versucht das Leben zu genießen – so gut es eben geht.
Das Haus, in dem sie 35 Jahre lang gelebt hat, verkauft sie schließlich. Sie nimmt kaum etwas mit, verschenkt fast ihr ganzes Inventar, beschließt, einen sauberen Strich zu ziehen und für sich noch einmal ganz neu zu beginnen. Es ist ein Kraftakt, den viele Menschen, die an diesem Punkt stehen, nicht mehr aufbringen können. Sie versinken in Trauer und im Festhalten am Vertrauten – aber tragischerweise gleichermaßen Vergangenen. Doch so schmerzhaft und unbarmherzig diese Erkenntnis auch ist: Das Leben kennt nur eine Richtung – vorwärts. Immer.
Christa ist dem Ruf des Lebens gefolgt und fühlt sich in ihrem neu erschaffenen Kosmos wohl. Sie ist gern allein, kommt gut mit sich zurecht, aber auch gern mit anderen zusammen. Die neueren Bilder in ihrem Flur zeigen sie zum Beispiel, wie sie mit knallgelbem Sommerkleid und einem weißen Sonnenhut zusammen mit ihren Freundinnen irgendwo im Warmen steht. Es ist ein Bild, das einem das Herz aufgehen lässt.
Ein Leben voller Mut und Milde
Denn hier steht eine Frau, die sich trotz aller Widrigkeiten im Leben niemals aufgegeben hat, die immer weiter ihren Weg gegangen ist, sich ganz neu erfunden hat. Sie hat Trauer und Einsamkeit die Stirn geboten und ist wie der Phönix aus der Asche emporgestiegen. Das verdient Respekt, denn dafür braucht es Kraft, Courage und viel Mut.
„Ich hab’s keine Minute bereut“, sagt sie – und meint damit den sauberen Strich, den sie gezogen hat zwischen dem, was war, und dem, was noch kommt. Allen anderen, die in einer ähnlichen Situation sind, wie sie auch Christa durchlebt hat – die sich traurig am längst verblassten Gestern festklammern –, kann sie nur raten: „Nicht dranhängen und unglücklich werden.“ Was ihr Gerhard ihr geraten hätte, da ist sich Christa absolut sicher: „Mein Mann hätte gesagt: Mach dir ein schönes Leben.“
Und das macht Christa – besonders heute, aber auch an jedem Tag, der noch folgen wird.
