Mut und Mörtel

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Mit einer gesunden Mischung aus Selbst- und Gottvertrauen hat Robert ein uraltes Kraichtaler Kleinod vor dem endgültigen Verfall bewahrt.

Über Neigschmeckte wird in Kraichtal gerne mal gewitzelt… nicht nur hier, sondern im Grunde überall auf dem Land. Man sagt, ihren Platz haben sie sich erst nach 50 Jahren verdient – ein reichlich übertriebenes Klischee, aber immer mit dem berühmten Körnchen Wahrheit versehen. Das kleine Dorf Oberöwisheim dürfte sich aber fraglos über einen seiner jüngsten Zuzüge, einen seiner ganz frischen Neigschmeckten, freuen. Denn Robert hat fertiggebracht, was sich kein anderer Kraichtaler zugetraut hat: das alte Kinderhaus vor dem sicheren Verfall zu bewahren.

Ein Haus im Dornröschenschlaf

Wie knapp die Rettung für das alte Schmuckstück kam, das so viele jahrelang nahezu unbemerkt im Schatten der katholischen Kirche kauerte, lässt sich vielleicht anhand der Bilder erahnen, die wir vor fast zehn Jahren, anno 2016, aufgenommen haben. Darauf bietet das frühere Schulhaus, das lange Jahre auch den Kindergarten beherbergte, ein herzzerreißend trauriges Bild. Alle Scheiben eingeschlagen, die Türen mit Brettern verrammelt, bröckelnder Putz und fast gänzlich mit Unkraut überwuchert – dem uralten Gebäude von 1772 schien der sichere Tod durch steten Verfall bereits gewiss.

Ein trauriges Schicksal für ein Haus, das einst eine zentrale Rolle im Leben vieler Oweroisa spielte – zumindest in früheren Tagen. Im 19. Jahrhundert war es durchgehend das Schulhaus des damals noch selbstständigen Oberöwisheim, ging zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Besitz der evangelischen Kirchengemeinde über. Über 5000 Mark kostete der Erwerb die örtlichen Protestanten, fast der gleiche Betrag wurde noch einmal für die Renovierung fällig – was die Kirchengemeinde fast an den Rand des Bankrotts brachte.

Großes Lernen auf kleinstem Raum

Doch das kleine Kinderhaus war von unschätzbarer Wichtigkeit für das Dorfleben, der gesamte Schulbetrieb spielte sich hier ab. Zeitweilig wurden in dem gerade einmal 42 m² großen Klassenzimmer nahezu 100 Kinder gleichzeitig unterrichtet. Manches Mädchen und mancher Bub haben hier ihre gesamte Kindheit verbracht – die jüngsten Kinder waren gerade mal zwei Jahre alt. 15 Pfennige kostete das Schulgeld pro Kind und Woche – Erträge, mit denen der Betrieb kaum zu finanzieren war. Deshalb fiel der Alltag im alten Kinderhaus einfach und karg aus. Dazu kamen noch die 469 Mark Jahresgehalt für die Schulschwester, die im Zimmer direkt neben dem Klassenraum lebte.

Ein Ort der Armut

Oberöwisheim war damals ein bettelarmes Dorf, das die eigenen Kinder kaum adäquat ernähren konnte. Ein Bericht des Gesundheitsamtes aus dem Jahr 1932 zeigte gravierende Missstände auf. Über die Hälfte der Kinder wiesen teilweise markante gesundheitliche Mängel auf, es bestand bei nicht wenigen der Verdacht auf Tuberkulose, Herzfehler – in den meisten Fällen aber schlicht Mangelernährung. Da half es auch nicht viel, dass ein paar Jahre zuvor im engen Dachzimmer eine Krankenstation eingerichtet worden war – ein Raum, in dem es so beengt zuging, dass weder Schwester noch Patient aufrecht stehen konnten.

Zehn Jahre nach Kriegsende waren die Zustände so prekär, dass das Jugendamt die Reißleine zog und die Gemeinde Oberöwisheim zur Instandsetzung des Kinderhauses aufforderte. Zwar völlig überfordert mit den nötigen Investitionen, kam das Rathaus der Aufforderung nach – erhielt dabei aber viel Unterstützung aus der eigenen Bevölkerung. Die Bauern aus der Umgebung packten mit an, organisierten Baumaterial, fuhren dieses auf die Baustelle nach Oberöwisheim – ohne auch nur einen einzigen Pfennig dafür zu verlangen. Ein Dorf hält zusammen – damals wie heute. Wer mehr zur Geschichte des Hauses erfahren möchte, der kann hier noch einmal unseren alten Artikel von 2016 nachlesen.

Langsames Sterben

Das letzte bisschen Leben verließ das alte Kinderhaus jedenfalls vor etwa 50 Jahren. Danach begann der Verfall – langsam, aber unaufhaltsam. Wetter und Vandalismus ließen das über 250 Jahre alte Gebäude allmählich zu einem Schandfleck des Dorfes werden, an dem jeder mit gesenktem Blick vorbeiging, so gut es ging ignorierte und verdrängte, was hier Stück für Stück zugrunde ging. Ein Käufer, der sich des alten Hauses erbarmte, wurde verzweifelt gesucht – doch einfach nicht gefunden. Niemand traute sich die große Aufgabe zu, das alte Kinderhaus neu zu beseelen…

Bis Robert kam

Bis, nun ja, bis Robert kam. Robert heißt mit vollem Namen Robert Christoph Morick, ist knapp über 40 und kommt aus dem Westen Thüringens. Müsste man seine berufliche Biografie irgendwie beschreiben, würde das Bild einer ausgerollten Luftschlange ganz gut passen: viel ausprobiert, viel experimentiert – zwar auf Umwegen, aber doch unbeirrt in eine Richtung unterwegs. Ein bisschen Architektur, garniert mit BWL und Bauingenieurwesen… Besonders das Bauen, dessen vielfältige Möglichkeiten, die zugrunde liegende Physik, aber auch die Biologie, haben es ihm angetan.

Ein Mann mit Gespür für Geschichte

Schnell wurde ihm klar: Sein Ding sind nicht seelenlose Neubauten von der Stange, sondern alte Gebäude und die Herausforderungen, die sie mit sich bringen – aber auch die Lehren, die sie eindrucksvoll vermitteln, wenn man ihnen denn nur zuhört. Sein erstes großes bauliches Abenteuer war ein altes Schulhaus in Odenheim, in das er drei Jahre Zeit und vor allem reichlich Arbeit steckte. Tagsüber im Beruf als Sachverständiger und Bauplaner, in jeder einzelnen freien Minute aber auf seiner Baustelle in Odenheim.

Noch bevor dieses Projekt abgeschlossen war, stieß er in Oberöwisheim auf das alte Kinderhaus – und brannte sofort lichterloh. Wo andere nur Hoffnungslosigkeit und Verfall sahen, sah Robert Schönheit, Möglichkeiten und Chancen. So investierte er hier nicht nur Geld, sondern auch wieder reichlich Zeit und Herzblut. Das Sanieren in Eigenleistung, oft in Doppelschichten – die „Muskelhypothek“, wie er das nennt – mag zwar auf Außenstehende anstrengend wirken, doch Robert scheint darin aufzugehen. Er kann einen völlig in der Zeit versunkenen Ort betreten und sofort dessen Potenzial erahnen. Vermutlich eine Fähigkeit, die man braucht, wenn es darum geht, einem maroden Altbau einen neuen Morgen zu ermöglichen.

„Ich sehe schneller, wie es fertig sein kann. Ich sehe das Potenzial in Menschen – und auch in solchen Gebäuden – schneller, als sie fertig sind“, sagt er. Und auch: „Ich baue immer so, dass ich auch selber gerne einziehen möchte.“

Ein neues Leben für das Kinderhaus

Ja, so hat er es in Odenheim gehalten, so hält er es in Oberöwisheim – und ist tatsächlich vor einigen Monaten mit seiner Partnerin, der Thailänderin Jintara, in das Erdgeschoss des Kinderhauses eingezogen. Sie hat dort ein wunderbares Massagestudio eingerichtet. Viel Platz haben die beiden nicht – dafür aber ein ganz besonderes kleines Eckchen unserer Heimat. Es strahlt etwas Besonderes aus, hat eine besondere Atmosphäre, spürt Jintara nach, die sich mit ihrer „Pra Kong Thai-Massage“ in Oberöwisheim in die Selbstständigkeit begeben hat.

Eine Ermutigung für alle

Man kann nur ungläubig den Kopf schütteln, wenn man sich die Bilder des Kinderhauses ansieht – wie es noch vor ein paar Jahren ausgesehen hat, wie es nun aussieht. Robert plädiert überhaupt für eine achtsame Nutzung von Wohnraum, ermutigt dazu, Chancen zu erkennen, auch wenn sie manchmal unter Staub, Putz und Unkraut verborgen liegen.
„Ich würde generell alle ermutigen, nicht so genannt konventionell zu bauen.“ Er plädiert vielmehr für Baustoffe, wie sie ursprünglich in unserer Region vorkommen… Holz, Sandstein, Lehm beispielsweise.

Und ansonsten? Es einfach versuchen, es einfach riskieren – dem Charme alter Baukunst bewusst erliegen. „Das ist ein Abenteuer. Mit Logik kann man das nicht erklären“, lacht er – und widmet sich wieder seinem aktuellen Bauprojekt: einem uralten, geschichtsträchtigen Gasthof in einem der Sinsheimer Höhendörfer.

14 Kommentare zu „Mut und Mörtel“

  1. Wow, einfach Wahnsinn was robert aus der „bruchbude“ gemacht hat. Respekt! So viel Energie und Optimismus muss man erstmal übrig haben

  2. „Man sagt, ihren Platz haben sie sich erst nach 50 Jahren verdient – ein reichlich übertriebenes Klischee, aber immer mit dem berühmten Körnchen Wahrheit versehen.“

    Und das „Körnchen Wahrheit“ wäre dann genau was? Dass man sich erst verdient machen muss, bevor man sich wohlfühlen und teilhaben darf?

  3. Zugegeben bei der Überschrift „Mut und Mörtel“ ich dachte zuerst an Richard Lugner auch Mörtel genannt. Ich persönlich finde die Renovierung des Gebäudes als sehr gelungen. Ich hätte mir einige Bilder gewünscht wie es nun im Inneren des Hauses aussieht.

  4. Guten Tag Herr Lang und danke für Ihr Interesse. Tatsächlich hatten der Autor Stephan Gilliar und ich soviele Inhalte und Bilder, die auf das Wesentliche beschränkt werden mussten. Gerne können Sie aber bspw. im Zuge einer Massage bei Pra Kong Thaimassage einen Teil der Räumlichkeiten bewundern :) Ein Besuch lohnt sich allemal.

  5. Die Massagen von Jintara sind sehr zu empfehlen, mit die besten im Kraichgau. Absolut professionell und wirklich hilfreich!

  6. Zwei kleine Korrekturen:
    1. Nicht Kinderhaus, sondern Alde Kinnaschul (Alte Kinderschule) und
    2. Im Schatten der EVANGELISCHEN Kirche
    Abr sonst wie immer rin liebe- und respektvoller Artikel.

  7. Ein Superbericht über eine Supersache!
    Wir haben auch so eine Totalsanierung hinter uns.
    Indes: habe nicht den Eindruck, das Stadt und Landkreis an sowas Interesse hatten bzw. haben.
    Neubaugebiete sind wichtiger😱

  8. Reife Leistung!
    Hab mir das Haus schon öfters von außen angesehen.
    Heute ein Schmuckstück!
    Und von wegen wenig Platz…braucht mer denn wirklich mehr?
    Bin froh, dass ich keine so ne Riesenneubaubude übernehmen und erhalten muss!

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