Mitternacht im Herz´l

Ein besonderer Abend in Deutschlands ältestem Rasthof bei Bruchsal

Endlich, das Ende eines verdammt langen Arbeitstages ist in Sicht. Ich fahre mit dem Auto von Bretten Richtung Bruchsal – es geht nach Hause. Zehn Stunden Dreharbeiten liegen hinter mir, ich bin müde und darüber hinaus habe ich einen Bärenhunger. Zu Hause jetzt noch zu kochen würde die Kinder wecken, die Dönerbuden haben längst geschlossen und auf einen Umweg für das Plastik -Essen bei McDonald’s kann ich mich nicht erwärmen. Da taucht plötzlich vor mir am Rande Heidelsheims ein vertrautes und doch längst vergessenes leuchtendes Herz auf. Stimmt, es gibt ja noch den alten Autohof Herz´l – an den habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gedacht. Rund um die Uhr wie zu früheren Zeiten hat er zwar nicht mehr geöffnet, doch in den Fenstern brennt noch Licht, also fahre ich kurzerhand an der nächsten Abfahrt raus und parke.

Im Inneren hat sich seit meinem letzten Besuch nicht allzu viel geändert. Linker Hand gibt es immer noch den Raucherraum, in dem man die Luft in Scheiben schneiden könnte, daneben den großen Nichtraucher-Speisesaal. Obwohl es bereits kurz vor Mitternacht ist, sind viele der Tische besetzt. Männer in groben Jeans, Baumwollhemden und Schildkappen essen schweigend und nehmen hin und wieder einen Schluck von ihrem Bier. Andere spielen Skat oder lachen gemeinsam mit den freundlichen Wirtsleuten. Der gute alte Herz´l ist immer noch ein Treffpunkt für LKW-Fahrer – eine warme Anlaufstelle seit dem Frühjahr 1950, als das Gasthaus im Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre erbaut wurde. Damals ging es hier zu wie in einem Taubenschlag – die Trucker gaben sich an der dicht befahrenen B35 im Herz´l die Klinke in die Hand. 68 Jahre später ist es hier deutlich ruhiger geworden. Ein großer Teil des LKW-Verkehrs hat sich auf auf die Autobahnen A5 und A8 verlagert und durch den enormen Leistungsdruck der Fahrer können sich viele kaum noch die Zeit nehmen in einem Gasthof zu essen oder es fehlt ihnen schlicht das Geld.

Hinter dem Herz´l liegen daher harte Zeiten. Die letzte langjährige Wirtsfamilie musste vor fünf Jahren das Handtuch werfen. Auch ein Rettungsversuch durch den Kabel 1 Fernsehkoch Rosin anno 2009, konnte das Ruder nicht mehr herumreißen. Anstatt dass in Heidelsheim die Lichter ausgegangen sind, fand sich aber eine neue Wirtsfamilie um den Herz´l weiterzuführen. Seit 2003 schmeißt Papa Mile zusammen mit seiner Frau und den erwachsenen Kindern den Laden. Die aus Kroatien stammende Familie hat ihr Handwerk von der Pike auf gelernt und in den Jahren davor in Karlsruhe ein Restaurant betrieben.

Seither ist der Herz´l längst nicht mehr nur ein schneller Stopp für Fernfahrer, sondern auch ein Familienrestaurant, das gute hausgemachte kroatische Küche anbietet. Neben Klassikern wie Schnitzel oder Wurstsalat gibt es Ćevapčići, Ražnjići, Pljeskavica oder frische Leber mit Bratkartoffeln.

Ich bestelle mir letzteres und gönne mir danach noch eine schnelle Zigarette im Nebenraum. Hier treffe ich auf Papa Mile, der zusammen mit anderen Gästen auch noch zu später Stunde am Tisch sitzt. Als er sieht wie ich mir den nach vielen Stunden mit der Kamera auf den Schultern schmerzenden Nacken reibe, winkt der weißhaarige Wirt mit den vielen Lachgrübchen mich zu sich heran. Es sind deine Halswirbel die dir Probleme machen, sagt er wissend und klopft mit der Hand auf den leeren Stuhl neben ihm. Als ich sitze stellt er sich hinter mich und beginnt mit schnellen Bewegungen seinen Handballen über meine Wirbel gleiten zu lassen. Es gibt einen lauten Knacks und neue Kraft fließt mir durch den Rücken. Ich habe bis heute keine Ahnung wie Mile das gemacht hat, aber seither fühlt sich mein Nackenbereich deutlich besser an als vorher. Danach bleibe ich noch lange an der großen Runde sitzen – aus der einen Zigarette werden zehn und der Zeiger der Uhr hat die Mitternacht längst passiert.

Man fühlt sich einfach wohl hier im Herz´l. Die Menschen sind nett, das Essen gut und das historische Flair der alten Gaststube tut sein übriges dazu. Wer also zu früher oder auch zu später Stunde Hunger bekommt oder etwas einsam ist, der ist im Herzl jederzeit willkommen. Wer dann noch ein paar Nackenschmerzen mitbringt, dem kann – wenn er Mile nett bittet – auch geholfen werden.

 

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