Mein lieber Herr Gesangsverein

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Chören und Gesangsvereinen gehen die Mitglieder aus. Manche kapitulieren, manche kämpfen gegen diesen fatalen Trend. Dabei spricht die Wissenschaft eine klare Sprache: Das gemeinsame Singen macht glücklicher und gesünder.

Aus den Stimmen der Vielen wurden über die zermürbenden Monate der Corona Pandemie vielerorts die Stimmen der Wenigen. Den Gesangvereinen und Chören – nicht nur in der Region, sondern wo man auch hinsieht – gehen die Mitglieder verloren. Eine Studie der Universität Eichstätt-Ingolstadt untermauert dies mit traurigen Fakten. Zwei Drittel von über 4000 befragten Chören in Deutschland, der Schweiz und Österreich haben Mitglieder während der Pandemie verloren. Besonders fatal: Gerade bei den jungen Sängerinnen und Sängern ist ein Schwund feststellbar, genau jene auf die es ankommt, um Vereinen über die kritische Generationengrenze hinweg zu helfen.

Diesen Sprung schaffen leider nicht alle Vereine und Chöre, manche haben bereits die Reißleine gezogen, viele werden folgen. Gerade erst hat der Bruchsaler Traditionsverein Cäcilia das eigene Ende beschlossen – nach über 140 Jahren. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen…fast anderthalb Jahrhunderte aktive Vereinsarbeit und dann.. Schweigen. Einer der wesentlichen Grund dafür ist jener, der vielen anderen Chören und Gesangvereinen in absehbarer Zeit das betagte Genick brechen wird: Überalterung. Die Mehrzahl der Mitglieder war im Falle Cäcilias über 70 Jahre alt – da konnte auch die Schutzpatronin der Musik nicht mehr helfen.

Emil Zimmermann vom Chorverband Bruchsal macht diese Entwicklung traurig, weiß er doch welch positive Wirkungen das gemeinsame Singen hat – in der Gemeinschaft der starken Stimmen. Über 50 Jahre singt er bereits, nach jeder Probe und jeder Aufführung ging es ihm besser als davor, immer! verrät er uns im Telefongespräch. Diese Wahrnehmung wird auch wissenschaftlich in unzähligen Studien bestätigt und gestützt. Zusammenfassung gefällig? Singen macht gesund, singen macht glücklich. Leider ist singen irgendwie aus der Mode geraten, auch die Medien ignorieren Chöre und Gesangvereine viel zu oft, versucht Emil Zimmermann die Talfahrt der Vereine zu erklären. Wie sehr Corona den Vereinen des Chorverbandes zugesetzt hat, kann er noch nicht abschließend beurteilen, ein gutes Gefühl hat er aber selbstredend nicht, so der erfahrene Sänger weiter.

Nicht alle Vereine nehmen diesen langsamen Schwund, dieses allmähliche Verblassen widerstandslos hin. Es gibt auch Chöre und Gesangvereine – Emil Zimmermann nennt sie Leuchtturmprojekte – die sich dagegen stemmen und wehren. Da wäre zum Beispiel der Sängerbund Obergrombach. Mit aktiver Außenwerbung, durchdachten Kampagnen in den sozialen Medien, einem modernen und zukunftsorientierten Programm sowie frischen Ideen und Innovationen, versucht der Verein aktiv neue Mitglieder für sich zu gewinnen. Der 1864 gegründete Verein beschränkt sich dabei nicht nur auf Verstaubtes aus längst vergangenen Zeiten, sondern bedient sich auch moderner Musik und Lyrik. Moderne Chormusik á la “Santiano”, Deutschpop von Herbert Grönemeyer, Evergreens von Max Raabe oder Zeitloses wie “What a wonderful World” von Louis Armstrong. Im Vereinsheim des Fußballvereins Obergrombach werden sie jeden Dienstag von niemand geringerem als Matthias Böhringer, Komponist und Dirigent mit eindrucksvollen Vita angeleitet. 45 aktive Sänger gibt es derzeit noch – sofern die Website aktuelle Daten liefert. Damit es so viele bleiben und vielleicht sogar etwas mehr werden, wirft sich der Verein mit Herzblut in die Wanten. Im Netz wird mit bissiger Satire, Herz und Witz nach den jungen Wilden Ausschau gehalten..zum Beispiel mit einer bissigen Persiflage auf die von vielen verspottete “The Länd”-Kampagne Baden-Württembergs. Aber auch mit spektakulären Aktionen und Aufnahmen, wie zuletzt ein Chorvideo, eingefangen mit der Drohne über der idyllischen Skyline Obergrombachs inmitten seiner Hügel rund um die alte Burg.

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Man darf so frei sein und diesen Artikel daher mit einer Empfehlung enden lassen: Probieren Sie es doch einfach einmal aus. Es ist egal ob sie eine kleine oder eine große Stimme haben, im Sopran, im Alt, im Tenor oder im Bass zu Hause sind… alles auf was es ankommt sind Begeisterung und Leidenschaft für das gemeinschaftliche Singen. Nichts geht mehr durch Mark und Bein, als wenn sich die eigene Stimme mit denen der Vielen zu etwas ganz Großem verbindet. Und wenn es dann noch gesund ist und glücklich macht?? Eigentlich ein “No brainer” :-) Seien Sie sich sicher, jeder Gesangsverein und jeder Chor freut sich auf Sie!

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1 Gedanke zu „Mein lieber Herr Gesangsverein“

  1. Danke für die positive Botschaft! Aber entscheidend ist nicht nur, dass sich Menschen angesprochen fühlen und den ersten Schritt tun. Ebenso wichtig ist, dass die Chöre ihre Freude über die neue Sängerin und den neuen Sänger auch aktiv zum Ausdruck bringen und sich intensiv um die Neuen kümmern. Dazu gehört persönliches Engagement aller Chormitglieder. Nicht allein der Vorstand und die Chorleiterin oder der Chorleiter sind zuständig. Jeder muss sich angesprochen fühlen und auch außerhalb der Singstunde Kontakt halten. Das ist am Anfang oft entscheidend.

    Josef Offele

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