Mein letzter Billy

Mein letzter Billy

Straight outta Walldorf

Von Tommy Gerstner. Das war´s! Over and out! Schluss, aus, vorbei. Es kommt der Tag im Leben eines Menschen an dem er feststellen muss, für manche Dinge einfach zu alt geworden zu sein. (Der Roger Murtaugh – Moment) Da ich mit dem alt werden irgendwie schon immer Probleme hatte, zögere ich diese Erkenntnisse immer wieder bis über die Grenzen jeder Peinlichkeit hinaus. So habe ich dereinst noch Dreads getragen als das Haupthaar schon längst zu licht dafür war, bin so lange in Discos gegangen bis jeder mich für einen Drogenfahnder hielt und bemühte mich Ausdrücke meiner vermeintlich coolen Jugendsprache aus den Neunzigern ins neue Jahrtausend zu retten. Irgendwann – die Scheidungsandrohung meiner Frau könnte eventuell dazu beigetragen haben – wurde aber auch ich erwachsen und schloss mich bockig dem Establishment an. (wer immer mit der Gleichen pennt….)

Heute aber nun, mit knapp 40 Jahren, ist der endgültige Abschied von meiner Jugend fällig. Heute kehre ich IKEA endgültig den Rücken und sollte ich doch jemals wieder eine Filiale betreten, dann höchstens mit zwei vollautomatischen Wummen im Anschlag und Stallone-mäßig entblößtem Oberkörper. (Falls Anti-Terror-Bots auf diese Passage aufmerksam werden: Ich schätze die Chancen dafür eher gering ein…höchstens 1:5)

An den IKEA in Walldorf erinnere ich mich zurück seit ich denken kann. Unzählige Male haben meine Eltern mich im Kinderparadies (heute als Småland bekannt) abgegeben, wo in einem stockdunklen Raum ein alter Dreifarb-Projektor die immer selbe Kopie von Disneys Bambi an die Wand warf. Als ich dann irgendwann auf eigenen Füßen stand und es an der Zeit war meine erste Wohnung zu beziehen, wo führte mich der Weg trotz Zeichentrick-Trauma hin? Sie ahnen es! Der erste gemeinsame Kleiderschrank in der Studenten-Bude mit meiner Freundin Birgit kostete mich mehr als die 380 Mark auf dem Kassenzettel. Ach kommt schon – wer würde nicht ausrasten wenn er feststellt dass nach einem dreistündigen Aufbau die täuschend ähnlich aussehende Schraube für die Montage der Türen leider schon unbedachter Weise in den Bodensockeln verbaut wurde, was natürlich die vollständige Demontage zur Folge hat. Na ja, nach weiteren drei Stunden stand das Ding, ich hatte aus Wut eine der Türen eingetreten und war praktischerweise auch wieder Single (was einen Kleiderschrank dieser Größe natürlich instantan überflüssig machte). Seither kenne ich Sie, die IKEA-Regel Nummer 1: Sei niemals klüger als die Aufbauanleitung! Niemals!!!!

Egal wie kurzlebig diese Spanplatten-Möbel auch sein mögen, egal wie viel Stress und Ärger der Aufbau macht – auch in den Folgejahren zog es mich immer wieder in die blaue Turnhalle mit immer wieder wechselnden Wegen, so dass sich niemand den Ausweg aus dem Labyrinth einprägen kann. Doch nun reicht es – der Tropf geht nur so lange zum IKEA bis er bricht (kotzt). Lasst mich Euch anhand meines letzten Besuches beim steuervermeidenden schwedischen Riesen aufzeigen, warum ein Besuch dort im Grunde Wahnsinn ist.

10:00 Uhr Dienstag Morgen. Werktag. Keine Schulferien. Der Parkplatz ist wie immer rammelvoll. Ich ergattere auf Parkfeld 4 eine freie Lücke und kann am Horizont tatsächlich noch vage den Eingang sehen.

10.15 Uhr Rein durch die Drehtüre, die breite Treppe rauf und einen gelben Sack geangelt. Schon jetzt freue ich mich darauf an der Kasse meine Einkäufe in ein baugleiches, blaues Pendant umfüllen zu dürfen, da die gelben Säcke mindestens 75 Jahre im Haus zirkulieren müssen.

10.30 Uhr Habe versucht mein Ziel „Büroabteilung“ mittels eingeprägter Abkürzungen durch die Möbelausstellungen zu erreichen – stehe nun wieder am Eingang.

10.35 Uhr Bin in den letzten 20 Minuten 45 Mal von der pseudo-schwedischen Stimme aus den Lautsprechern geduzt worden, natürlich jedesmal inklusive der Maultrommel-Intro-Mucke mit Amok-Potential (@Anti-Terror-Bots: siehe oben)

10:45 Uhr Ziel erreicht. Büroabteilung. Schreibtisch-Serie BEKANT entdeckt. Modell gewählt. Counter zur Bestellung in der Warenausgabe nicht besetzt. Duzendes Schild bittet mich in die nächste Abteilung zu gehen.

10.48 Uhr In der nächsten Abteilung: Duzendes Schild bittet mich in die nächste Abteilung zu gehen.

10.50 Uhr In der übernächsten Abteilung. Junges Paar vor mir in der Schlange setzt an: Wir wollen unsere komplette Küche planen…. Ein blutroter Schleier schiebt sich vor mein Sichtfeld

11.25 Uhr Ich bin dran. Warum ich nicht in der Büroabteilung bestelle? Knurren meinerseits! Mitarbeiter sucht im System nach der passenden Produktnummer – wirkt als ob er das erste Mal einen PC bedient.

11.40 Uhr Ich halte meinen Zettel für die Warenausgabe in der Hand. Auf dem Weg nach unten stelle ich fest, dass statt den gewünschten zwei Rollcontainern nur einer vermerkt ist.

11.45 Uhr Zurück am Counter. Pärchen vor mir: „Wir wollen unser komplettes Haus einrichten (oder so)“… Frage mich ob die Gratis-Bleistifte mit einem Schlag bis zum Herzmuskel durchdringen können….

12.00 Uhr Mit neuem Abholschein Richtung Erdgeschoss unterwegs

12.10 Uhr Durchquere Erdgeschoss. Packe zwei Packungen Teelichter ein – brauche ich nicht, ist aber mittlerweile Reflex

12.20 Uhr Schaue (ebenfalls Reflex) in der Fundgrube vorbei. Hier bewahrt IKEA seinen Möbel-Abfall auf. Entdecke auch meinen Wunschschreibtisch – fast vollständig zerstört – Mitarbeiter bietet mir 10% Rabatt auf Originalpreis. Knurren meinerseits.

12.25 Uhr Muss an der Kasse selbst bezahlen – 20-Jährige Vollschlanke überwacht mich mit Argus-Schweinsäuglein – Werde vom Kartenleser-Terminal geduzt!

12.30 Uhr Kaufe mir (reflexartig) einen Hot Dog aus Hot Dog – Imitat. Dazu gibt es ein Getränk mit Apfelschorle-Geschmack (- Imitat)

12.35 Uhr Verlasse mit Bauschmerzen das Hauptgebäude, trete (mit blauem Ikea-Sack, gefüllt mit zwei Packungen Teelichtern) die Reise zu meinem Auto an.

12.45 Uhr Nach langer Reise erreiche ich die Warenausgabe auf der anderen Seite des 2,5 Millionen Quadratkilometer großen Geländes.

13.15 Uhr Meine Nummer wird ausgerufen. Ich nehme freudenstrahlend meinen Schreibtisch in Empfang. Dazu gibt es – weniger freudenstrahlend – einen einzelnen Rollcontainer

13.50 Uhr Bin zu Fuß aus dem Haupthaus zurück und hole mit pochender Schläfenader meinen zweiten Rollcontainer ab.

15.45 Uhr Wieder daheim – Habe meinen Schreibtisch genau nach Anleitung  montiert.

15.45 Uhr Beim Drehen des Tisches übersehe ich den auf dem silbernen Langflor-Teppich gut getarnten Inbus-Schlüssel und ziehe die Tischplatte mit schreiendem Krächzen darüber.

16:00 Uhr Sitze an meinem Schreibtisch – Die 25 Zentimeter lange und drei Zentimeter breite, gezackte und krater-artige Schramme sieht man kaum

16:10 Uhr IKEA und ich haben gerade offiziell Schluss gemacht. Sobald meine „Beschwerde-Mail“ an den Kundendienst durch die dann mutmaßlich eingeschaltete Staatsanwaltschaft bearbeitet wurde, sitze ich noch schnell die paar Tage U-Haft ab und dann heißt es für immer: Mach´s gut IKEA

 

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