Liebesgrüße aus der Content-Hölle

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Ein Kommentar von Hügelhelden-Herausgeber Stephan Gilliar

“Das ist der Algorithmus, bei dem jeder mit muss”, “It´s a reel bad feeling” oder “Tweets aus der Hölle”. Ich will ehrlich zu Ihnen sein: Ich habe keine sehr hohe Meinung von Social Media. Das ist nicht nur irgendein reflexhaftes, intolerantes Boomer-Gemotze, sondern die Quintessenz aus einer langen Lernkurve, an deren Ende mein Fazit steht: Auch wenn über Instagram, Facebook, X, TikTok und wie die ganzen Vereine heißen sicher viel Lustiges, Unterhaltsames und hier und da auch Aufschlussreiches vor unseren Augen Karussell fährt – überwiegend am Ende, imho, doch die Nachteile. Eine Dopamin-melkende Dauerberieselung, die uns nicht nur über den Algorithmus an die gewünschten Botschaften des Anbieters, sondern auch strikt in einer engen und starren Bubble gefangen hält, die unsere Welt bewusst klein und armselig hält. Was dieser Mist, wenn exzessiv betrieben, mit unseren Gehirnen und insbesondere denen unserer Kinder anfängt, da wage ich zu behaupten: unterm Strich nichts Gutes. Als Vertreter der Generation X, in der wir sowohl die Ära vor dem Internet als auch die danach kennen, möchte ich eigentlich kein Teil dieses Getriebes sein.

Warum schreibt Ihnen der mittelalte weiße Mann all das? Nun, weil wir regelmäßig Kommentare kassieren, in denen wir gefragt werden, warum wir nicht mehr auf Social Media unterwegs sind, warum unsere Nachrichten dort nicht in Gänze zu finden sind. Das ist eine gute Frage, eine, die ich heute gerne mit dem Versuch einer Antwort ehren möchte.

Schauen wir uns doch mal kurz an, was die sozialen Medien für uns – nennen wir es “klassische Medien” – bedeuten und wie unterschiedlich wir damit umgehen. Wenn ich mir anschaue, wie manche großen Zeitungen heute auf Instagram unterwegs sind, kann ich nur den Kopf schütteln. Ganze Leitartikel werden dort auf ein paar Schlagworte runtergebrochen, garniert mit bunten Bildern oder Reels – fertig ist die Nachricht. Reichweite sieht gut aus, die Zahlen steigen, Likes flattern rein, alle jubeln. Aber ehrlich: Wer das für Journalismus hält, hat das Prinzip verkannt. Das ist Content für Meta, nicht für die Leser.

Wir machen das bewusst anders. Unsere Geschichten haben Tiefe, Kontext und Substanz. Die gehören auf unsere Seite – nicht in einen Algorithmus, der entscheidet, wer was sieht, und bei dem die Leser nie wirklich auf uns treffen. Wer alles auf Instagram ausspielt, gibt seine Inhalte weg, verschenkt seine Marke und verschiebt Wertschöpfung zu einem Konzern, der kein Blatt, keine Zeitung und keine Region kennt. Kurz gesagt: Meta freut sich, der Verlag bleibt auf der Strecke, die Leser werden zum Nebeneffekt.

Und ganz ehrlich: Ich investiere Stunden in Interviews und Recherche, weitere Stunden in das Niederschreiben eines Artikels, bei dem mir jedes Wort, jeder Satz und jede Aussage wichtig ist – um das Ganze dann am Ende in grobe, mundfertige Brocken zu zerlegen, die eine schöne Geschichte auf ein paar nackte, kalte Fakten reduzieren? Das kann ich nicht, das will ich nicht, das kann ich nicht.. Ach ja, wenn wir gerade so überschwänglich beim Können sind.. Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich kann wirklich nicht überdurchschnittlich viel. Ich bin weder ein sonderlich gut aussehender Mann, noch beherrsche ich irgendein Handwerk oder eine Sportart, wäre vermutlich ein lausiger Politiker und ein lausiger Wissenschaftler. Aber ich maße mir an zu sagen: Ich habe ein Gespür für die Geschichten aus unserer Region und vielleicht sogar ein Talent dafür, diese so niederzuschreiben, dass sie von Ihnen gerne gelesen werden und dass sie niemandem unnötig weh tun, wenn dafür kein Grund besteht. Ich kann und will diese eine Sache nicht kannibalisieren, um sie in das hyperschnelle, kurzlebige und beschränkte Aufmerksamkeitsprofil irgendeiner Plattform zu pressen und damit Herz und Seele komplett zu Grunde zu richten.

TikTok? Sorry, dafür sind wir viel zu alt. Facebook? Da liefern wir aus, aber diese Plattform ist fest in der Hand von Trollen und Kleingeistern, die kaum mehr kennen als Destruktivismus. Joa, Instagram nutzen wir trotzdem – aber als Schaufenster, nicht als Hauptpublikation. Wir geben Teaser, zeigen ein paar Einblicke, machen Lust auf mehr. Den Rest gibt es auf unserer Website. Dort können wir erzählen, was wirklich passiert, und dort bleibt der Journalismus bei uns. Ach ja, für alle, die hier altklug den Finger heben, auch unsere Werbekunden sind hier, ohne die all das überhaupt nicht erst möglich wäre, so viel Pragmatismus muss sein. Wer nur schnelle Bilder und Schlagworte will, wird genug andere Kanäle finden. Wer wissen will, was in der Region wirklich los ist, wer nicht nur auf Clickbaits und die Macht des Negativen anspringt, ist hier richtig.

Manche KollegInnen mögen das altmodisch finden. Ich sage: Es ist die einzige Art, den Laden langfristig zu führen. Und ja, wir könnten unsere Leitartikel auch als 8-Sekunden-Tanzvideos posten – aber das würde nur Meta freuen. Uns nicht. Uns interessieren Sie, unsere Leserinnen, unsere Leser, unsere liebe, wunderbare Heimat mit all ihren schönen Geschichten, aber ganz sicher nicht die Algorithmen, nicht der Mark und nicht der Elon.

Old white man out – mic drop
Stephan Gilliar

Stephan ist unser Herausgeber. Er hat hügelhelden.de anno Domini 2012 ins Leben gerufen, nach ein paar spannenden Jahren bei Rundfunk- und Fernsehstationen in ganz Europa. Jetzt ist er wieder zu Hause, dort wo er herkommt, dort wo er hingehört: Daheim in den Hügeln

1 Kommentar zu „Liebesgrüße aus der Content-Hölle“

  1. Sehr geehrter Herr Gilliar,

    Ich würde ihnen nun gerne über meinen StudiVZ-Account einen gepfefferten Kommentar in Form eines 10-sekündigen Schmink-Clips zukommen lassen. Aber mein 56k-Modem braucht einfach zu lange zum einwählen ins das Netz, und außerdem sind meine 100 AOL-Freiminuten auch schon fast aufgebracht.

    Daher Danke ich ihnen ganz altmodisch in Textform für ihren Beitrag.

    Mit freundlichen Grüßen,
    S. Lowaki

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