Liebe (Anti-)Flüchtlings-Bürgerinitiativen…

Liebe (Anti-)Flüchtlings-Bürgerinitiativen...
Eine Meinung von Thomas Gerstner

Liebe (Anti-)Flüchtlings-Bürgerinitiativen,

jetzt muss ich Euch doch mal ein Briefchen schreiben, nun da ihr landauf landab wie Pilze aus dem Boden schießt. Eure Reproduktionsrate dürfte sogar die der omnipräsenten Sportwetten-Läden getoppt haben. Ob bei uns im Kraichgau, im Schwarzwald oder bei den Fischköppen im Norden – wo immer ein Flüchtlingsheim gebaut wird, lasst Ihr nicht lange auf Euch warten. Binnen kürzester Zeit steht die Facebook-Gruppe und die passende Internet-Seite mit einer Adresse im Impressum die nur eine Armlänge von der geplanten Unterkunft entfernt liegt. Eure Aufmachung zeigt immer die gleichen Motive: Silhouetten von händchenhaltenden, multi-nationalen Menschengruppen, kindliche Strichzeichnungen, eine kunterbunte Sonne, etc… Alles soll aussagen: Wir sind nette Menschen und meinen es einfach nur gut. Es geht Euch nicht um Euch sondern um die Flüchtlinge. Eine Unterkunft in Eurem Viertel ist doch für so viele Menschen völlig ungeeignet. Die viel befahrene Straße kann für die Kinder eine Gefahr sein, die nächste Bushaltestelle ist zu weit weg und und und. Selbstverständlich seid ihr grundlegend dafür diesen armen Menschen Hilfe zu gewähren, aber bitte nicht in Eurer Nachbarschaft. Denn dafür gibt es so viele verdammt logische Gründe die aber nichts mit Vorurteilen oder Ängsten zu tun haben… ist klar!

Auf den unausweichlich folgenden Bürgerinformationsveranstaltungen, ins Leben gerufen von auf Schadensbegrenzung bedachten Stadt bzw. Gemeindeverwaltungen, entfleucht den Lippen weniger disziplinierter Mitstreiter dann aber doch hin und wieder des Pudels wahrer Kern. Man habe Angst vor Diebstählen und Übergriffen, sorge sich um die eigenen Kinder oder den Wertverlust der Immobilie. Was wenn nur alleinreisende Single-Männer aus Afrika einziehen und die Gegend unsicher machen? Was wenn ähnliche Ausschreitungen folgen, wie schon in so vielen anderen Einrichtungen?

Und wisst ihr was, liebe (Anti-)Flüchtlings-Bürgerinitiativen – diese Einwände sind völlig legitim und müssen in einer liberalen Gesellschaft auch erörtert werden. Da so etwas aber politisch und gesellschaftlich höchst verpönt ist, entscheidet Ihr euch stattdessen dafür, lieber an den Haaren herbeigezogene Schein-Argumente ins Feld zu führen. Es geht Euch nicht um die Flüchtlinge – es geht Euch um… Euch! Was ist daran verkehrt? Man baut ein Haus, gründet eine Familie und richtet sich ein Leben in einem attraktiven und sicheren Umfeld ein. Wem würden nicht die Sorgenfalten auf die Stirn treten, wenn dieser Frieden bedroht würde? Ob diese Bedrohung real ist, das ist eine entscheidende Frage. Das Bundeskriminalamt hat vor wenigen Tagen frische Zahlen dazu präsentiert. Demnach sind Zuwanderer nicht überdurchschnittlich kriminell und die Zahl der Delikte sinkt… Auf der anderen Seite sind da die unzähligen Artikel über Gewalttaten die regelmäßig mit Täterbeschreibungen enden die kaum auf einen Schwaben oder Bayern schließen lassen. Da sind die vielen Massen-Ausschreitungen in Flüchtlingsheimen bei denen regelmäßig Messer gezogen werden oder Möbel zu Bruch gehen. Liebe (Anti-)Flüchtlings-Bürgerinitiativen, wer könnte es Euch verdenken, dass euch angesichts dieser Eindrücke der Hintern auf Grundeis geht? Vielleicht habt ihr Glück und nebenan ziehen 150 freundliche Menschen ein, vielleicht habt ihr aber auch Pech und unter diesen 150 freundlichen Menschen sind drei oder vier die unsere Regeln nicht beachten und für Ärger sorgen. Wer würde dieses Risiko eingehen wollen? Machen wir uns nichts vor – unsere Welt hat sich in den letzten Monaten mehr gewandelt, als in den Jahren davor. Welche Auswirkungen der weitestgehend unkontrollierte Zustrom an Menschen aus fernen Ländern auf unsere Gesellschaft haben wird, lässt sich heute noch nicht absehen.

Und doch gilt es heute jenen Menschen die das Neue mit offenen Armen willkommen heißen, genau soviel Respekt entgegen zu bringen wie jenen die angesichts der vielen fremden Gesichter erst einmal den Rückzug ins Private antreten. Abseits von jeder Ideologie und jeder Gesinnung ist es das Recht des Einzelnen auf Veränderungen innerhalb seines persönlichen Rahmens zu reagieren. Was der Debatte aber gut tun würde, wäre Ehrlichkeit. Sprecht aus was Euch Sorge bereitet und verdammt andere nicht deswegen weil sie es tun. Es ist nur menschlich dass die Sorge um die eigene Familie und das stabile Lebensumfeld, der um bislang völlig fremde Menschen überwiegt. Auch wenn viele behaupten die gesellschaftlich ausgewogene Debatte über diese Themen fände bereits statt, ist das dennoch nicht die Wahrheit. Die willkürlich gezogene Linie zwischen den politisch-korrekten Ja-Sagern und den bösen „besorgten Bürgern“ leuchtet greller als je zuvor.  Wie konnte es soweit kommen, das „besorgte Bürger“ zu einem abfälligen Terminus wurde? Ich sage Ihnen ganz klar: Ich bin ein „besorgter Bürger“. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft meiner beiden Kinder und um jene meiner Heimat. Ich wurde 1975 geboren und war niemals Teil der Gräueltaten zu Beginn des letzten Jahrhunderts, noch habe ich irgendeine Art von Schuld geerbt. Wie jeder Mensch, bin ich als weißes Blatt auf die Welt gekommen und akzeptiere keine Stempel die ich nicht selbst verdient habe. Ich will beides sein: Gastfreundlich und skeptisch zugleich. Ich will jenen die Hand reichen, die diese Geste verdienen und jene von mir weisen, die es nicht tun. Ich will ehrlich zu mir und zu anderen sein und das liebe (Anti-)Flüchtlings-Bürgerinitiativen solltet ihr auch tun. Seid ehrlich, formuliert Eure Sorgen und ertragt die anschließende Diskussion. Zwar hat der gute Shakespeare einst gesagt: „Aufrichtig sein bringt Gefahr“, doch halten wir uns lieber an die alten Sorben die schon wussten: „Ein gerades Wort ist eine Göttergabe“

So long,

Ihr Tommy Gerstner

 

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