Leiser die Glocken nie klingen

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Wer mitten im Dorf leben möchte, hat kein Recht auf absolute Ruhe

Beschwerden über zu laute Kirchenglocken, Straßenfeste und Co. lassen Dörfer langsam ausbluten

Eine Meinung von Hügelhelden-Herausgeber Stephan Gilliar

Haben sie sich eigentlich schon einmal die Frage gestellt, warum Straßenfeste immer seltener direkt im Ortskern ausgetragen werden und wenn, dann nur alle paar Jubeljahre? Oder überhaupt, warum man die Zahl kultureller Events in den Innenstädten und Dorfzentren an einer Hand abzählen kann? Nun, das liegt mitunter im absoluten Ruhebedürfnis mancher Anwohner begründet, die zwar einerseits gerne zentral mitten im Ort leben wollen, andererseits aber dabei keinerlei Beeinträchtigungen durch die Geräuschkulisse ihrer Mitmenschen zu akzeptieren bereit sind. Dabei gehen besagte Zeitgenossen auch gerne den juristischen Weg und gehen gegen Kindergärten, Gemeindeverwaltungen oder Kirchengemeinden vor. Erst im vergangenen Jahr prozessierten Anwohner beispielsweise gegen den Lärm auf dem alla hopp Spielplatz in Sinsheim.

Während Klagen gegen Kinderlärm vor deutschen Gerichten oft abgeschmettert werden, knicken aber immer mehr Gemeinden in Sachen Glockenläuten ein, denn auch das Zeitzeichen aus den Türmen ist vielen Menschen zunehmend ein Dorn im Auge. Früher hatten Kirchenglocken zwei Funktionen: Zum einen teilten sie den Menschen mit Schlägen im Viertelstundentakt die Uhrzeit mit, zum anderen riefen sie die Gemeindemitglieder zum Gottesdienst. Während Zweiteres immer noch sinnvoll ist, kann die Information über die aktuelle Uhrzeit, nicht mehr mit einer mangelnden Verbreitung von Uhren in Privathaushalten begründet werden. Viele Menschen stören sich daher am nächtlichen Glockenschlag und beschweren sich immer häufiger bei den Verwaltungen. Eine redaktionelle Anfrage bei mehreren Gemeindeverwaltungen ergab, dass regelmäßig entsprechende Beschwerden aus der Bevölkerung eingehen. Entsprechende Zeitungsartikel aus anderen Regionen finden sich zuhauf im Netz.

Neu ist die Thematik bei weitem nicht! Bei der Ausbildung angehender Juristen wird das Glockengeläut gerne als ganz spezielle Lektion im Studium angeführt – die unterschiedlichen Anlässe der Glockenschläge werden teilweise völlig unterschiedlichen juristischen Bereichen zugeordnet – gemäß dem Motto “Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht”. Laut Wikipedia ist der nächtliche Glockenschlag dem sogenannten “profanen” Geläut zuzuordnen und damit nicht mehr unbedingt durch die Religionsfreiheit gedeckt. Genervten Anwohnern steht so in jedem Fall der rechtliche Beschwerdeweg offen.

Die Gemeinden haben mehrere Möglichkeiten darauf zu reagieren. So können Sie das nächtliche Geläut komplett abstellen, oder es mit technischen Maßnahmen in der Lautstärke reduzieren. Ubstadt-Weiher beispielsweise hat nach Protesten der Anwohner die Kirchturmglocke im Ortsteil Stettfeld entsprechend dämmen lassen, später kam Zeutern hinzu und seit neuestem schweigen auch die Glocken in Mingolsheim in der Nacht, nachdem Anwohner hier interveniert hatten.

Nicht ganz von der Hand zu weisen, ist aber auch die Kritik an diesem Trend der Vermeidung. Eine gesellschaftliche Debatte gibt es kaum, was äußerst schade ist, da mehr auf dem Spiel steht als nur etwas Gebimmel in der Nacht. Der nächtliche Glockenschlag kann durchaus auch als Tradition und Teil unserer Lebensweise angesehen werden, so die Befürworter. Gerade die älteren Mitbürger haben kaum eine Nacht ihres Lebens – über viele Jahrzehnte hinweg – ohne den Glockenschlag erlebt. Er gilt ihnen als etwas Vertrautes und als Verbindung zur Außenwelt – Das nächtliche Schweigen der Glocken kann für diese Menschen auch als bedrückend empfunden werden – in Zeiten des allmächtigen Ich scheren solche „kleinen“ Beweggründe wohl aber keinen Kläger mehr.

Das Traurige an diesem Trend, explizit nicht nur auf das Glockengeläut bezogen, ist die Tatsache, dass wenige Individuen ihre Egozentrik und ihr Recht über das Gesamtwohl der Dorfgemeinschaft stellen. Wenn wegen dem Ruhebedürfnis einiger Weniger, Feste und Zusammenkünfte erschwert und in der Folge oft nicht mehr stattfinden können oder Traditionen und Vertrautes weichen müssen, dann fängt ein Dorf unweigerlich an auszubluten.

Wer absolute Ruhe einfordert, der möge doch bitte aufs platte Land ziehen und fortan ein Leben als Einsiedler fristen. Idealerweise lieber früher als später, auf jeden Fall aber bevor es in unseren Dörfern gänzlich ruhig, leb- und trostlos wird.

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