„An jedem Nagel hängt eine Erinnerung“

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Schnapszahl-Jubiläum: Seit elf Jahren gibt es Paul und Katjas Irish Pub am Bruchsaler Bahnhof, längst ist aus dem Egan’s eine Kultinstitution geworden.

Irland ist eine grüne Insel und das Egan’s auch. Vor allem im aktuellen Kontrast, wenn man sich die kahle Mondlandschaft rund um den Bruchsaler Bahnhof gerade ansieht, wo nach der Verlegung des Busbahnhofs die ganze Szenerie aus Betonkratern, Absperrungen und Baumaschinen besteht. Das Irish Pub, ganz früher mal die Bahnhofsgaststätte, leuchtet inmitten dieser Tristesse wie ein grüner Fixpunkt, strahlt mit all den bunten Fahrrädern davor, mit all den Pflanzen und der irischen Triskele im Logo um die Wette. Seit elf Jahren ist hier jeder willkommen, völlig egal ob jung, alt oder irgendwo dazwischen. Herkunft, Alter, Geschlecht, das alles spielt im Egan’s keine Rolle, es ist einfach ein Ort, an dem die Bruchsaler Familie zusammenkommen kann, erzählt Katja, die auf der Terrasse am Bahnhofsvorplatz sitzt, an ihrem Kaffee und ihrem Mineralwasser gleichzeitig nippt und sich etwas müde, aber zufrieden in ihrem Klappstuhl zurücklehnt. „Es ist ein Pub, ein Public House, das sagt doch schon das Wort“, sagt sie und zündet sich eine Zigarette an.

Viel Zeit für derartige kleine Rituale hat sie nicht. So viel der Irish Pub auch geben kann, so viel fordert er auch – vor allem von der Familie, die ihn hier in Bruchsal vor elf Jahren aus dem Boden gestampft hat. Lange Zeit haben Katja und Paul bereits in einem Pub in Mannheim gearbeitet – in Anstellung, sich dort kennen- und später lieben gelernt. Gemeinsam mit ihrem Sohn wagten sie schließlich 2015 den großen Schritt und pachteten von der Bahn die alte Gaststätte am Bahnhof. Und so bekam Bruchsal seinen ersten irischen Pub, ein Umstand, für den man den Egans gar nicht genug dankbar sein kann. Denn ein Irish Pub ist nicht irgendeine stinknormale Kneipe, es ist ein Stück Lebensfreude, ein bisschen dieses verschrobenen, wilden, unbedarften „Craic“ von der Grünen Insel, wo nur das Heute, das Hier und das Jetzt zählt.

Ein Ort für die ganz große Familie

Das Egan’s ist genau das: keine geleckte Systemgastronomie, keine muffelige Spelunke, keine Etepetete-Schickeria, sondern ein Ort, an dem die Familie zusammenkommen kann. Und Familie ist in diesem Fall ein weitläufiger Begriff, der einfach alle und jeden mit einbezieht. Das sind Katjas Worte, und sie sind nicht aufgesetzt, nicht zurechtgelegt, sondern ihre zutiefst empfundene Wahrheit. Das wird deutlich, als sie mir ein liebevoll beschriftetes und gebundenes Album zeigt mit den schönsten Momenten der vergangenen elf Jahre. Von den dicken Seiten blicken mich unzählige Gesichter an, fröhlich, ausgelassen, selig – geschminkt an Halloween, mal in grüner Kluft am St. Patrick’s Day, mal mit Girlanden im Haar zu Weihnachten. Es sind schöne Erinnerungen, kleine Ausschnitte dieses irischen Mikrokosmos mitten in Bruchsal. Hier haben die Egans ihre Heimat gefunden, das Wort Bruchsal bedeutet für sie mittlerweile Zuhause, erzählt Katja. „Ja, dabei denke ich mittlerweile an Bruchsal, auf jeden Fall. Und ich würde auch weiter in Bruchsal alt werden, wenn es geht. Wenn der liebe Gott das will, dann gerne natürlich, weil etwas Besseres gibt es nicht. Es ist eine wunderschöne kleine Stadt. Es ist grün, es ist schön, es ist ruhig, aber trotzdem nicht zu klein“, formuliert sie ihre kleine Liebeserklärung an unsere Barockperle.

Und auch wenn für Fremde das alte Bahnhofsgebäude, funktional und zweckmäßig errichtet in den sechziger Jahren, vielleicht auf den ersten Blick nichts hergeben möchte – für die Egans ist es ihre kleine Insel, ihr Stück Irland, alles, wofür sie jahrelang gearbeitet und gekämpft haben. „Weil hier jeder Nagel eine Geschichte hat. Jede Einzelheit hat eine Geschichte, hat eine Bedeutung. Und das finde ich toll, man kann hier über alles so viel erzählen“, schwärmt Katja und meint damit das Innere des Pubs, eine herrlich skurrile Rumpelkiste mit so vielen Details, an denen sich das Auge verlieren kann. Viel dunkles und altes Holz, Flaggen, Schilder, freche Sprüche, Fotos und Bilder. Dazwischen reichlich Nippes, manches alt, manches neu, manches kitschig und doch alles Teil eines Ensembles, in dem man sich sofort wohlfühlt. Hier kommt man abends zusammen, trinkt ein frisches Guinness vom Fass, einen Cider oder ein Ale, hier traut man sich auf die Bühne, singt zusammen mit den Freunden ein paar Songs aus der Karaoke-Maschine, hier rätselt man ohne jeglichen Leistungsdruck beim Pub-Quiz, und hier lauscht man gerne der regelmäßigen, fröhlichen Livemusik mit reichlich irischem Herzblut.

Ranklotzen, reinhauen und ein unsichtbarer Koch

Das Egan’s ist ein gewachsener Organismus, kein synthetischer Pub aus der Retorte. Nichts hier ist perfekt, und gerade deswegen irgendwie doch. Und vor allem ist hier nichts selbstverständlich. Es ist das Ergebnis von Herzblut, viel Arbeit und so viel Zeit, dass kaum noch etwas für Paul und Katja übrigbleibt. Seit Corona, einer bitteren Zeit – davon kann jeder Gastronom ein Lied singen –, gönnen sie sich einen Ruhetag, um zumindest ein paar Stunden mit der Familie und den beiden Hunden auf ihrem Gartengrundstück am Weiherberg zu verbringen. Der Rest der Woche? Ranklotzen und reinhauen, Arbeiten von früh bis spät. Paul schmeißt die Küche, Katja den Service, unterstützt von ihren Mitarbeitenden, die sie aber natürlich – versteht sich – auch zu ihrer Familie zählt. Paul ist dabei wie der Topf voll Gold am Ende eines irischen Regenbogens: Man weiß zwar theoretisch, wo er zu finden ist, kriegt ihn aber trotzdem nie zu Gesicht. Ob er kurz für ein Foto nach draußen kommen könnte, möchte ich wissen? Katja verschwindet kurz, um zu fragen, kehrt nach einer Minute zurück, die Botschaft unmissverständlich: „No chance, no chance“ – alle lachen, that’s Paul.

Katja und die kleine Crew, die an diesem Nachmittag den Laden schmeißt, posieren aber gerne für ein Bild am Tresen. Sie sind ohnehin die Gesichter, die jeder in Bruchsal längst kennt, und sie ihrerseits kennen alle Gesichter der Bruchsaler. „Ich weiß, wie jeder Einzelne heißt“, sagt Katja, und es gibt keinen Grund für mich, daran zu zweifeln. Sie sind gekommen, um zu bleiben, und das, Bruchsal, ist eine wirklich schöne Nachricht. Wenn das Leben hart ist, braucht es einen Ort, um weich zu bleiben. Für mich ist dieser Ort das Egan’s – und das ohne Wenn und Aber. Auf euch, Paul und Katja, auf Bruchsal, die Liebe und das Leben. Sláinte!

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1 Kommentar zu „„An jedem Nagel hängt eine Erinnerung““

  1. Das ist eine Geschichte so wie sie liebe, wie sie nur bei Hügelhelden zu finden ist. Ich erinnere mich zurück an ein Buch das ich sehr gerne gelesen habe. Heinrich Böll: Irisches Tagebuch. Damals war ichgroßer Irland – Fan. Das hat sich inzwischen geändert in Frankreich und Georgien. Die Weine aus Georgien sind sehr gut, denn das Land hat die älteste Weinkultur.

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