Lassen wir´s gleich bleiben – Die neue Eppinger Angst

Symboldarstellung / Redaktion

Kein Nachtumzug, keine Pferde zu St. Martin

Wieso Angst nie ein guter Berater ist

Eine Meinung von Hügelhelden-Redakteur Philipp Martin

Seien wir ehrlich: Das im Leben nicht immer alles gelingt und oft auch mal etwas gehörig schief läuft, das ist Teil des Spiels und gehört zu den ureigensten Grundlagen unseres menschlichen Daseins. Nelson Mandela hat einmal gesagt: “Ich habe gelernt, dass Mut nicht die Abwesenheit von Furcht ist, sondern der Triumph darüber.”

In Eppingen scheint man in letzter Zeit allerdings eher der Meinung, Probleme mit schierem Vermeiden begegnen zu wollen, als mutig voranschreitend echte Lösungen zu finden.  Kürzlich wurde der traditionelle Eppinger Nachtumzug für das kommende Jahr ersatzlos gestrichen – Hintergrund ist natürlich der mittlerweile bestens bekannte Vorfall, als eine junge Frau im Überschwang von einer Faschingsgruppe an den Beinen verbrüht wurde. Die Absage hatte in den sozialen Medien weitestgehend unisono zu Kritik an der Entscheidung der Stadtverwaltung geführt.

Nun, wenige Wochen später, folgt der nächste Rückzieher aus dem Rathaus. Wie die Kollegen der Stimme in Erfahrung bringen konnten, dürfen bei den traditionellen St. Martinsumzügen in diesem Jahr keine Pferde mehr eingesetzt werden. Auslöser hierfür war offenkundig ein Vorfall im Stadtteil Adelshofen, als ein Pferd scheute und seinen Reiter abwarf der sich dabei verletzte.

Es ist selbstverständlich in beiden Fällen aus Sicht der Stadt nachvollziehbar, wieso man besagte Weisungen erlassen hat. In Zeiten der Klage- und Regresskultur besteht nun einmal immer die Möglichkeit, dass bei einem Unfall die Stadt zur Verantwortung gezogen wird.

Dennoch ist aus meiner Sicht die Entscheidung, sowie alle Entscheidungen die aus Angst getroffen wurden, trotzdem falsch. Sie ist ein fatales Signal an die Menschen in der Stadt und nur die zuckende Spitze eines möglicherweise sehr langen Rattenschwanzes.

Dort wo Menschen aufeinander stoßen, passieren auch Unfälle – das lässt sich nie zu 100% vermeiden. Die Frage ist doch viel eher, wie wir mit solchen Unfällen umgehen. Ziehen wir künftig den Schwanz ein und verstecken uns unter dem Sofa, oder schauen wir uns an was schief gelaufen ist und arbeiten daran. Als ich seinerzeit auf dem Eppinger Birkenhof das Reiten lernte, hat mich gleich in der ersten Woche das Pferd abgeworfen und ich segelte krachend gegen die Bande. Ich begann zu weinen und wollte schnell raus aus der Halle, aber mein Reitlehrer Berthold nahm mich kurz in den Arm, klopfte mir den Dreck vom Hosenboden und setzte mich sofort wieder aufs Pferd.  Hätte er das nicht getan, hätte ich das Reiten sein lassen und nie das Glück erfahren Ausritte über die Kraichgauer Felder im Sonnenuntergang zu erleben. Die Hessen sagen dazu lapidar: Mund abbuzze, weider mache.

Verbote bringen uns nicht weiter, durch Verbote lernt nichts und niemand aus Missglücktem. Das Leben birgt auch Gefahren, erst wenn wir das akzeptieren können wir frei sein. Denkt man die Sichtweise der Stadt nämlich konsequent weiter, könnte sich künftig noch sehr viel mehr verändern. Es gab einen Auffahrunfall in der Brettener Straße? Lass uns einfach den Autoverkehr in der Stadt verbieten. Mein Kind hat sich an einem Brötchen verschluckt? Künftig gibt es eben nur noch Brote beim Bäcker zu kaufen. Ein Weihnachtsbaum ist in Flammen aufgegangen? Künftig sind Weihnachtsbäume in der Stadt untersagt.

Klar, das ist provokant geschrieben, aber im Grunde nur die konsequente Weiterentwicklung der aktuellen Problemlösungs-Strategie. Mit den Entscheidungen der letzten Wochen, wurde den Menschen in Eppingen eine kultur- und identitätsstiftende Veranstaltung genommen und nun eine weitere um ein wesentliches Kernelement beschnitten. Das kann weder im Interesse der Eppinger Bürger, noch in jenem ihrer Verwaltung liegen. Statt mit Verboten zu reagieren, könnte man einfach die eine oder andere Stellschraube einer solchen Veranstaltung nachjustieren…… schränkt meinetwegen den Gebrauch von Feuer oder heißem Wasser ein, führt strengere Alkoholkontrollen durch oder schaut im Vorfeld, dass nur Pferde auf die Umzugsstrecke gehen die gelassen und reich an Erfahrung sind…. Schaut eben was machbar ist und setzt es dann um, aber bitte lasst die Verbote sein. Denkt immer an den guten alten Hape Kerkeling und seine Worte: Ja so isses Leben halt, mit Heule wirste net sehr alt. Und wenn doch mal was passiert, nicht gleich eine ganze Stadt in Sippenhaft nehmen. Schon in den Neunzigern wusste man schließlich auf dem Eppinger Birkenhof : Arsch abwischen, aufsitzen, weiterreiten.

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