Kennen sie Bahnbrücken?

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800 Jahre Bahnbrücken

Eine Liebeserklärung an eines der kleinsten Dörfer in unserem Land der tausend Hügel

Überall werden im Kraichgau in diesen Jahren die großen Stadt- und Ortsjubiläen gefeiert. Bretten und Östringen haben ihren 1250. Geburtstag bereits hinter sich gebracht, Odenheim und Langenbrücken feiern in diesem Jahr, genauso wie der Eppinger Teilort Richen oder Gemmingen. Das kleine Bahnbrücken wird dabei mit seinem 800. Geburtstag oft vergessen oder schlicht übersehen. Dahinter steckt noch nicht einmal Boshaftigkeit, denn es ist ziemlich leicht den kleinen Kraichtaler Teilort nicht zu bemerken. Nicht einmal 700 Menschen leben hier fast versteckt in den Hügeln des Kraichgaus, fernab von wichtigen Verkehrsachsen. Bahnbrücken wirkt vergessen, wie aus der Zeit gefallen – Gerade das macht diesen kleinen Weiler so liebenswürdig. Wer sich darauf einlassen kann, findet hier viele interessante Menschen, Orte und Geschichten. Bahnbrücken hat viel zu erzählen!

Erstmals wurde hier von einer menschlichen Ansiedlungen im Jahr 1219 berichtet. Der ursprüngliche Ortsname Banbrucken bezieht sich dabei nicht auf die Eisenbahn (wie auch, 600 Jahre vor deren Erfindung), sondern auf den Waldweg über den eine Brücke führte. Ursprünglich war die kleine Siedlung im Besitz Otto von Ebersteins, der diese aber später an das Kloster Herrenalb überschrieb. Der für das Kloster zuständige Kaiser Ludwig übergibt im 14. Jahrhundert die Aufsicht darüber an die Württemberger und damit auch Bahnbrücken. Anfang des 16. Jahrhunderts gehört Bahnbrücken zum Klösterlichen Stabssamt Derdingen – dem damaligen Abt des Klosters Maulbronn, Johannes Entenfuß verdankt der kleine Ort seither vermutlich sein Wappen. Durch einen Tausch wechselt Bahnbrücken Anfang des 19. Jahrhunderts vom Kurfürstentum Württemberg zum Großherzogtum Baden. 1921 wird der kleine Ort an die allgemeine Stromversorgung angeschlossen, acht Jahre später an das Wassernetz. Am 14. Juli 1971 wird Bahnbrücken mit acht weiteren Gemeinden zu einem Stadtteil der neu gegründeten Stadt Kraichtal. Soweit in groben Zügen die Ortsgeschichte Bahnbrückens.

Doch es sind nicht die Fakten oder das pittoreske Ortsbild, das den Zauber Bahnbrückens ausmacht – es sind vielmehr seine Einwohner. Bahnbrücken dürfte sich eher schwer dabei tun genügend Motive für eine Postkarte zu finden, nicht aber damit interessante Geschichten und liebenswerte Menschen sein eigen zu nennen.

Wussten sie z.b. das in Bahnbrücken Alpakas gezüchtet werden? Auf seinem Gartengrundstück hat ein Einwohner tatsächlich ein paar wunderhübsche Exemplare der eigentlich in Südamerika lebenden Kamelart angesiedelt. Oder wussten sie das in einem Bahnbrücker Vorgarten ein ganzer Segelflieger steht, einfach weil sein Besitzer ein großer Fan der Luftfahrt ist? Oder wussten Sie ferner dass es in Bahnbrücken einen Reiterhof gibt, der aufgrund seiner Hanglage in mehrere Ebenen unterteilt ist, so dass man mit einer Leiter von den Ställen senkrecht nach oben zum Reitplatz steigen könnte? Das sind nur ein paar der einmaligen Geschichten, die Bahnbrücken zu erzählen hat. Und es gibt noch viele weitere.. Z.b. jene, dass der alte Bahnbrücker Dorfbrunnen gleich von drei Quellen aus dem Umland gespeist wird und die Landwirte noch heute in jedem Frühjahr das Wasser durch diese uralten Leitungen für ihre landwirtschaftlichen Betriebe fließen lassen. Oder die Geschichte von der alten in Sandstein gehauenen Höhle inmitten des kleinen Weinberges, in dem die Winzer früher vor sengender Hitze Unterschlupf fanden…

Wer mit offenen Augen und viel Zeit durch Bahnbrücken spaziert, der kann viele kleine faszinierende und liebevolle Details bemerken. Schauen Sie sich unbedingt einmal die kleine Bahnstation das Ortes an, versteckt am Waldrand gelegen und eine knappe halbe Stunde Fußmarsch von der Dorfmitte entfernt…. oder sehen Sie sich die alte Tabakscheune an, das kleine Pumpenhäusle davor oder die wunderschöne historische Kelter… Durchwandern sie die Hügel und Hohlwege um den kleinen Ort, legen Sie eine Pause am Grillplatz Lehmgrube ein und stärken Sie sich mit thailändischer Küche in der einzigen Dorfgaststätte die es in Bahnbrücken noch gibt.

Am schönsten ist Bahnbrücken aber, wenn Sie einfach nur auf einer Bank Platz nehmen und lauschen. Viel hören werden sie nicht…. Vielleicht ab und an mal einen Traktor, das Bellen eines Hundes oder das Zwitschern der Vögel…. Aber je länger sie auf ihrer Bank sitzen, desto mehr Ruhe wird in Ihnen einkehren und sie werden die Zeit langsamer fließen spüren, als sie es anderswo gewohnt sind.

Und wenn sie ganz viel Glück haben, setzt sich vielleicht ein Bahnbrückener zu Ihnen und erzählt ihnen eine Geschichte aus seinem Dorf – dem die Zeit nichts anzuhaben vermochte und in dem – nicht alles – aber vieles noch genau so ist wie es sein sollte.

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