Ist Kinderschutz zu teuer?

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Ein Klassenzimmer / Symbolbild / Archiv

Luftfilteranlagen in Klassenzimmern könnten die Virenlast dort erheblich reduzieren, sind der Politik aber oft zu teuer

Seit Beginn der Corona Pandemie im Frühjahr diesen Jahres hat der deutsche Staat Gelder in schwindelerregender Höhe locker gemacht, um die unmittelbaren Auswirkungen der Krise abzufedern. Laut Informationen des Bundesfinanzministerium vom Mai 2020 betrug der Umfang der beschlossenen, haushaltswirksamen Maßnahmen rund 350 Milliarden Euro, der Umfang der Garantien über 800 Milliarden Euro. Der absolute Löwenanteil dieser Gelder floss bisher direkt in die Wirtschaft, nicht selten in Richtung von Großunternehmen. Alleine die Lufthansa und der Touristikkonzern TUI haben zusammen zweistellige Milliardenhilfen erhalten.

Weit weniger engagiert wirkt der deutsche Staat dagegen bei der Unterstützung der Schulen überall im Bundesgebiet. Zwar beschloss die Bundesregierung im Sommer ein Hilfspaket für die Anschaffung digitaler Lernmittel in Höhe von 550 Millionen Euro, doch ist diese Summe angesichts des enormen Sanierungsstaus an deutschen Schulen, nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Gerade in vielen älteren Schulgebäuden ist es aufgrund von Platzmangel und einer desolaten Infrastruktur kaum möglich sinnvolle Hygienemaßnahmen umzusetzen. Teilweise können sogar trotz entsprechender Lüftungsanordnungen, die Fenster in den Klassenräumen noch nicht einmal geöffnet werden.

Auch wenn Schulen bislang nicht als große Katalysatoren der Pandemie gelten, ist es doch unbestritten, dass durch das Zusammentreffen vieler Kinder auf engstem Raum, ein gewisses Infektionsrisiko nicht gänzlich auszuschließen ist. Sollten die Infektionszahlen weiter steigen, ist es daher wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Thema “Schulschließungen” wieder auf der Tagesordnung der Exekutive auftaucht.

Die Folgen für die Gesellschaft im Falle derartiger, erneuter Schließungen wären wohl vielfältig. Berufstätige Eltern stünden erneut vor dem Problem eine adäquate Kinderbetreuung zu organsieren, die seit dem Frühjahr nicht von der Hand zu weisende Wissenslücke einer ganzen Generationen würde weiter aufklaffen und die psychischen Spätfolgen der sozialen Isolation lassen sich noch kaum abschätzen.

Das Ganze ist umso ärgerlicher, macht man sich bewusst, dass es durchaus Erleichterungen für einen Schulbetrieb unter Pandemie-Bedingungen gäbe. Wie Forscher und sogar das Bundesumweltministerium selbst bereits festgestellt haben, könnten mobile Luftfilteranlagen in Klassenräumen die Virenlast eklatant senken und somit das Infektionsrisiko reduzieren. Professionelle Geräte, ausgestattet mit sogenannten HEPA-Filtern hohen Wirkungsgrades, könnten – richtig gewartet – neuesten Studien zufolge, Viren einfach aus der Raumluft herausfiltern, berichtet unter anderem die Tagesschau. (Quellen am Ende des Artikels)

Während demnach beispielsweise in Schweden bereits der absolute Großteil aller Schulen mit solchen Filteranlagen ausgestattet wurde, hinkt Deutschland in der Anschaffung entsprechender Gerätschaften weit zurück. Um ein Klassenzimmer hierzulande mit der entsprechenden Filtertechnik auszustatten, wären Investitionen von circa 3000 Euro pro Gerät notwendig. Geht man einfach pi mal Daumen davon aus, dass jede der rund 30.000 Schulen in Deutschland etwa 30 solcher Geräte bekäme, entstünden im Extremfall also Kosten von weniger als drei Milliarden Euro. Eine gigantische Summe zwar, die sich aber schnell relativiert, betrachtet man alleine die rund zehn Milliarden Euro, welche zur finanziellen Unterstützung der Lufthansa seitens des deutschen Staates aufgewendet wurden. Die Effekte solche Geräte wären aber wohl mehr oder minder durchschlagend. Wie die Tagesschau einen Forscher der Goethe Universität in Frankfurt zitiert: “…in einem typischen Klassenzimmer konnten in einer halben Stunde 90 Prozent der Aerosole entfernt werden.”

Trotz dieser durchaus für sich sprechenden Erkenntnisse, scheinen die Landesregierungen aber nicht dazu bereit, derart hohe Investitionen in die Schulen tragen zu wollen. Laut Recherchen des ARD-Magazins Monitor planen acht Bundesländer keine Anschaffung solcher Filteranlagen und wollen diese ihren Schulträgern auch nicht empfehlen. Eine ernüchternde Bilanz: Nur 4 von insgesamt 16 Bundesländern wollen ihre Schulen bei der Unterstützung solcher Anlagen unterstützen, so die Monitor-Recherche weiter.

Trauriger sidefact zum Schluss: Obwohl mehrere Landesregierungen bei der Anschaffung von Filtersystemen für ihre Schulen zögern, gilt diese Zurückhaltung offenbar nicht für die eigenen Räumlichkeiten. So habe beispielsweise das Staatsministerium Baden-Württemberg derartige Anlagen mitunter in der eigenen Kantine installieren lassen, so Recherchen der ARD.

Quellen: Tagesschau.de / ARD-Magazin monitor / Hessenschau / SWR

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4 Gedanken zu „Ist Kinderschutz zu teuer?“

  1. Landesregierungen kaufen auch keine Schulausstattung, sondern die Träger der Schulen (in der Regel Kommunen)

      • Das tut die Landesregierung im Prinzip ja bereits. Sie gibt den Kommunen (Schulträger) über die jährliche Schülerzuweisung erhebliche Mittel. Es bleibt jeder Kommune frei, wie sie diese Mittel einsetzt. Eine zusätzliche Finanzierung solcher Luftfilteranlagen wäre nicht unproblematisch und würde einen Rattenschwanz an Begehrlichkeiten sehr vieler nach sich ziehen.

        • Siehe den Herrn Rupp in Gondelsheim, der immer ganz vorne dabei ist. Geht doch. Die anderen haben scheints a) kein Geld b) keine Lust c) niemanden der es kann.

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