“Ich bin nicht Lehrer geworden, um auf einen Bildschirm zu starren”

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Schule ist weit mehr, als reine Wissensvermittlung

Ein Appell von Stephan Gilliar

Ach ja, Schule und Digitalisierung. Ich erinnere mich ob dieses omnipräsenten Themas gerne an die Umi-Fibeln, meiner immerhin schon drei Dekaden zurückliegenden Grundschuljahre. Umi war ein kleiner Bär, der uns ABC-Schützen der 80er das Schreiben und das Lesen beibringen sollte. In einem Kapitel ging es um das Thema “Schule im Jahr 2000”. Wie die Macher des Schulbuches sich diese Zukunft vorstellten, illustrierten sie sehr schön anhand einer bunten Zeichnung. Diese zeigte einen Roboter, der vor einer Klasse Schüler an schwebenden Pulten Mathematik unterrichtete. Kleiner Spoiler für alle, die sich an das immerhin schon 21 Jahre zurückliegende Millennium nicht mehr so recht erinnern können: Wir hatten weder damals noch heute Lehrer-Roboter oder fliegende Schulpulte. In Sachen Digitalisierung haben die Schulen seit meiner Schulzeit wahrlich keine großen Sprünge hingelegt. Zwar haben in den besser ausgestatteten Häusern zwischenzeitlich digitale Whiteboards die alten Tageslichtprojektoren beerbt, das ist aber noch eher die Ausnahme als die Regel. Ich möchte gar nicht wissen, in wie vielen verstaubten “Medienräumen” noch immer diese rollenden Regale mit einem Röhrenfernseher und einem Videorecorder darunter zu finden sind.

Nun muss man sich aber die Frage stellen, was die Digitalisierung an Schulen eigentlich bezwecken soll, was Ihre hehren Ziele sind? Gestatten Sie mir bitte als Spross einer ganzen Lehrer-Dynastie, als ehemaliger Schüler sowie aktuell Vater eines schulpflichtigen Kindes, meinen durch und durch analogen Senf dazu zu geben. Die Digitalisierung an Schulen sollte in meinen Augen in erster Linie dazu dienen, die Schüler auf die moderne Lebenswirklichkeit und auf die parallelen Realitäten im Netz vorzubereiten. Das reicht vom grundsätzlichen, technischen Verständnis der Funktionen der weltweiten Vernetzung, bis hin zu ihren, praktischen Auswirkungen. Helfen wir unseren Kindern zu verstehen, welche Folgen die sorglose Preisgabe ihrer höchstpersönlichen Daten im Netz hat, wo Gefahren lauern und wo das Netz einen echten und handfesten Nutzen bietet. Nehmen wir sie bei der Hand und bereiten sie ganz pragmatisch auf ihre durch und durch digitale Zukunft vor, denn – seien wir ehrlich – hier wird sie sich in zunehmendem Maße abspielen. Wir sollten ihnen aber auch zeigen, wie sie in einer grenzenlosen Welt ihre eigenen Grenzen setzen und verteidigen können. Und – nicht zuletzt: Wie sie sich die Fähigkeit bewahren können, konsequent auch einfach mal abzuschalten und die Wunder des Analogen zu genießen.

Was Digitalisierung meiner Ansicht nach nicht bedeuten sollte, ist die konsequente Vorbereitung einer Verlagerung des Unterrichts aus der Schule heraus und hinein in die Kinderzimmer der Schüler/innen. Verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt durchaus Anwendungsfelder, in denen diese Art der Digitalisierung Sinn macht. Ich sehe z.b. nicht, warum ich wegen kleinster Formalitäten im Bürgerzentrum eine Wartenummer ziehen und dort Stunden meiner Zeit vergeuden sollte, wenn gleiches auch mit wenigen Klicks online und papierlos möglich wäre. Hier brauche ich keinen persönlichen Kontakt zu meinem Sachbearbeiter, kein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. In der Schule wiederum kann nichts, aber auch gar nichts, diesen persönlichen Kontakt ersetzen.
Es gibt Bereiche in denen wirklich nichts, einen echten zwischenmenschlichen Kontakt ersetzen kann. Die Schule – und damit meine ich nicht nur den Unterricht, sondern auch alles was dazu gehört, ist ein solcher Bereich. Auch wenn “Für das Leben lernen” eine reichlich abgedroschene Phrase ist, in der Schule stimmt sie vollumfänglich. Hier lernen wir nicht nur das Lernen, sondern auch das Miteinander, das Gegeneinander, das Lieben, das Hassen, das Streiten, das Schlichten, das Verhandeln und den Kompromiss – kurzum: Das Menschsein. Wir sind eben keine Einzelgänger, kein soziales Perpetuum Mobile… Wir brauchen die Nähe, brauchen den Austausch, brauchen die Reibung, müssen uns berühren, uns gegenseitig spüren und erfahren.

Seit Monaten werden abertausende von Kindern um diese grundlegenden und absolut notwendigen Erfahrungen gebracht. Zwar kann über das System “Homeschooling” sicher etwas Wissen in kleinen, digitalen Happen über das Netz in die Köpfe der Kids geschoben werden, alles andere aber liegt brach und wund. So darf es einfach nicht weitergehen! Pädagogen und Psychologen warnen seit Wochen und Monaten ungehört vor den Folgen dieser seit bereits Monaten andauernden Durststrecke. Die Kinder leiden darunter, ihre Eltern und Familien leiden darunter und tatsächlich auch sehr viele Lehrer. Ich hatte beruflich in letzter Zeit mit so vielen Pädagogen zu tun, dass ich mir erlaube diese Aussage als Behauptung in den Raum zu stellen. Am besten und treffsichersten hat es ein Rektor aus meinem Bekanntenkreis formuliert: “Ich bin nicht Lehrer geworden, um auf einen Bildschirm zu starren”.

Meine Forderungen, mein Appell lautet daher: Öffnet die Schulen, öffnet sie jetzt und öffnet sie ganz. Sollten wir uns auch bereits im Kielwasser einer dritten oder später einer vierten oder fünften Welle befinden, so können wir es nicht länger zulassen, dass unsere Kinder und damit unsere Zukunft irreparable Schäden davontragen. Es mögen zwar keine Schäden sein die sich in R-Werten oder Inzidenzen bemessen lassen, dennoch sind es ernstzunehmende Schäden. Deshalb braucht es nun einen eisernen Willen und einen unumstößlichen Vorsatz: Nehmt Geld in die Hand und errichtet eine Brandmauer um unsere Schulen. Testet, impft, investiert in Filteranlagen und Co. Unterrichtet im Freien, in Hallen, auf Exkursionen.. Unternehmt, was unternommen werden kann und investiert anstatt milliardenschwere Unternehmen zu stützen endlich dort, wo es geboten ist und unverhandelbar sein sollte: In die Zukunft dieser Gesellschaft, in ein Morgen für unsere Kinder.

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1 Gedanke zu „“Ich bin nicht Lehrer geworden, um auf einen Bildschirm zu starren”“

  1. Was dürfen wir denn nicht alles zulassen im Namen des Fortschritts? Muss denn auch noch Gockel in den Klassenzimmern herrschen?
    https://www.nachdenkseiten.de/?p=59863
    In Bruchsal gibt es einen Initiative die Tabletts düe Schüler bereitstellt, aber nur aussschließlich solche mit dem angefaulten Apfel im Logo. Das sind die Teuersten. Und ja, es soll doch auch noch andere Hersteller geben. Warum finden sie keine Berüclsichtigung?

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