„Koi Gsellichkeit und garnix“

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Gerhard Pfeiffer in seiner Krone in Tiefenbach

In seinem einsamen Tiefenbacher Wohnzimmer wartet Kronenwirt Gerhard Pfeiffer auf die Rückkehr von Fröhlichkeit und Geselligkeit

Etwas Witz und eine ordentliche Portion Kraichgauer Gelassenheit – nur so übersteht Gerhard Pfeiffer bisher die langen Wochen des Lockdowns. “Pfeiffer mit drei F” gibt er verschmitzt gleich zum Beginn des Interviews zu Protokoll, eine Anspielung auf den legendären Dialog in Rühmanns Feuerzangenbowle. Seit die Tiefenbacher Krone im Herbst des vergangenen Jahres schließen musste, führt Gerhard ein einsames Dasein. Jeden Tag sitzt er bei verschlossenen Fensterläden hinter der kiwi-grünen Fassade seines Gasthauses, das er liebevoll sein Wohnzimmer nennt. Auch wenn er sich zu beschäftigen weiß, seine Gäste fehlen ihm doch sehr. “Koi Gsellichkeit und garnix” fasst er die Tristesse im ansonsten so belebten Gastraum zusammen, in dem derzeit die Stühle auf den Tischen stehen und die Küche kalt bleibt. Anders als viele andere Wirte im Land, muss Gerhard Pfeiffer zumindest nicht um seine Existenz fürchten, die angeschlossene Metzgerei hält den Betrieb über Wasser, wenngleich mit der Wirtschaft auch rund zwei Drittel des Umsatzes weggebrochen sind.

das grünste Grün in Tiefenbach

Nur auf seinem Hintern sitzen und nichts tun, dazu ist der Endsechziger nicht bereit und zudem überhaupt nicht fähig. “Rentner? Des isch für mich a mol garnix” stellt er unumstößlich fest und marschiert voran in sein kleines Reich. Als gelernter Metzgermeister schafft Gerhard nun den Tag über in seiner Wurstküche, setzt hier neue Rezepte und Ideen um. Jedem überzeugten Karnivoren dürfte in seinem Kühlraum das Wasser im Munde zusammenlaufen… Unter dem Gewicht der selbstgemachten Würste biegen sich hier die Stangen, ein würziger und intensiver Geruch liegt in der Luft.

das „Wohnzimmer“ liegt verlassen da

Das Metzgerhandwerk beherrscht seine Familie bereits seit Generationen. Von 1952 bis vorletztes Jahr, haben er bzw. seine Schwägerin und zuvor sein Vater im benachbarten Odenheim eine Metzgerei in der Nibelungenstraße betrieben. 1972 hat Gerhards Vater Robert schließlich die alte Krone in Tiefenbach gekauft, die schon seit 1850 immer eine Gastwirtschaft war. Mit einer solchen wollte Gerhard eigentlich nichts am Hut haben, als sich aber in Tiefenbach die Pächter die Klinke in die Hand gaben, reichte es ihm irgendwann und so übernahm er 1998 selbst das Ruder in der Krone. Zum Job eines Wirts kam er, wie Gerhard lachend erzählt, wie die Jungfrau zum Kinde. “Schon am ersten Tag war die Bude voll” erinnert er sich an die ersten Tage seinen Kronenwirt-Ära, Ende des vergangenen Jahrtausends. Seither stand er fast jeden Tag hinter dem Tresen, hat jeden Tag die Geselligkeit in der alten Gaststube genossen – bis, ja bis Corona kam. Dass er bald wieder öffnen kann, dass die Dinge sich bald normalisieren, daran glaubt Gerhard Pfeiffer nicht. “Vor Ostern wird des nix, fragt sich nur welches Ostern..” stellt er pragmatisch in den Raum. Dass im Sommer aber wieder etwas mehr gehen könnte, daran will er fest glauben, schließlich hat er extra aufgrund der Corona-Verordnungen den kleinen Innenhof für seine Gäste geöffnet… mit großem Erfolg, am Wochenende ist es traditionell unmöglich ohne Reservierung einen Platz in der Krone zu ergattern.

Dr. Wurst – Gerhard Pfeiffer in seiner Wurstküche

Rumpsteak, Schnitzel, Cordon Bleue, Maultaschen und Rinderleber… von weit her kommen seine Gäste nach Tiefenbach um im urigen Wirtshaus mit der extravaganten Fassadenfarbe zu speisen. So gerne er auch für seine Gäste kocht, so ungern tut er es nur für sich selbst. “Was ich grad ess, isch a Kataschtrof” lacht Gerhard, der gerade häufiger für sich bleibt, als es ihm lieb ist. Wenn am Wochenende die kleine Metzgerei geschlossen ist und er gar niemand sehen kann, dann ist ihm richtiggehend langweilig. Dann sitzt er in seinem leeren Wohnzimmer und wartet… Wartet darauf, dass endlich das Leben wieder einkehrt und die Bänke und Tische der alten Krone sich unter der Last von Fröhlichkeit und Geselligkeit biegen – ganz so wie sie es hier schon seit 170 Jahren tun.

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