Heile, Heile, Heilbronn

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Das einstige Schmuddelkind ist erwachsen geworden – wer Heilbronn in jüngster Vergangenheit erlebt hat, der kann nur respektvoll den Hut ziehen.

von Stephan Gilliar

Die „Heilbronx“ in unseren Köpfen

Die „Heilbronx“ – so haben wir Eppinger Kids die nahe Großstadt damals unter vorgehaltener Hand genannt. Irgendwie war die Innenstadt immer ein bisschen schmuddelig, alles eher zweckdienlich und unprätentiös. Viele unserer Wahrnehmungen waren aber auch definitiv von Vorurteilen behaftet, es fiel einfach ins Auge, dass das Publikum in Heilbronn ein anderes war als anderswo. Tatsächlich ist Heilbronn nach wie vor eine der Städte in Baden-Württemberg mit dem höchsten Ausländeranteil, nur Pforzheim weist hier noch etwas höhere Zahlen auf. Vor wessen Augen nun gleich irgendwelche Stereotypen erblühen, dem sei gesagt, dass Heilbronn zu den sichersten Städten in Baden-Württemberg zählt – lange Zeit sogar die sicherste Stadt im ganzen Ländle war.

Pragmatik nach der Katastrophe

Warum Heilbronn lange nicht gerade als Perle der Ästhetik in Sachen innerstädtischer Entwicklung galt, ist auch absolut nachvollziehbar. Die Stadt musste im Zweiten Weltkrieg massive Angriffswellen über sich ergehen lassen, nach denen kaum noch ein Stein auf dem anderen stand. Um Heilbronn wieder aufzubauen, wurden viele bauliche Entscheidungen getroffen, die einfach pragmatischer und zweckdienlicher Natur waren.

Hinzu kommen ein paar gewagte Großprojekte im Stil des Brutalismus, die bis heute das Stadtbild maßgeblich prägen – darunter zum Beispiel das Shoppinghaus oder der in grobem Beton gegossene Einkaufskomplex des Wollhauses. Wer sich alte Bilder der Stadt ansieht, wird Heilbronn kaum wiedererkennen. Nur wenige der alten Bauwerke aus der Vorkriegszeit wurden rekonstruiert, zu groß war vielerorts die Zerstörung.

Heilbronn wächst – verkehrlich und wirtschaftlich

Dennoch entwickelte sich Heilbronn immer weiter nach vorne. Dazu trugen sicherlich die direkt durch die Stadt oder an ihr vorbeiführenden Autobahnen A6 und A81 bei, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren gebaut wurden. Ab 1970 hatte Heilbronn den Rang einer Großstadt erreicht. Diesem Status wurde auch in der Entwicklung der Innenstadt Rechnung getragen. Zur neuen zentralen Achse Heilbronns wurde die heute dicht befahrene Allee, dazu entstanden im Zentrum Fußgängerzonen und große gewerbliche Gebäude wie das bereits erwähnte Wollhauszentrum.

Die Stadt als militärischer Brennpunkt

Doch nicht nur wirtschaftlich war Heilbronn ein wichtiger Brennpunkt, sondern auch militärisch und damit politisch. Die hier lange Zeit stationierten amerikanischen Truppen prägten die Stadt, zogen auch gesellschaftliche Proteste nach sich, als Ende der Siebzigerjahre nukleare Sprengköpfe und Pershing-Raketen stationiert wurden. Erst mit dem INF-Vertrag endete die militärische Präsenz in der Stadt endgültig.

Ein Paradies für kleine Abenteurer

Für uns Eppinger war Heilbronn immer DIE Stadt. Sie war mit dem Bähnle gut zu erreichen und auch über die Bundesstraße gut vernetzt. Einmal an Schwaigern, Massenbach und Leingarten vorbei – schon war man da. In Heilbronn gab es alles, was das Herz begehrte, in meinem Fall das riesige Spielwarengeschäft Letzel am Kiliansplatz und, ganz verborgen in einer Seitenstraße der Sülmer City, ein geniales Comicgeschäft, in dem ich viele Stunden verbracht habe.

Dazu an Geburtstagen ein Ausflug ins große Kino an der Allee (mein Highlight: die Premiere von Kevin – Allein zu Haus und davor unzählige Disney-Filme) sowie eine durch und durch ungesunde Einkehr im damals noch plastik-weinroten McDonald’s neben dem Wollhaus, als es die Burger noch in Styroporverpackung gab und der Chefsalat wie Knete aus dem 3D-Drucker aussah.

Heimatgefühl auf halbem Weg

Ja, Heilbronn war unsere Stadt. Hier wurden alle Einkäufe erledigt – Klamotten im Kaufhaus (Horten oder Kaufhof), Geschenke für Weihnachten und eben alles andere, was es in der Kleinstadt nicht gab. Karlsruhe, eigentlich meine Heimatstadt, war damals weit weg – sehr weit. Wer dorthin wollte, musste zuerst einmal bis nach Gölshausen trampen, erst ab hier fuhr die Bahn der Linie S4 in die Stadt. Das änderte sich Ende der Neunzigerjahre, als Heilbronn nicht nur an das Karlsruher Stadtbahnnetz angeschlossen wurde, sondern tatsächlich eine eigene Straßenbahn bis in die Innenstadt bekam. Als Eppinger hatte man irgendwann die Wahl, ob man nun mit der S4 nach Karlsruhe oder nach Heilbronn fährt – im Vergleich zu den Jahrzehnten davor eine echte Luxussituation.

Späte Einsicht, große Überraschung

Immer noch mit den gängigen Vorurteilen behaftet, entschied ich mich in den meisten Fällen für das vertraute Karlsruhe. Doch – und das habe ich nun unlängst bei einem meiner seltenen Besuche in Heilbronn einsehen müssen – das war eine sehr engstirnige Entscheidung. Denn Heilbronn hat sich gemacht, und das nicht nur ein bisschen. Die Bundesgartenschau hat einen kompletten Stadtteil neu erblühen lassen.

Die massiven Investitionen in die Hochschule (Heilbronn ist seit einiger Zeit Universitätsstadt) haben zu einem spürbar anderen Klima in der Stadt geführt. Dazu kommen der Ausbau und die Modernisierung der Fußgängerzone, aber auch des Neckarstrandes, der die Stadt wie ein blaues Band durchfließt. Besonders an Sommerabenden lässt sich hier wirklich sehr schön die Zeit verbringen – in Liegestühlen, in den vielen Bars und Cafés, in kleinen Restaurants mit Blick über den Fluss, beschattet von seufzenden Trauerweiden.

Respekt, Heilbronn!

Ja, es lässt sich verdammt gut aushalten in Heilbronn. Mittlerweile habe ich schon den einen oder anderen schönen Abend hier verbracht, deswegen möchte ich diesen Artikel auch mit einer Entschuldigung an Heilbronn und mit meinem Respekt für die Entwicklung der vergangenen Jahre schließen. Natürlich krankt die Stadt – wie jede andere in Deutschland – auch an den Folgen des wirtschaftlichen und demografischen Wandels. Viele inhabergeführte Geschäfte haben längst aufgegeben, Ketten dominieren die A-Lagen und Barbershops und Dönerbuden reihen sich teilweise eng aneinander. Doch dafür kann Heilbronn nichts – das ist ein Symptom unserer Zeit. Bemerkenswert ist aber, dass die Stadt das Beste daraus macht und stetig bemüht ist, nachzujustieren und zu verbessern, wo es nur geht.

Funktionieren wird das Ganze aber letztlich nur dann, wenn wir Menschen der Stadt die Treue halten, uns nicht zurückziehen, sondern sie weiter als Lebensraum begreifen – als einen Ort, wo wir einander begegnen und in Kontakt treten können. Diesen Schritt müssen wir gehen. Heilbronn jedenfalls hat seine Hausaufgaben gemacht und uns dafür einen schönen und gemütlichen Rahmen geschaffen.

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4 Kommentare zu „Heile, Heile, Heilbronn“

  1. Von Sulzfeld reiste man zum Bummeln und Einkaufen eher nach Heilbronn, als nach Karlsruhe. Das änderte sich mit dem Bau der Stadtbahn nach Karlsruhe.
    Ich kaufte sehr gerne bei einem Modehaus in der Neckargartacher Straße ein. Für mich ein großes Plus: die sehr gute Beratung.
    Viel hat sich in der Stadt verändert – nicht alles zum Positiven.

  2. In meiner Wahrnehmung ist dies auch so bzw. immer noch so. Die imaginäre gefühlte Bruchlinie liegt zwischen Zaisenhausen und Sulzfeld. Sulzfeld ehr nach HN, Zaisenhausen ehr nach KA.

  3. Bin beruflich viel unterwegs.
    Aber selten eine Stadt gesehen, in der derart rücksichtslos und laut rumgefahren wird. Auch die Verkehrsführung ist unterirdisch.
    Wohnen möchte ich da nicht.

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