Geh weg!

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Mein Kleingarten – Meine Festung

Eine Meinung von Philipp Martin

Wenn wir Menschen unser Revier wie Katzen oder Hunde markieren könnten, dann würden die Kleingärten überall im Kraichgau vermutlich bestialisch nach Pisse stinken. Es scheint irgendwie ein unausgesprochenes Gesetz zu geben, wonach noch bevor die erste Tulpenzwiebel in die Erde gesetzt wird, ein jungfräuliches Gartengrundstück zuerst einmal nach militärischem Standard abgesichert werden muss. Diese Einschätzung drängt sich nach gefühlt 500.000 Spaziergängen durch den verregneten und matschigen Kraichgau, infolge eines Mangels alternativer Beschäftigungen während der Corona Pandemie, gerade zu auf. Wo das Land nicht gerade durch Felder, Weinberge oder Wälder belegt ist, reihen sich Kleingärten dicht gedrängt, Seite an Seite bis hin zum Horizont. Manche dieser zivilisatorischen Außenposten sind gerade zu pingelig gepflegt, andere pragmatisch mit Obst und Gemüse bepflanzt und wiederum andere verwahrlosen und verwildern. Was aber traurigerweise die meisten dieser Gärten gemeinsam haben, ist ein Zaun, Stacheldraht, mit Vorhängeschlössern verrammelte Tore sowie Hinweisschilder, die Spaziergänger in barschem Ton stets zu potentiellen Eindringlingen degradieren. Der Klassiker “Unbefugten ist das Betreten des Grundstücks verboten”, nimmt sich dabei noch verhältnismäßig harmlos aus, gegenüber unverhohlenen Drohungen wie: “Grundstück ist videoüberwacht, Zuwiderhandlungen werden zur Anzeige gebracht” oder – ungelogen “Achtung Lebensgefahr – Selbstschussanlage”.

Wer über die öffentlichen Wege und Pfade dieser Kleinstaaterei flaniert, der fühlt sich unwillkürlich unbehaglich, unwillkommen und wie ein Eindringling. Ein Spaziergang hier mutet wie der Gang entlang einer befestigten Grenze zu einem autoritären Nachbarstaat an. Die unmissverständliche Botschaft: Das ist meins, geh weg! Natürlich muss man die Eigentümer dieser Grundstücke ein Stück weit verstehen, schließlich will man die eigenen Jagdgründe schützen, das Werk der eigenen Hände Arbeit verteidigen. Zudem macht ein Zaun schon wegen der Abwehr von Nagetieren Sinn, damit diese nicht den von Hand hochgezogenen Rosenkohl oder die zarten Pflänzchen verputzen. Aber Stacheldraht in Greifweite spielender Kinder oder auf Kopfhöhe von Spaziergängern ist ein absolutes No-Go, wenngleich auch viel zu oft noch Realität überall im Hügelland. Ebenso nutzlos sind die obligatorischen “Betreten Verboten” – Schilder – der Zaun bringt die gleichbedeutende Message schließlich bereits unmissverständlich an den Mann oder die Frau. Durch diese Komponenten wird das Defensive durch das Aggressive ergänzt und verleidet allen anderen Mitmenschen das ansonsten so erholsame Erlebnis in der Natur vor unseren Städten und Dörfern. Wie scheußlich ist schließlich der Kontrast aus sprießendem und blühendem Leben, farbenfroher Natur, dem rostiger Stacheldraht, wuchtige Schlösser und Aufforderungen im Imperativ gegenüberstehen.

Wie man sich bettet, so liegt man auch. Oder anders: Wir seinem Gegenüber von vornherein mit Argwohn und Missgunst begegnet, der wird auch genau dieses Verhalten ernten. Wie viel schöner wäre es doch für uns alle, für unsere Landschaft und für die Wiederentdeckung des Miteinander, würden wir mehr auf Abrüstung setzen – sowohl im Herzen, als auch im Denken und – ja -warum nicht, auch an unseren Grenzen.

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2 Gedanken zu „Geh weg!“

  1. Schon mal überlegt, dass die Schilder und Zäune nicht grundlos angebracht sind? Dass Grundstücksbesitzer, die unachtsam waren und ein Tor mal versehentlich offen gelassen haben, als Dank einen Haufen Sch**** im Garten hatten – nicht von einem Hund, sondern menschlicher Herkunft. Bedanken Sie sich bei den „Mitbürgern“, die der Grund dafür sind.

  2. Wer Bock drauf hat, dass seine Äpfel, Kirschen ein anderer pflückt oder unaufgeforderer Bedarf an Ethernit oder Schutt besteht und auch kein Problem damit besteht, dass Mountenbiker dir schöne Trails in den Hang zirkeln, immer genug Ersatzglas für die Gartenhütte vorhanden ist und man dann noch einen Brennholzverleih mit Selbstabholung hat, kann man auf den Zaun verzichten.

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