Endstation Menzingen

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1250 Jahre – Ein Streifzug durch ein Kraichgau-Dorf alten Schlages

Wer mit der Kraichtalbahn die wilden Hügel des Kraichgau entdecken möchte, der endet irgendwann unweigerlich im Kraichtaler Stadtteil Menzingen. Am Menzinger Bahnhöfle kann der Reisende dann einfach wieder kehrt machen und entlang des Kraichbachs mit der Stadtbahn zurückzufahren – doch das wäre ein großer Fehler. Die klügere und bessere Wahl wäre es, das heuer 1250 Jahre alte Kraichgau-Dörfchen zu erkunden und sich von seinem Charme verzaubern zu lassen.

Ein Rundgang durch den Kraichgau der guten, alten Zeit

Wer Menzingen erstmals besucht, dem fällt zuallererst die herrliche Ruhe und die uralte Kunst der Entschleunigung des Landlebens auf. Schlendert man durch die Straßen und Gassen des Dorfes, lässt das wilde Dröhnen und Rasen der inneren Uhr immer weiter nach und übernimmt den herrlich entspannten Takt Menzingens. Ein Opa mit ausgebleichtem Blaumann tuckert mit 25kmh auf einem alten Fendt durch die Blumenstraße, irgendwo kräht ein Hahn und oben im sandsteinernen Turm der evangelischen Kirche schlägt die Turmuhr. So schlendert man vom Bahnhof aus durch die Frühlingsstraße und die Mittelstraße zur Oberen Schloßstraße weiter. Diesen Namen trägt das steil ansteigende Strässchen nicht ohne Grund. In Menzingen gibt es nicht nur ein, sondern gleich zwei Schlösser – nur eine der vielen Besonderheiten der Zweitausend-Seelen-Gemeinde. Das Dorf ist seit uralten Zeiten Stammsitz der Freiherren von und zu Mentzingen. Noch heute lebt in dem 1369 als Schwanenburg errichteten oberen Schloss Baron Dominicus Freiherr von Mentzingen. Er und seine Familie blicken in Menzingen bereits auf eine rund 770 Jahre andauernde Geschichte zurück. Weitaus idyllischer ist die Ruine des Wasserschlosses in Menzingen, nur einen Steinwurf von der Schwanenburg entfernt. Die einstige Tiefburg wurde zur gleichen Zeit wie die höher gelegene Schwanenburg errichtet und war zu ihren Glanzzeiten ein wahres Schmuckstück. 1525 verwüstete dann jedoch der „Kraichgauer Haufen“ des Anton Eisenhut im Zuge des Bauernaufstandes das Bauwerk. Nach ihrem Wiederaufbau blieben dem Wasserschloss noch einige Jahrhunderte vergönnt, bis schließlich ein amerikanischer Jagdbomber-Verband in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges das Schicksal des stolzen Bauwerks besiegelte.

Auf die Menschen kommt es an

Direkt neben dem alten Wasserschloss findet sich der Reitstall der Familie Marz. Im Sommer hört man an schönen Tagen hier beständiges Kinderlachen, der idyllisch gelegene Hof ist für die Ausrichtung seiner unvergesslichen Kindergeburtstage bekannt. Wenn hier nicht gerade gefeiert wird, können bereits die Kleinsten mit therapeutisch ausgebildeten Pferden das Leben hoch zu Ross kennenlernen. Nur ein paar Meter weiter findet man mit dem einstigen Rössle eines der vielen ehemaligen Gasthäuser des Dorfes. Heute in Privatbesitz, kehrten hier im vergangenen Jahrhundert noch die durstigen Menzinger Bauern auf ein besonders kühles Bier ein. Durch einen kleinen Quelll-gespeisten Bachlauf im Keller, konnten die tönernen Krüge hier auch im Sommer herrlich kühl gestellt werden. Was die gastronomischen Angebote angeht, so musste Menzingen – wie so viele andere Dörfer auch – einige Federn lassen. Heute gibt es noch eine Pizzeria, die Clubgaststätte Blau-Weiß Menzingen, die Flüsterkneipe der raubeinigen Jessy direkt am Bahnhof und für Spaziergänger, Radfahrer und Ausflügler Heitlingers Zeltcafe auf halbem Wege in Richtung Landshausen.

Wer wissen will wie die Menzinger ticken, der kommt an den Herren der SKG Scholwe nicht vorbei. Der Verein in Männerhand mit dem selbstbewussten Motto “Wu mir sinn isch vorne” hat seinen Namen von den früheren Scholweklopfern übernommen. Darunter versteht man jene landwirtschaftlichen Arbeiter, die die Erdklumpen auf den Äckern zerkleinert haben, die durch das Pflügen aufgeworfen wurden. Die Scholwe-Jungs haben sich die Pflege der Dorfgemeinschaft auf die Fahnen geschrieben und veranstalten einmal im Jahr den legendären Scholwe-Herbst auf einem Gartenstück in der Frühlingsstraße. Zum 10 jährigen Jubiläum gab es 2015 sogar einen richtigen Festumzug mit allen Schikanen zu erleben.

Immer ein Grund zu feiern

Der Scholwe-Herbst ist nicht das einzige Highlight im Menzinger Veranstaltungskalender. Regelmäßig im Sommer finden sich hier auch die heißesten Autos weit und breit zum Familientreffen der “Vintage Speed Freaks” ein Der US-Car-Club der sich mit Ami-Schlitten und Bikes der 50er befasst, wurde vor rund 6 Jahren aus der Taufe gehoben. Am Anfang waren es nur zwei Menzinger die sich die Ehre gaben – Harald Schmid aka Schmiddi und Christian Dänny Kälbli – gennant Kalle. Die beiden Jugendfreunde beschlossen mit den Vintage Speed Freaks all jenen Gleichgesinnten eine Heimat zu schaffen, die ebenso wie sie hoffnungslos dem Charme der dicken Straßenschlitten aus den Roaring Fiftees erlegen waren. Zum kultigen US-Car-Treffen auf Schmiddis Rasen finden sich mittlerweile Fans und Anhänger aus ganz Europa ein.

Wer mehr über Menzingen, seine Historie und vor allem über seine vielen kleinen und großen Geschichten erfahren möchte, der kann sich übrigens an einen echten Menzinger Insider wenden. Das Urgestein Gerhard Wöhrle bietet regelmäßig Wanderungen durch das Dorf an und kennt jede Ecke, jeden Winkel und jedes Geheimnis in- und auswendig. Gerade in diesem Jahr sollte man Menzingen unbedingt einmal einen Besuch abstatten, feiert der Kraichtaler Stadtteil doch seinen 1250. Geburtstag. Viele geplante Veranstaltungen, darunter das große Festwochenende, welches eigentlich vergangenes Wochenende hätte stattfinden sollen, sind leider im Coronavirus zum Opfer gefallen. Mit ein bisschen Glück kann aber im Herbst die Kirchweih stattfinden – Vor den Toren der evangelischen Kirche präsentieren dann lokale Erzeuger ihre Spezialitäten und es darf gemeinsam bei gutem Essen und feinen Tropfen auf ein Jahr angestoßen werden, das wohl für alle anders gelaufen ist als ursprünglich geplant.

Für das 1250 Jahre alte Menzingen wird 2020 dennoch irgendwann nur eine Erinnerung von vielen sein. Gelebtes wird zur Vergangenheit und von den uralten Mauern, Straßen und Gassen des Dorfes sicher verwahrt. So war es schon immer und so wird es auch immer bleiben. Schritt für Schritt in die Zukunft – langsam, gelassen und mit höchstens 25 km/h.

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Ein Gedanke zu „Endstation Menzingen“

  1. Da ich selber aus Menzingen komme möchte ich da etwas dazu sagen.
    Es ist wirklich schön hier aber mittlerweile ist es grausam das die Bahnhofstraße noch immer so sehr befahren wird. Das ist nicht mal unbedingt ein Problem, sondern das Problem ist die Geschwindigkeit.
    Da sind LKW die zu unserer Ortsansässigen Fabrik wollen.
    Ortsansässige Leute die ihr Geschäft hier am Bahnhof haben und auch sehr laut und schnell unterwegs sind.
    Dann auch die Busse..
    Hier ist Tempo 30.
    Vor ca. 41/2 Jahren ist ein Vater mit seiner Tochter auf dem Fahrrad genau auf der Bahnhof Straße angefahren worden. Man kann von Glück reden das damals nicht mehr passiert ist.
    Den wenn alle die mit der Bahn kommen durch Menzingen laufen, gehen sie durch die Bahnhof Straße.
    Vielleicht erbarmt sich mal die Stadt Kraichtal und kümmert sich mal um die Geschwindigkeit hier. So das wir weiter unsere Idylle genießen können

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