Zu schnell um anzuhalten…

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Ein (unerfüllter) Weihnachtswunsch: Einfach nur zur Ruhe kommen

Ein Weihnachtsgruß von Hügelhelden.de-Herausgeber Stephan Gilliar

Herrschaften, ich kann es kaum glauben – heute trifft sich unsere Redaktion das letzte Mal in diesem Jahr. Am Nachmittag losen wir noch aus, wer wann zwischen den Jahren Bereitschaft hat, danach geht es tatsächlich in die Weihnachtspause zwischen den Jahren. Wie sehr habe ich mich auf diesen Tag gefreut. Endlich einmal wieder abschalten, endlich zur Ruhe kommen. Nur auf dem Sessel sitzen, ein gutes Buch lesen…

Je näher ich diesem Moment komme, desto klarer wird mir aber, dass es auch dieses Jahr wieder nicht gelingen wird. Zumindest nicht auf Anhieb. Es ist der durch und durch verrückte Versuch ein Auto, das man das ganze Jahr über mit durchgedrücktem Gaspedal beschleunigt hat, auf einen Schlag zum Stillstand zu bringen. Als naturwissenschaftlicher cretin fallen mir leider die dazugehörigen physikalischen Gesetze nicht ein, ich schätze aber ein gepflegter Flug durch die Windschutzscheibe wäre die Folge.

Es ist ein Aspekt des Erwachsenenlebens, mit dem ich mich nie angefreundet habe… das Mitgerissen werden im Sog gesellschaftlicher Pflichten, Anforderungen und auch Eitelkeiten. Du musst leisten, schaffen, glänzen und wie eine Maschine abliefern, abliefern, abliefern.. Geblendet wie ein Reh im Scheinwerferlicht kommen wir diesem aus allen Kanälen auf uns abgefeuerten Begehren gehorsam nach und verleugnen uns und unser Menschsein dabei nach Kräften.

Wir peitschen uns durch den Tag, begreifen das eigene Gehetztsein als eine Art Statussymbol, ständigen Zeitdruck und stoische Arbeitsamkeit als Wettbewerbsvorteil. Wir kleben an unseren Smartphones, an unseren Tablets und Computern, widmen Ihnen nicht nur unsere ganze Aufmerksamkeit, sondern lassen unser Leben von ihnen regelrecht regieren und durchtakten. Wie ignorieren die Bedürfnisse unserer Lieben, hören Ihnen nur halbherzig zu, sind gefangen im Rausch von Leistung, Geschwindigkeit und dem omnipräsenten Druck.

Ich ertappe mich oft dabei, wie ich abends auf dem Sofa zusätzlich zum laufenden Fernseher noch mein Smartphone in der Hand habe… zu wenig Input liefert die Mattscheibe für meinen rastlosen Geist, es braucht Input, Input, Input. Am Ende wundere ich mich verärgert darüber, dass ich erst nach Stunden in den Schlaf finde.

Kommt Ihnen etwas davon bekannt vor? Falls ja, haben sie mein tiefstes Verständnis und Mitgefühl. Falls nicht, mein vollumfängliches Bewundern und meinen brennenden Neid.

Wie gern würde ich es schaffen, in den kommenden drei Wochen etwas zur Ruhe zu finden. Vielleicht einmal wieder einen Brief zu schreiben, an Freunde zum Beispiel, die ebenfalls gefangen im eigenen Strudel in den letzten Monaten kaum einen Gedanken oder ein Wort mit mir geteilt haben… oder ich mit Ihnen. Wie schön wäre einmal wieder ein langes Abendessen, eines, das länger als 15 Minuten dauert… mit Gesprächen mit der Familie und ohne die drängende Abendroutine im Kielwasser.

Ich will ehrlich zu Ihnen sein, ich habe mir das schon oft vorgenommen, bin meistens an der Aufgabe gescheitert. Zu sehr wirkt die selbstverschuldete Beschleunigungen der letzten Monate nach, unbarmherzig und unnachgiebig treiben mich ihre Kräfte auch dann unerbittlich nach vorne, wenn ich es eigentlich nicht brauchen kann. Grausame Physik.

Ich verspreche Ihnen aber auch eines: Ich werde es wieder versuchen. Vielleicht noch ein wenig beherzter als zuletzt, mit einem bisschen mehr Reife im Herzen, die uns das Alter manchmal gnädig “aufs Haus” spendiert. Ungern würde ich wie so viele andere, erst durch einen Herzinfarkt an die eigenen Grenzen und vor allem die eigene Endlichkeit erinnert werden, auch wenn ich bisher alle diesbezüglichen Kometeneinschläge in der Bekanntschaft und Verwandtschaft geflissentlich ignoriert habe.

Erschreckend viele Menschen, mit denen ich bislang zu tun habe, erzählten mir von ähnlichen Entwicklungen in ihrer eigenen Biografie. Haben mir in unendlicher Traurigkeit geschildert, wie sie die beständige Schussfahrt erst dann stoppen konnten, als weite Teile ihres Lebens bereits vorbei waren, als die Kinder aus dem Haus und oft die Beziehung zum Partner längst gescheitert war.

Man schüttelt dann zwar innerlich den Kopf, sagt sich, dass einem das selbst nicht passieren kann, doch ich glaube, man gibt sich hier allzu leicht einer Illusion hin. Wer es nicht schafft, sein Leben mit einem Mindestmaß an Achtbarkeit zu leben, der verliert den Kontakt zu sich selbst und am Ende vielleicht mehr, als ihm lieb ist.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte heute und hier nicht den Moralapostel oder den spirituell-esoterischen Berater geben, dafür bin ich ob meines eigenen, beständigen Scheiterns an dieser Front maximal ungeeignet. Ich will Ihnen aber mein Versprechen geben, weiter an mir zu arbeiten, die eigene Geschwindigkeit – wenn vermutlich auch in kleinen Abstufungen – Stück für Stück zu reduzieren.

Was das mit ihnen zu tun hat, liebe Leserinnen und Leser? Hoffentlich nicht viel auf Ihrer ganz persönlichen Ebene! Was mich angeht und diese, nun ins 10 Jahr seit ihrem Erscheinen startende Publikation, allenfalls, dass im kommenden Jahr nicht alles, was geschrieben werden kann, auch geschrieben werden muss. Ich werde mich weiter auf schöne, starke und tiefgehende Geschichten fokussieren, echte Geschichten aus unserer Heimat, die danach schreien erzählt zu werden…. der Rest ist Schall und Rauch.

Ich wünsche uns allen, liebe Leserinnen und Leser, dass wir gemeinsam zur Ruhe kommen können und in den kommenden Tagen nur für die Menschen da sind, auf die es wirklich ankommt: Unsere Liebsten und nicht zuletzt auch uns selbst.

Wider dem Geschwindigkeitswahn und auf eine wunderbare Weihnachtszeit

Ihr

Stephan Gilliar

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