Ein Mann namens Krummholz

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Rudi aus Oberöwisheim ist ein echter Hügelländer alten Schlages

An den Tag an dem aus ihm der “Krummholz” wurde, kann sich Rudi Zimmermann nicht mehr erinnern. Vermutlich weil es einen solchen Tag gar nicht wirklich gegeben hat. Dieser Name war Rudi quasi in die Wiege gelegt, waren doch sein Vater, sein Großvater und sogar sein Urgroßvater bereits ihrerseits “der Krummholz”. Dieser Uzname war Männern zu eigen, die das Gewerbe des Wagners ausübten – einer jener vielen Berufe die schon längst unter die Räder der Zeit gekommen sind. Räder waren es auch mit denen sich Wagner, oder auch Stellmacher, tagtäglich beschäftigten. Neben diesen stellten sie auch viele weitere landwirtschaftliche Geräte aus Holz für die tägliche Feldarbeit her. Vor dem Siegeszug von Traktoren und Schleppern, einer der wichtigsten Berufe überhaupt auf dem Land.

Rudi Zimmermann wurde am 30. Juli 1932 in Oberöwisheim direkt in eine solche Wagner-Dynastie hineingeboren. Es war das Jahr als Paul von Hindenburg zum deutschen Reichspräsidenten wiedergewählt wurde, ein blutiger Umsturz die Monarchie in Siam beendete, die erste deutsche Autobahn eröffnet wurde und Amelia Earhart als erste Frau im Alleingang den Atlantik überflog.

Oberöwisheim

Oberöwisheim war damals ein kleines Bauerndorf, wie es ländlicher nicht hätte sein können. Es gab keine Wasserversorgung, nur eine holprige Straßenanbindung über Schotterpisten und erst drei Jahre zuvor kam 1929 der elektrische Strom in die Häuser der Menschen. Bauernhöfe und kleinlandwirtschaftliche Betriebe waren damals noch nicht außerhalb der Dörfer angesiedelt, sondern noch direkt in den Ortskernen zu finden. Auch Rudis Eltern hatten einen solchen Hof im Herzen Oberöwisheims. Morgens in aller Herrgottsfrühe kümmerte man sich um das Vieh um anschließend den ganzen Tag in der Wagnerei zu arbeiten. Ob nun ein Nachbar einen neuen Stil für seine Sense brauchte oder ein Rad am Ochsenkarren gebrochen war, die Zimmermanns erledigten jede dieser Aufgaben mit Bravour.

Damals war es gang und gäbe dass auch Kinder im elterlichen Betrieb mitarbeiten und so half der kleine Rudi bereits im Alter von weniger als 10 Jahren aus wo er konnte. An einem unglücklichen Sommertag, Rudi war gerade dabei die Deichsel eines Fuhrwerks hochzuschlagen, löste sich selbige von alleine und trennte ihm den Zeigefinger der rechten Hand ab. Obwohl einer der beiden Autobesitzer im Dorf Rudi, auf einer Sprudelkiste sitzend, nach Bruchsal in die Klinik fuhr, konnte der Finger nicht mehr gerettet werden. Seither ist diese markante Narbe sowie sein Spitzname Rudis Markenzeichen. Vom Arbeiten abgehalten hat ihn der fehlende Finger aber nie. Nach seiner Lehre von 1947 bis 1950 arbeitete Rudi bei mehreren Baufirmen in Bruchsal und brachte es dabei bis zu einer Stellung, die man am ehesten mit einem Polier vergleichen könnte.

Rudi vor der Scheune der Schlepperfreunde

Die Arbeit hat Rudi Zimmermanns ganzes Leben von jeher geprägt. Heute ist er 87 Jahre alt und steht immer noch jeden Morgen auf um zu schaffen und mit anzupacken. Entweder werkelt er an seiner großen Sammlung an alten Traktoren oder er arbeitet gemeinsam mit seinen Kameraden der Oldtimer- und Schlepper-Freunde Kraichtal. Jeden Dienstag stehen sie in ihrer großen Scheune auf dem Rohrbacher Hof, wo sie Artefakte und mechanische Zeitzeugen aus der Geschichte der Landwirtschaft im Kraichgau bewahren und sammeln. Hier fühlt sich Rudi zu Hause und unter seinesgleichen. Auch wenn die alten Knochen nicht mehr alles mitmachen, so ist er doch einmal die Woche mittendrin und legt Hand an wo es nur geht. Zwar haben seine Kameraden ihm schon oft angeboten ihn einfach abzuholen, damit er auch ohne mitzuarbeiten einfach dabei sein kann, doch hier zieht Rudi seine rote Linie. “Wenn ich nicht mehr arbeiten kann, will ich niemandem zu Last fallen” sagt er wie selbstverständlich und mit reichlich Überzeugung.

Rudi mit seinen Kameraden im Clubhaus der Schlepperfreunde

An das Aufhören denkt er ohnehin niemals, er will weiterhin leben wie er es für richtig hält und es immer getan hat. Für ihn gibt es nur seine Heimathügel, seine Schlepper und Traktoren, seine Freunde, seine Frau Helma und die beiden Kinder sowie das Schaffen, das Ärmelhochkrempeln und das stoische “Immer weiter”.

Rudi ist ein Kraichgauer Hügelländer wie er im Buche steht: Einfach und bodenständig im besten Sinne, ein Praktiker und Pragmatiker vor dem Herrn und geradlinig wie der Horizont. Nach über einer Stunde Gespräch hält er es nicht mehr aus und bricht ab. “Ich will wieder raus, ebbes schaffe” sagt er und schlurft mit schweren Schritten wieder zu seinen Freunden.

Wenn er irgendwann beim Schaffen zusammenbrechen und den letzten Gang antreten sollte, dann wäre das okay für Rudi Zimmermann, auch bekannt als Krummholz – dann wäre er gestorben wie er gelebt hat – mehr wollte er ohnehin niemals.

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