Ein Leben für die Tanke

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Sie leben und arbeiten miteinander: Eine große Familie, alle unter einem Dach, drei Generationen der Karchs.

Seit vielen Generationen steht immer ein Karch an den Zapfsäulen der Odenheimer Tankstelle und das wird auch weiter so bleiben

Seit Eddie denken kann, gibt es die kleine Tankstelle in Odenheim, dort wo die Eppinger Straße und die Utestraße im spitzen Winkel aufeinandertreffen. Gebaut hat sie Eddies Opa, der Bäcker Karch, schon in den 60er Jahren. Seither wuchs die kleine Tanke zu einem der inoffiziellen Mittelpunkte des Dorfes heran und den Odenheimern direkt ans Herz. Abgesehen von den Pächtern Kober und Hans stand hier immer ein Karch hinter dem Tresen und an den Zapfsäulen – mehrere Generationen der Dynastie haben sich an der kleinen Tankstelle bereits die Klinke oder vielmehr den Zapfhahn in die Hand gegeben. Egal ob auf den Schildern über die Jahre Dea, Texaco, BFT, Shell oder heute Agip zu lesen ist – drinnen stand immer ein Karch und das wird voraussichtlich auch so bleiben.

Edgar „Eddie“ und Verena Karch in ihrer Tankstelle

Als Eddie, auch bekannt als Edgar Karch, in der kleinen Tankstelle seine Arbeit aufnahm, war er gerade einmal 17 Jahre alt. Sein Vater Eugen hatte damals in der Östringer Nylon sein vorzeitiges Ruhestandsangebot akzeptiert und stattdessen die Odenheimer Tankstelle übernommen. Während Eddie nach seiner Lehre als Kfz-Mechaniker die Tankstellen-eigene Werkstatt unter sich hatte, sorgte Vater Eugen für den Rest des Geschäftes. Zu jener Zeit war der Beruf des Tankwarts noch ein echter Klassiker. Damals wurden die Zapfsäulen noch durch das Personal bedient, die Preiszahlen (der Liter für ca. 70 Pfennige) über eine Leiter ausgetauscht und eine Scheibenreinigung oder das Messen des Reifendrucks gehörten wie selbstverständlich zum Service dazu. Fuhr ein Auto über den Luftschlauch vor den Zapfsäulen, klingelte es im Laden und Eugen eilte herbei. Immer wieder machten sich Kinder aus dem Dorf daraus einen Spaß und flitzen mit ihren Rädern über den Schlauch, so dass Eugen mehr als einmal umsonst seinen Weg antreten musste. Gestört hat ihn das aber nicht, Eugen war ein herzensguter – immer hilfsbereit und immer großzügig. “Zu großzügig” lacht seine Witwe Rösl und winkt seelig ab: “Hätt der Opa net so viel verschenkt, wär ma jetzt reich”.

mit einer dea Tankstelle ging es im spitzen Winkel von Odna los

Karchs, egal in welcher Generation, sind Odenheimer mit Herz und Seele. Für sie zählt die Gemeinschaft, die Gemeinsamkeit und das leidenschaftliche und ausgiebige Feiern miteinander. “Mir feire gerne, mir schaffe gerne in Odna” sagt Eddie und verzieht angesprochen auf die zurückliegenden Corona-Monate das Gesicht. “Des hots no nie gegebe, nix los des Joahr”. Auch Oma Rösl hofft, dass das Leben bald wieder nach Odenheim zurückkehrt, auf die Nachbarorte könne man sich da ja nicht verlassen. “Eschtringer kenne net feiere” sagt sie und lacht ihr herzhaft-ehrliches Oma-Lachen. Trotz ihrer beschaulichen Anzahl an Lenzen auf dem Buckel, wirkt die Witwe geerdet in ihrem fröhlichen Naturell. Jeden Tag kommt sie die paar Schritte von ihrer Wohnung herüber und setzt sich vor die große Glastür der Tankstelle. Momentan kommt ihr hier die Aufgabe des Gesundheitsinspektors zu, so ermahnt sie alle Kunden doch bitte den Mundschutz korrekt aufzusetzen. Bis vor kurzem lag an ihrer Seite noch Tankstellen-Hündin Ilka, ein knufiiger Shar-Pei, eigentlich ein Kampfhund, der aber keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Aber dieses verrückte Jahr überlebte er nicht und starb vor einigen Wochen im stattlichen Hunde-Alter von 14 Jahren. Für Nachfolge ist bereits gesorgt, die Tankstelle Karch ohne einen Tankstellen-Hund – unvorstellbar! Eddies und Verenas Nichte Xiorama hat mit “Franka von Neuschwanstein”, einem irischen Wolfshund, die Stelle bereits neu besetzt. Den Adelstitel darf man bei der Ansprache aber getrost unterschlagen, ein einfaches Franka soll fortan genügen.

emsige Betriebsamkeit an der Tankstelle Karch

Xiorama, deren Name sich durch die südamerikanische Herkunft ihrer Mutter erklärt, wird übrigens die nächste Generation der Karchs stellen, die an der Odenheimer Tankstelle nach dem Rechten sieht. In etwa drei Jahren wollen Eddie und seine Verena in den wohlverdienten Ruhestand gehen, dann übernehmen Xiorama, ihr Mann Benjamin und in Zukunft vielleicht auch ihre kleine Tochter Cleo Marie das Ruder. Großartig erklären muss ihnen Eddie das Geschäft nicht, wie alle Karchs sind die drei quasi tagtäglich Dauergäste an der Tankstelle. Wenn hier nicht gerade eine von den acht Angestellten Dienst schiebt, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, hier immer einen Vertreter der Dynastie anzutreffen.

Besonders am Wochenende ist an der Tankstelle immer etwas los. Samstagvormittag waschen viele Odenheimer ihre Autos, bevor es aber in die nagelneue Waschanlage geht, spritzt Chef Eddie höchstpersönlich die Wagen mit seinem Hochdruckreiniger ab. “Wird oifach sauwerer” sagt das Odenheimer Urgestein Baujahr 58, zieht noch einmal an seiner Zigarette und feuert mit der Spritzpistole aus allen Rohren. An der Tankstelle der Karchs gibt sich Gott und die Welt den Zapfhahn in die Hand. Bei schönem Wetter fallen die Biker hier in Horden ein, irgendjemand hat stets ein Paket für Hermes abzugeben, andere wollen Lotto spielen, noch eine Flasche Wein für den Abend besorgen oder schlicht nur ein kleines Schwätzchen halten – alles geht, nix muss. Die Beziehung der Karchs zu ihren Kunden ist genau wie die Beziehung, die sie untereinander pflegen: Direkt, ehrlich und familiär. “Wir streiten gerne, wir vertragen uns gerne”, grinst Verena und Benjamin übersetzt nicht weniger grinsend: “Pack schlägt sich, Pack verträgt sich”.

So leer ist es im kleinen Laden der Tankstelle nur kurz wegen unserem Foto

Karchs gibt es in Odenheim übrigens jede Menge, da wäre zum Beispiel der Bäcker Karch, der Straßenwart Karch oder der Vogel Karch. Wegzudenken ist die Sippe, die nur teilweise miteinander verwandt ist, aus Odenheim auf keinen Fall. Wertschätzung schlägt ihnen aus der Gemeinde reichlich entgegen. So ist Eddie beispielsweise seit vielen Jahrzehnten Ehrenmitglied im Vorstand des Kirchenchores der großen Odenheimer Kirche St Michael – engagiert sich darüber hinaus wo es nur irgendwie geht. Besonders danken möchte ihm daher die Arbeitsgemeinschaft Odenheimer Vereine und schwärmt von ihrem tatkräftigen Macher von der Tankstelle. “Wonns irjendwo anzupacken gilt, isch de Eddie de erschd wo kummd und de letzscht wo geht”, heißt es seitens der AOV in warmen und herzlichen Tönen. “Hoffentlich bleibt er uns noch long erhalde”. Ein Wunsch, dem sich vermutlich die meisten Odenheimer vorbehaltlos anschließen werden.

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