“Die Situation in den Kliniken ist keine Interpretationssache”

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Der Ubstadter Landarzt Dr. Michael Hornung über die Corona-Krise, Impfungen, Leugner und optimistische Aussichten

Eine eigene Serie im Vorabendprogramm der ARD wird Michael Hornung wohl niemals bekommen. Sein Zweitleben als erfolgreicher Springreiter und Pferdezüchter passen zwar in ein schönes Serienformat, es fehlt aber das, was wir Kreativschaffende als “emotional skills” bezeichnen. Der erfahrene Landarzt ist vom Wesen her eher ruhig, zurückhaltend und emotionale Regungen vollziehen sich in seinen, wie aus Hartholz geschnitzen Gesichtszügen eher im Subtilen. Man könnte auch sagen, Michael Hornung ist Pragmatiker durch und durch. Jemand, von dem immer verlässliche und rationale Einschätzungen zu erwarten sind, der sich nicht von tagesaktuellen Befindlichkeiten leiten lässt.

Für mich macht ihn das zum idealen Hausarzt, bildet er doch den so dringend notwendigen Gegenpol zu meinen latent hypochondrischen und von Eigendiagnosen á la Dr. Google gestützten Wesenszügen. Einhundertmal habe ich seine Praxis bereits mit der Diagnose “Das gibt sich wieder” verlassen und einhundertmal hat es sich danach wieder gegeben. Jenes neuzeitliche Spiel, wobei sich Patienten vom Arzt eigentlich nur noch die selbst gestellte Diagnose aus dem Internet bestätigen lassen wollen, ist Michael Hornung nicht bereit mitzuspielen. Schließlich ist er der Arzt, hat in Hamburg und Tübingen studiert, in mehreren Praxen und Krankenhäusern gearbeitet und jahrzehntelang handfeste und praxisnahe Erfahrungen gesammelt.

Es ist eine Stimme, wie die von Michael Hornung, der man in der Corona-Krise häufiger zuhören sollte. Die Mixtur aus Pragmatismus und fachlicher Expertise stellt ein gutes Grundrezept für eine verlässliche Einschätzung der Lage und die sieht derzeit nicht gut aus. In seiner Praxis betreut Michael Hornung mittlerweile so viele Corona-Patienten, dass er sie nicht mehr zählen kann. Zwischenzeitlich sind auch viele junge Menschen darunter, teilweise leiden diese noch Wochen und Monate nach ihrer Infektion an handfesten, die Lebensqualität erheblich einschränkenden Symptomen. Die Wellenbewegung der Pandemie, die viele noch so beharrlich leugnen, spürt der Landarzt aus Ubstadt unmittelbar, spült doch jede dieser Wellen einen ganzen Schwung neuer Patienten in sein Wartezimmer.

Teilweise erkranken die Menschen so schwer an Covid, dass nur eine Einlieferung ins Krankenhaus ihr Leben retten kann. Die Suche nach einem freien Klinikbett gestaltet sich aber dieser Tage mitunter wie ein unlösbares Unterfangen, regelrecht ein Wettlauf gegen die Zeit. “Die Situation in Kliniken ist keine Interpretationssache” weiß Dr. Hornung und berichtet vom Fall einer Patientin, die kürzlich in derart geschwächtem Zustand in seine Praxis wankte, dass nur eine Einlieferung ins Krankenhaus infrage kam. Mehrere Stunden lang bemühte sich sein Team erfolglos um ein freies Bett in einer der Kliniken im Umkreis. Egal wo der Hörer abgenommen wurde, überall hieß es nur: Wir sind voll, hier geht nichts mehr. Erst nach einem halben Tag nervenaufreibender Suche, wurde Dr. Hornung schließlich in einem weit entfernten Krankenhaus fündig. Was passiert, wenn in mehreren Praxen gleich mehrere solcher Patienten aufschlagen und einer Einlieferungen ins Krankenhaus bedürfen, kann sich nun vermutlich jeder selbst ganz leicht ausmalen.

Dass die Situation derart ernst ist, haben viele Menschen immer noch nicht verstanden oder wollen es einfach nicht verstehen. Auch bei Michael Hornung sitzen immer wieder Patienten die den Arzt mit ihren Verschwörungstheorien konfrontieren oder die Gefahr des Coronavirus herabspielen oder gleich gänzlich leugnen. Nicht immer kann sich der Mediziner auf diese Art von Diskussion einlassen. “Wenn ich gute Laune habe, versuche ich aufzuklären” erzählt der gebürtige Bruchsaler, der seit über 30 Jahren in Ubstadt eine Hausarztpraxis betreibt. Oft fehlt aber schlicht die Zeit für solche Gespräche, denn neben der regulären Versorgung seiner Patienten, gestalten sich Testungen und Impfungen rund um Corona als äußerst zeitintensiv. Nur zwei bis drei Ampullen Impfstoff bekommt er derzeit pro Woche geliefert, maximal 15 bis 18 Impfungen sind damit möglich. Der bürokratische Aufwand hingegen fällt ungleich größer aus. “Ein echtes Bürokratiemonster” raunt Michael Hornung. In der Tat! Jede Injektion muss von einem umfangreichen Beratungsgespräch und üppigen Dokumentationspflichten begleitet werden. 20 Euro darf er dafür abrechnen, würde er hingegen in einem der kreiseigenen Impfzentren arbeiten, bekäme er stattdessen gut 130 Euro pro Stunde – ein nicht nachvollziehbares Gefälle. Ebenso wenig nachvollziehbar ist ein Umstand, den man als Abstrafung von Effizienz bezeichnen könnte. Bei akribischer Dosierung des Impfstoffes ist es möglich aus einem Fläschchen eine zulässige, weitere Impfdosis zu gewinnen. Zwar kann Michael Hornung mit einer solchen, zusätzlichen Dosis einen weiteren Patienten immunisieren, vergütet wird ihm dieser Aufwand aber nicht, erzählt er und verzieht ob der spürbaren Frustration jedoch keine Miene.

Trotz der derzeitigen Herausforderungen, sieht Michael Hornung die Zukunft aber nicht in grauen Tönen. Seine Prognose für den Spätsommer und den Herbst 2021 fällt erfrischend positiv aus. “Wir werden wieder viel mehr Normalität haben, Besuche im Schwimmbad oder im Restaurant werden bald wieder möglich sein” ist sich der Mediziner sicher. Auch die Mutationen bereiten ihm keine allzu großen Sorgen, der nun vorhandene Impfstoff lasse sich leicht modifizieren.

Auch wenn sich das für manche nun vielleicht zu optimistisch, zu blauäugig anhören mag, kann ich Ihnen nur raten: Hören sie auf den Mann, bei meinen Diagnosen lag er bisher in den letzten 20 Jahren immer zu 100% richtig.

Stephan Gilliar

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