Pompös feiern Städte und Gemeinden im Kraichgau die große Gebietsreform der 70er-Jahre und ihre Zusammenlegung vor rund 50 Jahren. Dabei waren diese Zweckgemeinschaften nicht selten umstritten und oft alles andere als freiwillig.
Eine Meinung von Philipp Martin
Wer die rosarote Brille aufsetzt, sieht – egal wohin er schaut – nur rosarote Bilder. Aber so sind wir Menschen eben; das liegt in unserer Natur. Oder haben Sie in Ihrem Familien-Fotoalbum viele Schnappschüsse von Streitereien, Zwist und Querelen? Sicher nicht – von jeder einzelnen Seite lächeln Ihnen längst vergangene Bilder entgegen, in der Zeit erstarrte Gesichter, die nur eines in die Gegenwart transportieren wollen: die Erinnerung an eine schöne Zeit. Man hat den Eindruck, bei den vielen Jubiläumsfeiern zum 50. Jahrestag der großen Gemeindegebietsreform Anfang der Siebzigerjahre läuft es in etwa auf dasselbe hinaus. Alles prima, alles schön, alles gut gelaufen. Doch ist das wirklich so? War das damals ein Selbstläufer, in dessen offene Arme sich Land und Leute bereitwillig geworfen haben? Kurze Antwort: Nein!
Lassen Sie uns dafür einmal kurz zurückschauen, wieso dieses Mammutvorhaben überhaupt geplant und durchgeführt wurde. Ende der Sechzigerjahre gab es in Baden-Württemberg unzählige Gemeinden – viele große, aber noch sehr viel mehr kleine. Knapp 3400 von ihnen waren über das ganze Land verteilt; jede einzelne verfügte über eine eigene Administration, eine Verwaltung, einen Bürgermeister und eben alles, was dazugehört. Während manche von ihnen auf der Sonnenseite standen, ging es anderen, insbesondere den kleineren Kommunen, wirtschaftlich oft eher bescheiden. Die Städte erlebten einen Boom; dort, wo sich die Wirtschaft ansiedelte, zog es verständlicherweise auch die arbeitende Bevölkerung hin. So bluteten manche Dörfer regelrecht aus; andere waren nur noch Bettenburgen, um Wohnraum für nahe Städte zu schaffen. Doch ohne eigene Wirtschaftskraft flossen natürlich keine Gewerbesteuern, dementsprechend leer waren die Gemeindekassen mancherorts.
So lag der Gedanke nahe, die Strukturen dieser vielen, oft extrem kleinen Gemeinden zu verbessern, indem man sie bündelt und zusammenführt. Ab 1972, als die CDU im baden-württembergischen Landtag alleine regierte, nahm dieses Vorhaben dann so richtig Fahrt auf. Spätestens nach den Landtagswahlen wurden die Pläne für die sogenannte Gebietsreform in Baden-Württemberg konkret. Diese zielten darauf ab, die Verwaltungseffizienz durch die Zusammenlegung kleiner Gemeinden und Landkreise zu steigern, die kommunale Selbstverwaltung zu stärken und die politische Repräsentation zu verbessern. Der Plan: Größere Verwaltungseinheiten können besser mit den Herausforderungen von Urbanisierung und Infrastruktur umgehen, Verwaltungskosten senken und eine gleichmäßigere Vertretung der Bürger schaffen.
Soweit, so gut – doch die Vertretung der Bürger war in äußerst vielen Fällen von oben herab diktiert und keineswegs ein demokratischer Prozess in Reinform. Bei der Reform, die sicherlich in ihrer Intention sinnhaft war, ging es ein Stück weit zu wie auf dem Basar. Es ging um Einfluss, um Macht, um Verhandlungsgeschick und nicht zuletzt um Geld. Worum es in vielen Fällen nicht ging, war der Wunsch der Menschen. Während manche Gemeinden, besonders die finanziell „Oberkante Unterlippe“ verschuldet waren, die Reform begrüßten, weigerten sich andere beharrlich gegen ihre Eingemeindung. Ganz im Sinne der damaligen Pädagogik wurden übrigens jene belohnt, die einsichtig und kooperativ agierten. Ihnen wurden oft Sonderausschüttungen nach dem Finanzausgleichsgesetz gewährt. Jenen, die sich nicht so leicht mit der Aufgabe ihrer Selbstständigkeit abfinden wollten, wurden diese Zuschüsse eher nicht gewährt. Überhaupt war der demokratische Prozess fragwürdig: Zwar musste in jeder betroffenen Gemeinde eine entsprechende Bürgeranhörung durchgeführt werden, doch deren Ergebnisse waren rechtlich schlicht nicht bindend. Das „Nein“ in manchen Ortschaften war ohrenbetäubend laut – in manchen Fällen lehnten 90 % der Menschen einer Gemeinde die Eingemeindung schlicht ab. Heidelsheim beispielsweise, die alte ehrwürdige Reichsstadt mit ihrer langen Historie, wollte sich nicht einfach so dem großen Bruchsal „ergeben“, doch eine Wahl hatten die Heidelsheimer unterm Strich nicht wirklich. Hätten sie sich nicht freiwillig eingliedern lassen, wäre das spätestens zum Jahresbeginn 1975 durch den Gesetzgeber geschehen.
Nicht überall lief der Übergang in den störrischen Gemeinden übrigens „nur“ mit Zähneknirschen ab. In Bayern beispielsweise, wo eine ähnliche Gebietsreform zur gleichen Zeit durchgeführt wurde, musste in dem kleinen Dorf Ermershausen sogar ein großes Polizeiaufgebot anrücken, weil sich die Bürger hier beharrlich weigerten, die Unterlagen ihrer Gemeinde zwecks Eingemeindung herauszugeben. Der Zusammenschluss fand dann tatsächlich unter polizeilichem Zwang statt. Diese Geschichte hatte übrigens ein Happy End: Die Bürgerinnen und Bürger in Ermershausen ließen nicht locker, bis tatsächlich Ende der Neunzigerjahre der Zwangszusammenschluss rückabgewickelt wurde.
Wie dem auch sei, der Zug war spätestens ab 1972 nicht mehr aufzuhalten. Überall wurde geschachert, geflirtet und gebruddelt. Odenheim wäre beispielsweise gerne ein Teil der Stadt Kraichtal geworden, übrigens ein völlig neues Konstrukt, das es vor 1972 überhaupt nicht gab. Unteröwisheim wiederum wäre gerne ein Teil von Ubstadt-Weiher gewesen… Damals führte jede Gemeinde im Grunde Gespräche in alle Richtungen, um den besten Deal zu machen. Denn Deals gab es dereinst jede Menge: „Kommt zu uns und ihr bekommt das und das… wir zahlen alles…“ Manche Gemeinden ließen sich ihr Ja-Wort wahrlich vergolden. Neue Sportplätze, Vereinsheime, Mehrzweckhallen – fast alle Wünsche wurden erfüllt. (Unteröwisheim hätte übrigens ein Hallenbad bekommen sollen, aber vielleicht haben die Annäherungsversuche Richtung Ubstadt-Weiher hier nicht unbedingt weitergeholfen?)
Es waren turbulente Zeiten und keineswegs das harmonische Stühlerücken, das heute auf den großen Jubiläumsfeiern zum 50. Jahrestag der Zusammenschlüsse kolportiert wird. Denn so effizient und wirtschaftlich sinnvoll die Fusionen auch im Einzelnen waren, so schädlich waren sie hier und da für die Identität der eingemeindeten Ortschaften. Denn die Eingemeindung bedeutete meist nicht weniger als den Verlust von Selbstständigkeit und damit auch ein Stück weit von Identität. Irgendwann kam für die ausrangierten Bürgermeister der letzte Amtstag, die Degradierung des örtlichen Rathauses zu einer Verwaltungsstelle oder in vielen Fällen zum Multifunktionsgebäude für Vereine oder noch weniger. Entscheidungen wurden nicht mehr vor Ort getroffen, sondern oft viele Kilometer weiter entfernt in Gefilden, zu denen man bislang nur nachbarschaftlichen Kontakt hatte. Das Zusammenwachsen gestaltete sich schwer und ist in manchen Fällen bis zum heutigen Tag nicht gänzlich abgeschlossen.
Wie sollte das auch so schnell möglich sein? Aus Masse wird schließlich nicht automatisch Klasse. Gleich fünf Gemeinden wurden Bruchsal zugeschlagen; Bretten verfügt seit den Siebzigern über neun Stadtteile. Alles vorher eigenständige Kommunen mit eigenen Zielen, Ideen und Vorstellungen, heute – man kann sich dem Eindruck manchmal nicht erwehren – ein Stück weit „Verwaltungsmasse“, die in den Rathäusern der großen Kreisstädte geformt wird. Nicht immer fühlt man sich in den Dörfern dabei komplett ernst genommen und auf Augenhöhe behandelt; auch 50 Jahre nach dem Zusammenschluss ist hier und da noch Misstrauen zu spüren. Keine Frage, das wird besser und besser, schließlich sind mittlerweile schon mehrere Generationen geboren worden, die ihre Heimat gar nicht anders kennengelernt haben. Doch gerade bei den Älteren hört man hier und da schon noch Vorbehalte und hochgehaltene goldene Erinnerungen an das Früher.
Wie sinnvoll das ganze Unterfangen war, muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch es lohnt sich ein Blick auf jene Gemeinden, die damals erfolgreich Widerstand geleistet haben. Zaisenhausen beispielsweise, die kleinste Gemeinde im Kraichgau, ist immer noch selbstständig und stand wirtschaftlich lange Zeit gar nicht so schlecht da. Bis 2018 war das Dorf schuldenfrei; erst seither hat sich die wirtschaftliche Lage etwas verschlechtert. Besonders interessant ist die jüngste Erhebung im Land, was den Schuldenstand der Gemeinden in Baden-Württemberg angeht. So fällt auf, dass insbesondere unter den kleinen Gemeinden viele existieren, die wenige oder keine Schulden haben – ein Beispiel, das nun nicht gerade für Zusammenlegungen im großen Stil stehen würde.
Doch egal, wie man es drehen und wenden möchte: Die Reform der Siebzigerjahre liegt ein halbes Jahrhundert zurück. Es gilt, nach vorne zu schauen; das ist die einzige Richtung, in die wir uns bewegen können. Was viele Menschen inzwischen verinnerlicht haben: Die Frage der eigenen Identität hat nichts mit formaler Zugehörigkeit zu tun. Man kann auch dann ein stolzer Heidelsheimer sein, wenn das alte Städtchen nun ein Teil von Bruchsal ist. Oder anders gesagt: Man kann problemlos gleichzeitig Heidelsheimer und Bruchsaler sein, ein Gleichnis, das Sie für jeden beliebigen anderen Ort in unserer Heimat setzen können. Wie heißt es doch so schön und treffend: „Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl“.
Ja, tolle Demokratie. Wohl eher Verwaltungsdiktatur, „gegen die man sowieso nix machen kann“.
Und besser geworden ist da gar nix!
Da ist viel zusammen gezwängt worden, was nie zusammen gepasst hat.
Wir wären froh, wenn wir nicht mit Kraichtal zwangsverheiratet worden wären!
Sehr bedenklich, wie leichtfertig sie mit dem Begriff Diktatur umgehen
Allein das Monstrum „Oberderdingen“, benannt nach nur einem Teilort und von diesem seitdem nach Gutsherrnart durchregiert. Ein demokratischer Alptraum in der schwäbischen Variante, vom Synagogenabriss bis zum Brand der Mülldeponie.
Genau so sehe ich das auch, Herr H. das Städtchen Gochsheim war einmal nicht so sehr verschuldet, nach diesem sogenannten Zwangszusammenschluß auch als Gemeindereform bekannt wurde im Nabel der Welt Münzesheim alles bestimmt. Flehingen ist nicht Oberderdingen glücklich, aber zu Gochsheim wollte man nicht. Bauerbach macht in Bretten keine gute Figur.. Flehingen Bauerbach und Gochsheim wäre sicher ein anderer Zusammenschluß. .
@ Redaktion Hügelhelden was war an dieser Gemeindereform demokratisch.? Ein Teilort von Eppingen ist noch immer unzufrieden. Ein Zurück gibt es nicht. Das ist doch sehr demokratisch.
Die Gemeindereform gilt allgemein als gescheitert. Kosten wurden nicht wirklich eingespart und der dadurch ersehnte „Bürokratieabbau“ kommt sicherlich noch, wenn vermutlich nicht mehr in diesem Jahrhundert.
Was genau sich mit der Reform gedacht wurde erschliesst sich mir nicht. Unter-, Obergrombach, Helmsheim, Heidelsheim und Büchenau, immerhin alles „Stadtteile“ von Bruchsal, erscheinen mir genau wie z.B. Forst oder Ubstadt wie „Dörfer die um Bruchsal herum liegen“. (Ich selbst bin aus der „Kernstadt“).
Im Artikel wird gut herausgearbeitet was die „Reform der Gemeinden“ eigentlich war: eine „Gemeindezusammelegung“ die auf wenig Gegenliebe bei den „Zusammengelegten“ traf. Aus heutiger Sicht hatten diese vermutlich recht.
Sofern wir hieraus etwas lernen können dann möglicherweise, dass Reformen durchdacht und unter Abwögung auch der Interessen der Kleinen durchgeführt werden sollten.
Naja ohne diese „Stadtteile“ könnte Brusl nicht mehr voller Stolz behaupten man habe über 47.000 Einwohner :)
Obs wohl Gelder gibt bei steigender Einwohnerzahl ?
Das größte Problem ist, wenn wie in Oberderdingen, Demokratische Strukturen beseitigt wurden. Die Abschaffung von Ortschaftsräten lässt den Bürgermeister zwar leichter durchregieren, aber die Bürger haben keine Vertreter mehr vor Ort. Die Gemeinderäte sind der Gesamtgemeinde verpflichtet,- also dem Hauptort. Auch wenn sie fleißig das Gegenteil behaupten, der Teilort hat keine Vertretung mehr. Ablesen kann man das dann deutlich an den Wahlergebnissen bei den Rechten !
Natürlich. Bundesumlage pro Einwohner.
Da gehört Einiges zurück gedreht.
Kraichtal als reines Kunstgebilde funktioniert gar nicht.
Lieber ein eigenständiges Dorf als in dieser Abhängigkeit verharren!