Die Füße am Boden, die Augen zum Himmel

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Die Paulus-Kapelle ist auch in Zeiten der Not ein Ort der Einkehr

Die Zeiten der Krise und auch die Zeiten der Not als einmalige Chance zu begreifen, klingt vielleicht im Überschwang formuliert etwas übertrieben. Was die derzeitigen, schweren Tage aber definitiv mit sich bringen, ist die Möglichkeit die eigenen Karten offen auf den Tisch zu legen und sich anzusehen wo man im Leben gerade steht. Bin ich noch auf jenem Weg unterwegs, der sich für mich richtig anfühlt? Schenke ich den Dingen und vor allem den Menschen die mir wichtig sind genügend Zeit und Aufmerksamkeit? Habe ich schon das getan, was ich immer tun wollte und sinke ich am Ende eines Tages zufrieden ins Bett um den Schlaf des gerechten Mannes zu schlafen?

Die Krise nimmt uns vieles, beraubt uns unseres gewohnten Tagesablaufes und ein Stück weit auch unserer Zuversicht in die Unverletzbarkeit der Dinge…aber sie schenkt manchen von uns auch etwas: Zeit! Wann hatten Sie das letzte Mal in ihrem Leben so viel Zeit für sich selbst und so wenige Möglichkeiten diese mit den alltäglichen Ablenkungen unserer Highspeed-Gesellschaft totzuschlagen? Als zu Beginn der Krise der Shutdown einen mit irrsinniger Geschwindigkeit voran brausenden Zug plötzlich auf Schrittgeschwindigkeit herab bremste, folgten wir alle den Gesetzen der Trägheit und konnten uns nur schwer der neuen Langsamkeit anpassen. Doch nach Wochen des unruhigen Umhertigerns in der eigenen Wohnung und der rastlosen Dauerberieselung durch Internet und Fernsehen, brechen sich hier und da Gedanken ihren Weg, für die es lange keinen Raum und keine Zeit gab.

Die Adelbergkapelle bei Neibsheim

Wenn wir es schaffen diese Gedanken zuzulassen, ergeben sich dadurch manchmal ganz neue Perspektiven auf das eigene Leben und die eigene Existenz. Vielleicht rutschen wir dadurch in eine Krise, vielleicht entdecken wir aber auch ganz neue Wege, die es zu gehen lohnt.

Zwar kann man diesen Spaziergang in eigene Innere im Grunde überall antreten, jedoch lohnt es sich dafür Orte aufzusuchen, die Menschen schon seit langen Zeiten dazu bewegen einzukehren und zu verschnaufen. Ganz egal ist ob man religiös veranlagt ist oder nicht, die vielen kleinen Kapellen im Kraichgau sind solche Kraftorte. Meist gelegen an Stellen mit einer wunderbaren Aussicht, laden Sie dazu ein sich zu setzen und in sich selbst zu versinken. Wunderschöne Ziele hierfür sind beispielsweise die St. Marienkapelle am alten Eppinger Weg, die Michaelskapelle auf dem Michaelsberg, die Schindelbergkapelle bei Östringen oder die Adelbergkapelle bei Neibsheim.

All diese kleinen Gotteshäuser haben mitunter schon mehrere hundert Jahre auf dem Buckel, doch es gibt auch einen echten Jungspund unter den Kraichgauer Kapellen, den es sich lohnt zu entdecken und zu erleben. Gerade einmal sechs Jahre ist die Paulus-Kapelle am Kallenberger Weg zwischen Ubstadt und Zeutern heute alt. Errichtet hat Sie der Unternehmer Herbert Ubl. Die Idee dazu kam ihm in einer Lebenskrise. Damals wanderte er viel durch die Natur und fand in zahlreichen Kapellen immer wieder Trost und einen Platz zum Nachdenken. 2007 stellte er das Projekt im Ubstadter Rathaus dem damaligen Bürgermeister Helmut Kritzer vor. Es vergingen einige Jahre in denen Dinge wie Finanzen, der Standort und zahlreiche weitere kleine und große Herausforderungen gelöst werden mussten. Doch im Sommer 2014 war es dann soweit und die Kapelle fertig. Mittlerweile ist sie gemäß der damals geschlossenen Vereinbarung in den Besitz der Gemeinde Ubstadt-Weiher übergegangen. Für die Besucher ändert das aber nichts, die Pauluskapelle steht jederzeit für die stille Einkehr oder das Gebet offen.

Einzigartig macht das kleine Bauwerk seine wunderbare Lage direkt im Wald. Auf den Bänken um das kleine Gotteshaus herum kann man Platz nehmen, die Sonne genießen und dem Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume lauschen.

Vielleicht flüstert der Wind auch ihnen etwas zu. Welche Botschaft sie von diesem besonderen Ort mitnehmen, weiß natürlich niemand zu sagen – doch wer einige Zeit dort verbracht hat, kehrt oft leichteren Herzens zurück als er gekommen ist.

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