Der Traum vom LKW-Verbot

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Hambrücken schafft, wovon andere noch träumen

Von diesem Bild können viele Anwohner von Ortsdurchgangsstraßen im ganzen Kraichgau ein Lied singen: Dicht an dicht, Stoßstange an Stoßstange drängen sich die großen und qualmenden Diesel-Schlachtschiffe durch die viel zu engen Straßen, verrußen die Hauswände und erfüllen die Luft in den Stoßzeiten mit Qualm und nicht zuletzt dröhnendem Motorenlärm. Wenngleich auch diese Situation ohne jeden Zweifel äußerst belastend ist, pflegen wir dennoch ein äußerst schizophrenes Verhältnis zu unseren Lastwagen und ihren Fahrern. Einerseits wollen wir es billig, eine Auswahl von Produkten aus der ganzen Welt in den Regalen sehen und nicht zuletzt unsere sämtlichen Einkäufe über das Internet abwickeln, andererseits wären uns aber Ruhe und ein nur dünner Verkehrsfluss ebenso ein Anliegen. Leider lässt sich beides nur schwer vereinbaren, der Schwerlastverkehr nimmt auf unseren Straßen immer weiter zu, sucht sich eben dort ein Durchkommen, wo es machbar und möglich ist. Wer den Lkw-Verkehr an einer Stelle aussperrt, muss eben damit rechnen, dass er sich dann eben an eine andere Stelle verlagert.

Doch von dieser grundsätzlichen Überlegungen abgesehen, gibt es zweifellos Gemeinden im Hügelland, die unverhältnismäßig und über Gebühr mit einem viel zu hohen Verkehrsaufkommen gestraft sind. Eine davon ist Hambrücken. Jeden Tag wälzen sich hier Blechlawinen durch die kleine Waldgemeinde, verstopfen regelmäßig die engen Sträßchen des Dorfes. Richtig eng wird es dann, wenn große Lastwagen mit reichlich Tonnage sich ihren Weg durch die Ortsdurchfahrt – inklusive Slalom um die parkenden Autos bahnen. Die Passage wird dann für alle Beteiligten zu echten Zerreißprobe: Für die LKW-Fahrer, für die Autofahrer, aber insbesondere natürlich auch für die Anwohner.

Für letztere gibt es aber nun gute Nachrichten. Ab demnächst dürfte sich der Verkehr vor ihren Fenstern und Haustüren etwas – oder vielleicht sogar deutlich verringern. Wie Bürgermeister Marc Wagner aktuell mitteilt, gelang es der Gemeinde nun für die Kirchstraße und für die Weiherer Straße ein Durchfahrtsverbot für LKW zu erwirken. In den nächsten Wochen soll hierfür die Beschilderung aufgestellt werden, dann gilt für alle Fahrzeuge mit einem Gewicht über 7,5 Tonnen: Bitte draußen bleiben. Nachdem bereits Wochen zuvor im Zuge der Lärmaktionsplanung für weite Teile des Dorfes Tempo 30 eingeführt wurden, gelang der Gemeindeverwaltung nun mit dem Argument der Sicherheit der Durchbruch. Weil besagte Straßen äußerst eng sind, teilweise nur über Bürgersteige von wenigen Zentimetern Breite verfügen, flatterte am 25. Oktober nun der ersehnte Bescheid im Hambrückener Rathaus ein. Bis die Schilder aufgestellt und die neue Regelung offiziell in Kraft tritt, könnten allerdings unter Umständen noch ein paar Wochen vergehen, fügt Bürgermeister Marc Wagner im Telefoninterview an und bittet hierfür die Bürgerinnen und Bürger noch um etwas Geduld.

Neidisch auf diese Lösung dürften vor allem die Kraichtaler sein, insbesondere die Anwohner von Unteröwisheim, Münzesheim und Oberacker. Hier schieben sich in Stoßzeiten auch unzählige Lastwagen durch die engen und dafür nicht ausgelegten Ortsdurchfahrten. Dieser stetig zunehmende Verkehrsfluss auf der Landesstraße 554 ist eines der größten und drängendsten Verkehrsprobleme der Stadt und das nicht erst seit gestern. Denn auch wenn viele Einwohner/innen der Stadtverwaltung Untätigkeit unterstellen, nimmt diese das Problem durchaus ernst und arbeitet seit Jahren an einer möglichen Abhilfe. Mehrfach hat die Stadt beim dafür zuständigen Landkreis Karlsruhe ein entsprechendes Durchfahrtsverbot für LKW beantragt, jedes Mal ist sie damit gescheitert. Auch das hier ebenso dringliche Argument der Bürgersicherheit reicht nicht aus, obwohl auch in Kraichtal teilweise Bürgersteige von minimaler Breite zu einer absolut realen Gefährdung von Passanten und Anwohnern beitragen. Die Begründung: Immer dieselbe. Da es keine nahen und adäquaten Ausweichmöglichkeiten für den Schwerlastverkehr gäbe, wäre mit einem Verdrängungseffekt des Verkehrs zu Lasten anderer Gemeinden zu rechnen, daher sei der Antrag nicht genehmigungsfähig, erläutert Bürgermeister Tobias Borho die Quintessenz der Negativbescheide. Ein Aspekt der augenscheinlich noch schwerer zu wiegen scheint, als die Sicherheit der Menschen vor Ort. Noch unter Bürgermeister Ulrich Hintermayer wurde daher eine Fachkanzlei mit der Prüfung beauftragt, ob eine Anfechtung dieser Ablehnung und eine juristische Auseinandersetzung aussichtsreich sei. Die unmissverständliche Antwort: No way, keine Chance. Tatsächlich konnte man im Zuge der Vollsperrung während der Kreisverkehr-Baustelle bei Unteröwisheim gut beobachten, wie schwierig eine Umfahrung Kraichtals ist. Nur eine weitläufige Umleitung konnte realisiert werden – der Verkehr verlagerte sich in andere, kleine Gemeinden und sogar auf Schleichwege rundherum. Eine dauerhafte Entlastung könnte hier tatsächlich nur eine Ortsumfahrung schaffen, eine solche zeichnet sich aber weiterhin vorerst nicht ab.

Ganz pragmatisch sieht das auch Bürgermeister Tony Löffler aus Ubstadt-Weiher. Ohne Umgehungsstraße ist eine Entlastung der L554 nicht denkbar. “Irgendwo müssen die LKW ja hin, wir können nicht einfach verbieten ohne eine Alternative anzubieten”, so Tony Löffler in einem Telefongespräch mit unserer Redaktion. Die Gemeinde konnte in den vergangenen Monaten bereits mehrere diesbezügliche Meilensteine erreichen, beispielsweise LKW-Durchfahrtsverbote in Weiher, Teilen von Ubstadt und Stettfeld. Ein Wunsch wäre es auch, den vom Schwerlastverkehr betroffenen Ortsteil Zeutern zu entlasten, doch hierbei zeichnet sich derzeit noch keine baldige Lösung ab.

Beide Bürgermeister freuen sich selbstredend für die Nachbarn in Hambrücken, direkt vergleichen lassen sich die unterschiedlichen Situationen vor Ort allerdings nicht. Während in Hambrücken durch die unmittelbar verfügbaren, alternativen Routen in direktem Umfeld ein LKW-Durchfahrtsverbot vergleichsweise niederschwellig durchsetzbar war, gestaltet sich die Lage im Kraichgauer Hinterland eben deutlich schwieriger.

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4 Gedanken zu „Der Traum vom LKW-Verbot“

  1. Vielleicht einfach mal für Kurzstrecken das Fahrrad nehmen anstatt des dicken SUVs?
    Ich fahre bei fast jedem Wetter die 14 Kilometer zur Arbeit und wieder zurück. Temperaturen sind mir da egal.
    Kollegen von mir nehmen wegen 4 Kilometern das Auto und ärgern sich, dass sie in Bruchsal im Stau stehen und dass so viele Autos unterwegs sind.
    Verkehrswende JETZT!

  2. Das Problem mit den LKWs ist, so vermute ich mal, im gesamten Kraichgau mittlerweile ein massiv.
    Hier im Bereich Neckarsulm/Bad Wimpfen/Sinsheim ist es schon seit Jahren alles andere als lustig! Die LKWs versperren immer öfters die Autobahn mehrspurig und kurz danach auch die vielen Umgehungen.
    Mich wundert aber, dass das politisch/polizeilich scheinbar nicht von Interesse ist.

  3. Auch wenn man schon seit Jahren immer wieder hören muss „es gibt keine Alternative für die L554 durch Kraichtal “ wird es auch nicht zur Wahrheit. Ein Blick auf die Landkarte reicht aus um zu sehen, dass Kraichtal von Autobahnen und Bundesstraßen umgeben ist, welche allesamt besser geeignet sind um den auswertigen Schwerlastverkehr aufzunehmen als die engen Ortsdurchfahrten von Kraichtal. Am Beispiel der Gemeinde Klein Oßnig kann man sehen das es auch anders geht.
    siehe : Verwaltungsgericht Cottbus, Urteil vom 15.12.2016 – 5 K 983/14 – https://www.kostenlose-urteile.de/VG-Cottbus_5-K-98314_Schwerlastverkehr-in-Ortsdurchfahrt-unzumutbar.news23865.htm
    hier wird der Schwerlastverkehr gezwungen auf der Autobahn zu fahren und einen Umweg von über 30 Km in Kauf zu nehmen.

    Bi-Verkehrsentlastung Kraichtal
    Norbert Neck

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