“Der Markus ist für alle da”

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“Der Winter wird dort richtig haarig” – Zusammen mit Kollegen und Freunden repariert Markus Posselt im Ahrtal von der Flut zerstörte Heizungen

Der Herbst ist da. Während wir im Kraichgau die dritte Jahreszeit mit Spaziergängen in den bunten Wäldern begrüßen um uns anschließend in unsere wohltemperierten Häuser zurückziehen, blickt man im Katastrophengebiet im rheinland-pfälzischen Ahrtal den kalten Tagen voller Sorge entgegen. Auch wenn die Katastrophe längst wieder aus den Medien und damit aus der kollektiven Wahrnehmung verschwunden ist, sind die Menschen vor Ort noch lange von jedweder Normalität entfernt. Wasser und Strom werden nur provisorisch durch Aggregate und improvisierte Netze verteilt, Tag und Nacht dröhnen die Bautrockner in den nach wie vor durchnässten Gebäuden.

Wenn nun die Heizperiode beginnt, könnten diese Netze schnell zusammenbrechen, schließlich müssen viele Menschen auf elektrische Heizlüfter zurückgreifen, da ihre Heizungen im Keller durch die Flut in fast allen Fällen unbrauchbar geworden sind. Als Markus Posselt aus Menzingen das erste Mal von dieser Notlage hörte, entschloss sich der junge Bauleiter sofort und ohne nachzudenken zu helfen. Mit seinem eigenen Bagger wollte er gleich am nächsten Tag ins Katastrophengebiet aufbrechen, um ein Teil der Lösung dieses Problems gigantischen Ausmaßes zu sein. Doch Markus Einsatz sollte sehr viel größer ausfallen, als ihm dies zu Beginn bewusst war. Im Nu sprachen sich seine Pläne herum und überall schossen die Hände freiwilliger Helfer in die Höhe, die Markus begleiten und unterstützen wollten. Markus Chef, der Ubstadt-Weiherer Unternehmer Klaus Staudt, unterstützte seinen Bauleiter sofort und bedingungslos. “Nimm was du brauchst, du bekommst alles was nötig ist”.

Und so brachen am Ende Markus und zehn weitere Kollegen von Staudt ins Ahrtal auf und trauten beim Eintreffen ihren Augen nicht. “Ich kannte zwar die Bilder aus dem Fernsehen, als ich es aber dann das erste Mal selbst gesehen habe, hatte ich eine Gänsehaut” berichtet der Menzinger von seinen ersten Stunden im Katastrophengebiet. Das Ausmaß der Zerstörung überwältigt die Abordnung der “Blau-Roten” sichtlich. Eingestürzte Häuser, weggespülte Straßen und überall Schutt, Geröll und Trümmer. Vor Ort stellte sich schnell heraus, wie wichtig der Einsatz von kundigen Installateuren und Heizungsbauern ist. Da fast alle Keller mit Schlamm und Schutt überflutet wurden und sich eben dort die Heizungen der Häuser befinden, waren fast alle diese Anlagen durch die Flut unbrauchbar geworden. In den ersten Tagen der Katastrophe mitten im Sommer mag dieses Problem noch nicht vordringlich sein, doch der Herbst und der Winter kommen mit großen Schritten näher. Die wenigen Fachfirmen vor Ort können die Flut an Aufträgen selbstredend nicht bewältigen, die Hilfe aus dem Kraichgau kam daher mehr als gelegen.

Ohne auch nur einen Cent für ihre Arbeit zu verlangen, gingen Markus und seine Kollegen ans Werk. Tag für Tag wateten sie durch Schlamm-verkrustete Keller, befreiten Brennkessel und Therme von Sediment und Matsch aus den wilden Wassern der Ahr. In mehreren Konvois brachten sie die dafür notwendigen Materialien aus dem Hügelland nach Rheinland-Pfalz, halfen unbürokratisch und schnell aus, wo eben Not am Mann war. Untergebracht war die Truppe in einem stillgelegten Hotel, wo seit der Flut kein einziger Gast mehr übernachtet hat. Als Dank für die kostenlose Unterkunft reparierten die Staudt-Männer auch hier die zerstörte Heizungsanlage.

von links nach rechts: Nick Franck, Dominik Klär, Niklas Woll, Markus Posselt, Robin Schillinger, Heiko Leisinger, Dennis Gebl, Marcel Sieber, Marcel Wieser (Foto: Privat)

Besonders beeindruckt hat Markus die gigantische Welle der Hilfsbereitschaft und das bisher unbekannte Maß an Mitgefühl im Katastrophengebiet. “Do hat alles Hand in Hand geschafft – alle Nationen, Hautfarben, alt und jung… völlig egal” erzählt Markus immer noch ergriffen und appelliert an alle: “Wer Menschlichkeit kennenlernen möchte, sollte auf jeden Fall ins Ahrtal fahren und selbst mit anpacken – Zu tun gibt es dort noch genug”. Seine Lebensgefährtin Steffi, die Markus liebevoll seine Chefin nennt, ist stolz auf ihren Freund. “Der Markus ist für alle da” erzählt sie uns beim Aufbruch, während Markus sich bereits auf seinen zweiten Einsatz im Ahrtal vorbereitet. Arbeit wartet dort noch jede Menge, in viel zu vielen Häusern sitzen die Menschen ohne funktionierende Heizung. “Der Winter wird richtig haarig” befürchtet Markus und dürfte damit Recht behalten. Die Katastrophe im Ahrtal mag war aus unser aller Wahrnehmung verschwunden sein, zu Ende ist sie aber noch lange nicht.

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