Den ganzen Tag in der Schule

|

Der Ausbau von Ganztagsschulen bereits für die Kleinsten im Land schreitet voran, nun ist auch Kraichtal mit dabei

Noch vor wenigen Jahren war Schule ein “Halbtagsjob”. Der Unterricht begann um 7:45 Uhr, spätestens nach der sechsten Stunde gegen 13 Uhr war Schicht im Schacht und die Kinder ginge nach Hause. Nachmittagsunterricht gab es eher selten, einen ganzen Tag in der Schule zu verbringen war früher die exotische Ausnahme. Doch die Zeiten haben sich geändert, in immer mehr Familien arbeiten beide Elternteile in Vollzeit und der Bedarf an einer ganztägigen Betreuung der Kinder steigt kontinuierlich. Über Sinn oder Unsinn dieser Entwicklung lässt sich vortrefflich streiten, dennoch ist sie 2022 längst gesellschaftliche Realität.

In der Sekundarstufe – also ab der 5. Klasse aufwärts – sind Ganztagesschulen schon längst Normalität, nun entstehen aber auch immer mehr Ganztagesgrundschulen nach diesem Vorbild. Sie bieten bereits für Kids ab sechs sieben Jahren aufwärts eine ganztägige Betreuung bis weit in den Nachmittag hinein an. Auch die Stadt Kraichtal hat nun die Einrichtung einer ganztägigen Grundschule an der Markgrafenschule in Münzesheim auf den Weg gebracht. Während die Schüler der dortigen Gemeinschaftsschule schon längst ganztägig unterrichtet und betreut werden, endete der Schultag für die Erst- bis Viertklässler bislang spätestens nach der sechsten Stunde. Ab dem kommenden Schuljahr soll die Betreuung ausgebaut werden, künftig bis 16 Uhr, durch ein zusätzliches, städtisches Angebot sogar optional bis 17 Uhr.

Schulleiter Matthias Fuchs

Statt um die Mittagszeit nach Hause zu gehen, können die Kids dann direkt in der Mensa der Gemeinschaftsschule gemeinsam mittagessen und anschließend spielen, toben, ausruhen und eine Reihe von pädagogischen Angeboten in Anspruch nehmen. Nachmittags gibt es keinen Schulunterricht im eigentlichen Sinn, die Schülerinnen und Schüler die das Angebot der Ganztagesschule nutzen, sind jenen in der vormittäglichen Regelversorgung diesbezüglich nicht im Vorteil, beruhigt Schulleiter Matthias Fuchs im Redaktionsgespräch. Selbstredend sei das Angebot einer ganztägigen Betreuung nur ein Angebot und keine Voraussetzungen oder gar Pflicht. Der Bedarf ist aber definitiv gegeben. Für eine diesbezügliche Informationsveranstaltung Anfang der vergangenen Woche, haben sich rund 90 Eltern angemeldet – eine unerwartet hohe Zahl. Ob die ganztägige, externe Betreuung von Kindern im Grundschulalter Sinn macht, ist eine Frage die jede Familie für sich beantworten muss. Wenn allerdings beide Elternteile auch nachmittags beruflich eingebunden sind, ist ein solches Angebot aber kindlicher Einsamkeit in einem verwaisten Zuhause vorzuziehen.

Dann natürlich werden die Kinder in Münzesheim nicht einfach nur irgendwie “geparkt”, sondern auch aktiv beschäftigt. Gleich mehrere Räumlichkeiten werden dafür aktuell ausgebaut, zudem wurden zusätzliche Stellen geschaffen, um einen guten Betreuungsschlüssel zu gewährleisten. Zu den Angeboten zählen Musik und theaterpädagogische Elemente, Platz für Kunst und Kreativität, Bereiche für Spiele und körtperliche Aktivität genauso wie für Ruhe und Rückzug. Es ist ein gut durchdachtes und ehrgeiziges Vorhaben, das einerseits die Attraktivität der Stadt für Familien steigern, aber auch der gesetzlichen Regelung vorgreifen soll, nach der ab 2026 ein Anspruch auf Ganztagsbetreuung besteht.

Bürgermeister Tobias Borho

Die zweigleisige Ganztagesgrundschule in Münzesheim wird sich zweifelsohne auch in der restlichen Kraichtaler Schullandschaft bemerkbar machen. Sie löst unter anderem auch die derzeitige Nachmittagsbetreuung an der Eisenhutschule in Unteröwisheim ab, die voraussichtlich ab 2025 eingestellt werden soll. Zudem wird sie unter Umständen auch zu Verschiebungen innerhalb der Schülerschaft führen. Schon jetzt bemerke man, dass der Bedarf nach einer Ganztagesbetreuung so groß ist, dass manche Eltern ihre Kinder außerhalb Kraichtals an Ganztagsgrundschulen anmelden, erläutert Bürgermeister Tobia Borho, dieser Entwicklung wolle man nun mit der Schaffung einer eigenen, solchen Einrichtung entgegenwirken. Ihn haben auch schon mehrere Anfragen aus Kraichtal erreicht, die die Schaffung von Ganztagesgrundschulen auch in anderen Stadtteilen forderten. Diese Optionen sei allerdings wenig realistisch, so der Bürgermeister weiter. Tatsächlich fehlt es neben den entsprechend geeigneten räumlichen Kapazitäten, vor allem an einem: Dem Personal. Tatsache ist, dass es überall im Land an verfügbaren Pädagogen mangelt. An mehreren Kraichtaler Schulen fehlt es bereits am nötigen Personal – mitunter auch in Schlüsselpositionen – anstehende Pensionierungen werden diese Situationen weiter verschärfen.

Von der Schaffung einer Ganztagesgrundschule an der Markgrafenschule Münzesheim und dem geplanten, pädagogischen Konzept, ist Tobias Borho vollumfänglich überzeugt. “Das ist wirklich eine tolle Sache, die Matthias Fuchs da auf die Beine gestellt hat” so Tobias Borho. Die Nachfrage nach dem Angebot der zweizügigen Ganztagesgrundschule ist in jedem Fall gegeben, die Kapazitäten seien aber ausreichend, erläutert der Bürgermeister weiter, stellt aber dennoch klar: Vorrang bei den Anmeldungen hat zunächst der Schulbezirk, in dem die Markgrafenschule zu Hause ist. Als ob die Unterteilung Kraichtals in neun verschiedene Stadtteile nicht schon kompliziert genug wäre, gliedert sich das Stadtgebiet nämlich auch noch in mehrere, unterschiedliche Schulbezirke. Dieser Umstand, zusammen mit dem demografischen Wandel, den Veränderungen in Berufsleben, Mobilität und Gesellschaft, wird auch in der Zukunft eine flexible Weiterentwicklung der Kraichtaler Schullandschaft notwendig machen.

Stimmt etwas nicht? Haben wir einen Fehler gemacht oder etwas vergessen? Sagen sie's uns! Hier finden Sie alle Kontaktmöglichkeiten mit unserer Redaktion.Ihr Feedback zählt!

Vorheriger Beitrag

Neckarbrücke gleitet Richtung Süden

Saunieren im Kraichgau – Hier schwitzt es sich am besten

Nächster Beitrag

2 Gedanken zu „Den ganzen Tag in der Schule“

  1. Was bin ich froh, dass ich nicht mehr in die Schule gehen muss.
    Da war ich auch viel zu lang…nach heutigen Maßstäben…
    Aber ich war/ bin froh, dass wir die Nachmittage frei hatten…nicht nur für Hausaufgaben…
    Auch zum Baumhäuser und Staudämme bauen, Seifenkisten bauen und fahren, in der Natur sein an der frischen Luft, Fahrrad und Moped fahren, Funkgeräte, Radios und Lautsprecherboxen bauen…und vieles mehr.
    Aber das geht ja jetzt alles nicht mehr…
    Die Kinder müssen ja so viel lernen fürs erfolgreiche Leben…und die Eltern malochen um Auto und Hütte bezahlen zu können…
    Es lebe der Kapitalismus!!!
    Aber ätsch: aus mir ist auch was geworden!

  2. Ganz so einfach ist das nicht!
    Man muss bedenken, dass Kindheit und auch Lebensumstände einer Familie heutzutage sich verändert haben! Nicht für alle Eltern geht es ausschließlich nur um’s Karriere machen oder ausschließlich um’s Geld verdienen, sondern schlicht und einfach auch darum, über die Runden zu kommen. Die Lebenserhaltungskosten steigen gerade enorm, das wissen wir doch alle. Wer den Artikel genau liest, liest übrigens auch, dass es nicht nur um’s Lernen und Hausaufgaben machen geht. Da ich das Konzept der Schule gut kenne und davon überzeugt bin, bin ich mir sicher, dass die Kinder kompetent und ihrer Entwicklung gerecht behandelt werden und man alles dafür tun wird, dass sie sich wohlfühlen werden und austoben können. Und zwar den ganzen Tag!
    Und wenn am Ende des Tages die Eltern Qualitätszeit mit ihren Kindern verbringen können, weil die Arbeit und die Hausaufgaben erledigt sind, ist das für beide Seiten ein Gewinn.

Kommentare sind geschlossen.