Ein einsamer Winter

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Feiern, Zusammenhalt und Nähe sind nicht nur überflüssiger Luxus

Eine Meinung von Stephan Gilliar

Freitagnachmittag in der Hügelhelden-Redaktion. Zu jener Zeit, in der in vielen anderen Unternehmen bereits das Wochenende eingeläutet wird (und in den Behörden und Ämtern bereits seit Stunden begonnen hat), beginnt für uns normalerweise der arbeitsreichste Teil der Woche. Am Wochenende sind wir alle unterwegs, klappern Feste und Veranstaltungen ab, drehen Videoclips und schießen Unmengen an Fotos…. von Faschingsumzügen, Vereinsfesten, Weinmärkten, Kerwen, Konzerten, Oktoberfesten und den weiteren 10.000 Anlässen, zu denen man sich im Hügelland trifft, um gemeinsam zu feiern.

Seit März hat sich das alles grundlegend geändert. Das erste Mal in den sieben Jahren, die es uns Hügelhelden nun gibt, haben wir am Wochenende nichts zu tun. Es gibt keine Feste und keine Veranstaltungen – in unserem Veranstaltungskalender, sowohl online als auch auf der großen Papier-Variante in unserem Besprechungszimmer, herrscht gähnende Leere.

In den ersten Wochen war das ja ganz nett, man hatte endlich einmal wieder Zeit für die Familie und solche Projekte, die jahrelang unerledigt liegen geblieben waren. Spätestens als aber im April die Wärme und die Sonne in den Kraichgau zurückkehrten, wich die Entspannung am Wochenende einer immer stärker werdenden Melancholie. Die Zeit der Frühlingsfeste, der Vatertagsausflüge und der Maifeiern kam… verstrich ereignislos und fühlte sich damit einfach nur unwirklich und falsch an. So ging es durch den ganzen Sommer und auch die Perspektiven für den Herbst und den Winter liegen in trister Düsternis direkt vor uns: Die ersten Weihnachtsmärkte sind bereits gefallen und auch für die kommende Faschingssaison sieht es nicht gut aus.

Meine Omi hätte jetzt vielleicht gesagt “Da ist nix zu wollen, mein Junge” und ein großer Chor pragmatischer Stimmen dürfte ihr unisono beipflichten. Es stimmt schon: Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten, durchleben eine handfeste Pandemie und müssen die Schwachen und Verletzlichen schützen, wo es uns nur möglich ist. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich reihe mich hier gerne ein und unterschreibe jede einzelne Aussage des letzten Satzes vorbehaltlos.

Doch auch die andere Seite muss gesehen, muss anerkannt werden. Das Feiern, das Zusammenkommen, das Miteinander und der Zusammenhalt sind nicht nur entbehrliche Faktoren, kein reiner Luxus oder das was der Engländer lapidar “nice-to-have” nennt. Es sind genau jene Dinge, die uns als Gesellschaft zusammenhalten und zusammenschweißen. Wir brauchen den Austausch, wir brauchen die Nähe zueinander, wir brauchen uns. Das mag eine Zeitlang online gehen, eine Zeit lang auch mit Abstand und verhüllten Gesichtern, aber sicher nicht auf Dauer. Es ist unsere Natur in Zeiten der Krise eng zusammenzurücken, Wange an Wange, Seite an Seite und Hand in Hand.

Wir dürfen das nicht vergessen, dieses Verlangen nicht völlig ignorieren. Einsamkeit, Isolation und Abstand tun uns nicht gut, haben gar das Potential unserer Psyche auf Dauer Schaden zuzufügen. Sie wissen schon, jenem Teil unseres Wesens, dessen Gesundheit wir traditionell weit weniger Aufmerksamkeit schenken, als dem physischen Körper. Wir müssen daher dringend eine Balance finden, die auch unseren Bedürfnissen als sozialen Wesen Rechnung trägt – sonst tauschen wir am Ende langfristig nur ein Leiden, gegen ein anderes aus. Damit wäre wohl niemandem gedient.

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3 Gedanken zu „Ein einsamer Winter“

  1. Na ja, Sozialkontakte und Umarmung hin oder her, wenn mich am Ende der Tod umarmt ist dieser Schmusekurs nichts Wert!

  2. @ Herr Müller was für eine krude Logik? Stirbt man automatisch wenn man einen Menschen umarmt? Meine Mutter 99 Jahre alt lebt in einem Seniorenheim. Ich kann sie seit langer Zeit NICHT mehr besuchen, doch wen interessiert es was aus den alten Menschen wird. Ein für heute vereinbarter Termin zum Besuch meiner Mutter wurde vor wenigen Minuten durch das Heim abgesagt. Die Menschen in den Seniorenheimen zu schützen wird vernachlässigt.
    Das Gegenbeispiel ist Tübingen. In neun Altenheimen mit 1000 Pflegeplätzen gibt es „seit Mai nicht einen einzigen Corona-Fall“, sagt Oberbürgermeister Boris Palmer. Beschäftigte, Bewohner und Besucher von Altenheimen werden dort regelmäßig und kostenlos getestet, und die Einrichtungen mit sicheren FFP2-Masken versorgt. Warum wird außerhalb Tübingens über diesen Weg seit Monaten nur geredet? Und warum haben Merkel, Spahn, Söder und die anderen Entscheider diesen Weg nicht konsequent umgesetzt? Weil es aufgrund dieses Versäumnisses in Deutschland zu immer mehr Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen kommt, sterben auch hier Menschen, mit denen wir nach den Worten der Kanzlerin nicht mehr Weihnachten feiern können.

  3. Die Moralisten, die die Gesundheit und das Überleben der „Alten und Schwachen“ über alles stellen, sind nichts als gefährliche Heuchler.
    Wenn das Gesundheitssystem in Zukunft auch noch funktionieren soll, dann braucht es eine gesunde Volkswirtschaft. Und die wird gerade an die Wand gefahren.
    Aber auch vom Gesundheitsaspekt her gesehen, Stichwort psychische Gesundheit.
    Wer denkt denn an die Millionen Singles in Deutschland, denen gerade jetzt im Winter die Decke auf den Kopf fällt? Deren soziale Kontakte auf Null gezwungen wurden. Für die es an Weihnachten auch keine Ausnahme gibt, weil die Familie zu weit weg wohnt und sie nicht zum erlauchten, engsten Familienkreis gehören von dem ja zumindest vier weitere Personen in einen Haushalt kommen können.
    Wenn es hinterher ans Bezahlen des ganzen Unheils geht, das Merkel, Kretschmann und Co. gerade anrichten, dann sind sie wieder recht, die gutverdienenden Singles. Aber jetzt können alleine schauen, wie sie mit depressiven Schüben klarkommen. Das Ganze ist absurd.
    Oder wer denkt an die Kinder und Jugendliche, die jetzt wieder zuhause sitzen müssen und nicht mal mit Kumpels and die frische Luft dürfen. Also zumindest nicht mit mehr als einem.
    Die inzwischen getroffen Maßnahmen sind absurd und richten mit hoher Wahrscheinlich ganzheitlich betrachtet deutlich mehr Schaden an, als sie Nutzen bringen.

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