Das langsame Sterben

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Tod auf Raten – Wenn Dörfer verschwinden

von Stephan Gilliar

Wenn sich Dinge schlagartig verändern, fallen sie uns selbstredend ins Auge. Große Ereignisse, große Wirkung. Doch wenn Verhältnisse langsam erodieren, wenn sich der Wandel leise und beinahe unmerklich vollzieht, begreifen wir den Verlust oft erst in dem Moment, in dem er nicht mehr aufzuhalten ist.

Wandern Sie doch einmal gedanklich durch Ihr Heimatdorf oder Ihre Heimatstadt im Kraichgau, bleiben Sie an jeder Straßenecke stehen und versuchen Sie, sich daran zu erinnern, wie es hier früher einmal ausgesehen hat. Dann werden Sie merken, wo überall der Lauf der Zeit die Axt angesetzt, Wunden und Lücken hinterlassen hat. Gab es hier nicht früher ein Gasthaus, eine Metzgerei, eine Apotheke oder einen Bäcker? Konnte man dort drüben nicht sogar Kleidung kaufen oder ein paar Lebensmittel? War in dem großen Haus dort drüben nicht einmal eine Drogerie und ein Fotofachgeschäft zu Hause?

Sie kennen die Antwort auf all diese Fragen bereits. Es ist eine Antwort, die uns mit Unbehagen erfüllt und die in vermutlich so ziemlich jeder kleinen oder großen Gemeinde im Kraichgau ähnlich ausfällt. Wenn ich gedanklich durch Eppingen, durch Bretten oder durch Bruchsal wandere, erinnere ich mich an viele kleine und große Namen, an Gaststätten, an Läden und sogar an ganze Kaufhäuser, die es heute nicht mehr gibt. Natürlich sind hier und da Nachfolger eingezogen, doch oft sind sie kein würdiger Ersatz für das, was verloren gegangen ist. Ein weiterer Billigladen, ein Barbershop oder ein Schnellimbiss können kein Fachgeschäft, keine Metzgerei, keinen Bäcker und keine Drogerie ersetzen. Vielfalt wird durch Monotonie ersetzt, die unsere Dorfkerne und Innenstädte Stück für Stück veröden lässt.

Dieses ungute Gefühl wird von den Zahlen leider nur allzu gut untermauert. In Studien zur ländlichen Nahversorgung wird als grobe Faustzahl ausgegeben, dass sich die Zahl der Lebensmittelgeschäfte bundesweit von 1990 bis 2010 mehr als halbiert hat, nachzulesen in Publikationen des Johann Heinrich von Thünen-Instituts. Bei der Gastronomie sieht es noch schlimmer aus: Hier hat sich die Zahl der Wirtschaften in den letzten Jahrzehnten um einen hohen zweistelligen Prozentsatz reduziert, wie die Zahlen der DEHOGA klar aufzeigen.

Während in der Stadt der Wegfall eines kleinen Geschäfts kaum auffällt, bedeutet er auf dem Dorf schnell die Welt. Fällt hier das letzte Lebensmittelgeschäft weg, reduziert sich die örtliche Nahversorgung schlagartig von 100 auf 0 Prozent. Es ist ein Trend, der nicht schwer zu erklären ist. Mehr Mobilität lässt Einkaufszentren auf der grünen Wiese oder am Stadtrand wachsen, und was man nicht unbedingt vor Ort kaufen muss, kommt mittlerweile bequem per Onlinebestellung direkt nach Hause. Online gibt es zudem mehr Auswahl, meist bessere Preise sowie bessere und kulantere Regeln für Widerruf und Rücknahme. Kein kleiner Einzelhändler kann hier mithalten, ohne sich wirtschaftlich das Rückgrat zu brechen.

Noch dramatischer verändert sich ein Dorf, wenn ihm die wirtschaftliche Grundlage komplett entzogen wird. Davon sind wir im Kraichgau noch entfernt, unsere Region wächst eher, als dass sie schrumpft. Das verdankt sie ihrer Lage in einem ökonomisch starken Umfeld zwischen der Technologieregion Karlsruhe und der Metropolregion Rhein-Neckar. Wer wissen will, wie es anderswo aussieht, muss gar nicht weit fahren. Nur einen Steinwurf von der französischen Grenze entfernt liegt beispielsweise die Kleinstadt Morhange, das frühere Mörchingen. Etwas über 3.200 Menschen leben hier, noch vor einigen Jahrzehnten waren es fast 2.000 mehr.

Wer durch die wunderschöne Altstadt von Morhange spaziert, trifft auf herrliche alte Häuser, deren Fassaden voller Ornamente, liebevoller Details und Stuck sind, doch kaum noch Leben dahinter tragen. Nahezu alle Geschäfte im Ort sind seit Langem geschlossen, die Schaufenster blind vor Staub, die Türen verrammelt und vernagelt. Man muss unwillkürlich schlucken, wenn man diese gespenstische Stille durchquert. Nichts daran fühlt sich gut an, nichts richtig. Die einzigen beiden Häuser, in denen noch Kundschaft verkehrt, beherbergen einen Schnellimbiss und daneben einen Tabakladen, in dem es Zeitschriften, Zigaretten und eine Lottoannahmestelle gibt. Zu Fuß ist hier kaum jemand unterwegs. Immer wieder halten Autos vor dem Imbiss, holen Bestellungen in weißen Plastiktüten ab. Lange möchte sich hier offenbar niemand aufhalten.

Morhange ist nicht einfach geschrumpft. Es ist nach dem Wegfall von Bergbau, Industrie und militärischer Präsenz seiner wirtschaftlichen Grundlage beraubt worden, ohne dass sich eine neue tragende Funktion etablieren konnte. Die Menschen fanden keine Arbeit mehr, zogen fort, den Geschäften wurde der Boden unter den Füßen weggezogen. Der Teufelskreis der Abwärtsspirale läuft seither unbeirrt weiter.

Läuft man durch diese angehende Geisterstadt, stellt man sich mit Unbehagen die Frage, ob das auch bei uns zu Hause im Kraichgau passieren könnte. Versuchen wir, das einzuordnen. Ein ähnlicher Niedergang im ländlichen Hügelland würde erst dann beginnen, wenn mehrere tragende Säulen zugleich wegbrechen. Entscheidend wäre der gleichzeitige Verlust wichtiger Arbeitsplätze im Mittelstand, im Handwerk oder in der Industrie, ohne dass neue wirtschaftliche Perspektiven entstehen. Damit verbunden wäre eine Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen, die ihre Zukunft dauerhaft anderswo sehen. In der Folge verlören unsere Ortskerne schrittweise ihre Funktionen: Geschäfte, Gastronomie und Treffpunkte verschwänden nicht aus Mangel an Engagement, sondern weil die wirtschaftliche und demografische Grundlage fehlt.

Die vorerst gute Nachricht lautet jedoch: Aktuell sieht es nicht danach aus. Unsere Region verfügt über eine breit aufgestellte Wirtschaft, eine enge Anbindung an starke Zentren, eine stabile Beschäftigungslage und eine anhaltende Zuzugsdynamik. Junge Familien kommen, statt zu gehen, und die Orte sind Teil eines funktionierenden regionalen Gefüges. Solange diese wirtschaftliche Vielfalt, die infrastrukturelle Nähe und die soziale Lebendigkeit erhalten bleiben, ist ein Niedergang wie in Morhange kein realistisches Szenario, sondern vor allem eine Mahnung, wie wichtig diese Strukturen sind. Strukturen, die vom kleinen Metzger bis hin zu großen Unternehmen reichen.

Jeder von uns kann dazu beitragen, dass unsere Hügel weiterhin leben und funktionieren. Dazu braucht es nicht die ganz große Agenda, sondern vor allem Engagement und Heimatverbundenheit. Der Kraichgau bleibt lebendig, wenn die Menschen ihn im Alltag aktiv mittragen, indem sie vor Ort einkaufen, sich engagieren, ihre Ortskerne nutzen und Verantwortung übernehmen. In unserem Hügelland entscheidet nicht ein großes Ereignis über die Zukunft, sondern die stille Summe vieler bewusster Entscheidungen.

4 Kommentare zu „Das langsame Sterben“

  1. Ich bin gerade gedanklich durch meine alte Heimatstadt Gochsheim gelaufen, angeregt durch ihren Artikel. Es gab früher mal das Kaufhaus Kern früher in der Vorstadtstrasse, später in der Hauptstrasse. Daraus wurde ein Drogeriemarkt Schlecker. Heute ist ein Antiquitätenladen darin zu finden. Zwei Metzgereien, die heute nicht mehr existieren, gab es früher. Die eine Metzgerei hatte einen kleinen Raum und hier hin wurde ich zum Einkaufen geschickt.
    Viel hat sich verändert und die Möglichkeiten in Gochsheim einkaufen zu können haben sich verringert.

  2. Lange wurde es ignoriert und dann wurden Fast Food Ketten gehypt Hauptsache irgendwas noch und jetzt steht man vor dem letzten Rest der Gastro und stellt fest das Bier ist genauso teuer trotz MwSt Senkung zum 1 Jan 26 . Na gut dann halt nicht , daheim schmeckt es halt dann doch ;) Selber Schuld ….

  3. Pizza, Döner und Thai ist für mich keine . Gastro, aber Realität ! Das scheint sich das Volk noch leisten zu können ;) der Markt regelt alles …. ;)

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