Darf man gerade fröhlich sein?

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Eingedenk von Krieg, Not und Elend nur einen Steinwurf von unseren Grenzen entfernt, schafft es unser Autor einfach nicht auf fröhliche Gedanken zu kommen.

Ein Beitrag von Philipp Martin

Darf man gerade fröhlich sein? Was für eine Frage, was für ein Einstieg. Natürlich darf man das. Wer es schafft, gehört ohne jeden Zweifel zu den Glücklichen, zu den Gesegneten. Ich stelle mir vielmehr gerade die Frage: Schafft man es gerade fröhlich sein? Nun, ich schaffe es nicht.

Was habe ich mich auf diesen Frühling gefreut. Nach zwei Jahren Corona kam mir der letzte Winter endlos lang vor. Eine einzige Aneinanderreihung uniformer, grauer und trüber Tage mit einem beständigen Mangel an Licht und Perspektive. Jeden Tag war ich draußen im Garten und habe an den Ästen und Zweigen nach den ersten Anzeichen keimender Frühlingsboten gesucht, so sehr habe ich mich nach der Rückkehr des Lebens gesehnt. Ich muss es mir eingestehen: Das viele Alleinsein, die fehlende Geselligkeit haben mir über die Monate doch zugesetzt.

Dann kam der Frühling schließlich und mit ihm etwas, das sich wohl niemand hätte vorstellen können: Ein Krieg mitten in Europa. Auch Monate später habe ich meine Fassungslosigkeit darüber nicht verloren. Den Umstand dass es Kriege auf dieser Welt gibt, habe ich schon als Kind äußerst schlecht aufgenommen. Die Geschichten meiner Großeltern rund um die Gräuel des Zweiten Weltkrieges sind mir lange nachgegangen, haben mich niemals wirklich losgelassen. Auch wenn das in den Ohren mancher verrückt klingen mag, habe ich für das was dieses Land vor fast einem Jahrhundert zu verantworten hatte, immer Schuld verspürt. Es hat mir immer auf eine höchstpersönliche Art und Weise weh getan, obwohl ich erst Jahrzehnte nach Kriegsende geboren wurde.

Nun tobt wieder ein Krieg und erzeugt in diesem Frühling eine Atmosphäre der Widersprüchlichkeit – einer Verkettung für mich kaum zu fassender Gegensätze. Einerseits erblüht draußen das Leben, andererseits erlischt es anderswo in Schmerz, Verzweiflung und Elend. Das war schon immer so und doch war es selten so greifbar, wie in diesen Wochen und Monaten des Jahres 2022. Ich bewundere alle die es schaffen letzteres auszublenden, ihr Leben zu leben und die Rückkehr von Wärme und Farbe zu genießen. Himmel, ich würde mir das auch wünschen. Verdrängung war aber noch nie meine Stärke…Selbst wenn ich aufhören würde die täglichen Nachrichten zu verfolgen – was mir mein Job als Journalist absolut unmöglich macht – wüsste ich dennoch das sich östlich von uns jeden Tag das Unvorstellbare ereignet. Wegschauen hat noch nie eine Sache zum Besseren gewendet und doch ist es manchmal unverzichtbar.

Man muss kein Psychologe sein um die Auswirkungen einer solch fatalen Weltanschauung zu erfassen. Ich schlafe schlecht, bin nervös, gereizt und niedergeschlagen. Ich komme einfach nicht umhin darüber nachzudenken, auf welch vielfältige Art und Weisen dieser Konflikt noch eskalieren kann. Während andere sich offenbar längst an den Umstand eines europäischen Krieges gewöhnt haben, geht er mir an jedem weiteren Tag direkt unter die Haut. Zwischenzeitlich kommt mir der eigene Job sogar regelrecht nutzlos vor. Ich schreibe über Vereinsfeste, Maibäume oder Straßensperren während Kollegen sich mitten im Kriegsgebiet in Gefahr begeben und dies nicht selten mit ihrem Leben bezahlen.

Ich muss daher tatsächlich noch einmal die eingangs gestellte Frage wiederholen: Darf man gerade unbedarft und fröhlich sein? Ja das darf man und man sollte es sogar. Der Brettener Oberbürgermeister hat es mir gegenüber neulich so formuliert: “Ja, wir müssen unsere Freiheit und unseren Frieden leben und wertschätzen.” Damit hat er zweifelsohne recht, doch gilt es diese für uns bislang so selbstverständlichen Werte in diesen Tagen mehr zu schätzen als jemals zuvor. Frieden, körperliche Unversehrtheit, Wohlstand, das war für jeden von uns Normalität, wir kennen nichts anderes. Wir mussten niemals fliehen, niemals Hunger leiden, niemals mit ansehen wie Menschen um uns sterben und unsere Heimat in Schutt und Asche versinkt.

Beides ist gerade unsere Realität – koexistiert auf unerklärliche Art und Weise: Krieg und Zerstörung – Frühling und Friede. Es wäre schlicht dumm letzteres nicht zu genießen und auszukosten, Traurigkeit und Verzweiflung gibt es schon genug auf dieser Welt.

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