Bürgermeister Martus zur Situation in Philippsburg

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Der eine entscheidende Tag am Anfang einer Pandemie

Ein Gastbeitrag und Appell des Philippsburger Bürgermeisters Stefan Martus

Früher war es besser. Früher war es einfacher. Wir mussten nicht wirklich darüber nachdenken, wann wir das Haus verlassen, wo wir einkaufen, und ob es im nächsten Supermarkt noch Nudeln oder Klopapier zu kaufen gibt.

Wir leben in einer Stadt, in einem Kreis, in einem Land, in dem die meisten von uns ohne jegliche Einschränkungen, mit den größtmöglichen Freiheiten groß geworden sind. So war es in unserem täglichen Leben bisher nie eine Frage, ob es richtig ist, zur nächsten Eisdiele zu gehen, die Kinder auf den Spielplatz zu schicken oder sich abends vor dem Haus, auf der Straße, zu treffen und sich mit seinen Nachbarn über den vergangenen Tag auszutauschen. Wir alle haben sie gelebt und geliebt, diese Freiheiten, ohne sie auch nur einmal selbst zu hinterfragen oder sie – von welcher Seite auch immer – infrage zu stellen. Und keiner wäre bislang jemals darauf gekommen, diese Freiheiten ungerechtfertigter Weise einzuschränken.

Durch die derzeitige Corona-Krise ist unser Leben fast von einem auf den anderen Tag zu einem anderen Leben geworden. All diese Freiheiten, die uns lieb geworden sind, unser Miteinander, unser gesellschaftliches Leben, sind, fast über Nacht, eingeschränkt oder gar völlig verschwunden. Es ist sicherlich äußerst schwierig, diese Veränderungen von jetzt auf nachher zu realisieren. Warum auch? Mir kann doch nichts passieren. Das Problem ist irgendwo, nicht hier vor meiner Haustür oder gar in meiner Nachbarschaft oder in meinem Bekanntenkreis. So dachten letzte Woche sicher noch viele – aber mit jedem, vielleicht sogar mit diesem einen Tag, rückt das Problem näher, die Zahl der Infizierten in Deutschland, auch in unseren Nachbargemeinden, steigt und es wird Zeit zu handeln. Zeit für alle. Für mich. Für dich. Und auch für den, der sich bisher noch keine Gedanken über dieses „andere Leben“ gemacht hat. Ja, man hätte unser tägliches Leben in den letzten Tagen nicht derart herunter gefahren, wenn die Zweifel daran größer gewesen wären als die Notwendigkeit. Freiheit als höchstes Gut setzt man nicht mal eben aufs Spiel, man nimmt sie nicht. Nicht einfach so, von einem Tag auf den anderen.

Früher, da hat man es nicht besser gewusst. Früher, das ist in diesem Fall aber nur vor vier, vielleicht auch nur vor drei oder zwei Wochen. Natürlich fuhr man in den Faschingsferien oder danach, wie jedes Jahr, zum Skifahren nach Italien oder Österreich, „damals“ noch fern von auch nur einem Gedanken an ein Coronavirus oder daran, sich mit diesem Virus gar selbst anstecken oder es übertragen zu können.

Heute aber wissen wir es besser. Und jeder eine Tag bringt neue Einschränkungen, aber auch neue Erkenntnisse: Wir wissen nunmehr, dass es nicht richtig ist, sich durch leichtfertiges Verhalten der Gefahr einer weiteren Verbreitung oder Ansteckung auszusetzen oder auch als Nicht-Risikopatient zur Weiterverbreitung des Virus beizutragen. Wir, das sind viele von uns. Das ist glücklicherweise die große Mehrheit.

Und dennoch: Nicht alle halten sich an das, was uns eigentlich der gesunde Menschenverstand sagen müsste, aber am Ende verschiedene Behörden längst zur Vorgabe gemacht haben: Ja, eine Krankheitswelle in China ist – zunächst – ein chinesisches Problem, erste Corona Erkrankungen in Nordrhein-Westfalen sind oder waren vor zwei Wochen noch weit genug entfernt. Aber jetzt zählt es. Er zählt. Der eine Tag. Jeder Tag, den auch nur einer von uns durch sein gleichgültiges Verhalten verschenkt, ist ein Tag zu viel. Jeder Tag, an dem wir hingegen allesamt, rücksichtsvoll und solidarisch die derzeitigen Einschränkungen in unserem Alltag mittragen, annehmen und für richtig erachten, kann umgekehrt zu einem gewonnenen Tag im Kampf gegen die weitere Ausbreitung des Virus werden.

Viele von uns spüren derzeit eine gewisse Verunsicherung, manche Respekt, andere Angst. Ohne in Panik zu verfallen, haben sie, haben wir den Ernst der Situation erkannt. Andere begegnen der derzeitigen Lage noch immer mit Verharmlosung oder Ironie – was kann mir, was kann uns diese Krankheit schon antun? Wahrscheinlich braucht es an dieser Stelle eine gewaltige Portion Mut, seinen Nachbarn, seinen Freund oder seinen Bekannten anzusprechen und ihn auf die Einhaltung der momentan veränderten Spielregeln hinzuweisen. Nur wenn wir alle, Sie und ich, täglich, heute, diesen Mut zum richtigen Handeln beweisen, schaffen wir es, mit der nötigen Besonnenheit, aber auch einer großen Portion Zuversicht durch diese Wochen zu kommen.

Die Spielregeln hierfür sind längst über die vielfältigsten Wege kommuniziert. Wir kennen sie alle, und falls nicht, können wir uns bei den verschiedensten Stellen richtig informieren. Können. Sollen. Dann aber müssen wir uns dementsprechend verhalten, weil wir eine gesellschaftliche Verantwortung haben. Gegenüber den schwächeren, den älteren, den kranken Menschen in unserer Mitte.

Deshalb ist es derzeit richtig und wichtig, die oben beschriebenen Freiheiten einzuschränken und Sozialkontakte außerhalb des häuslichen Lebens auf ein Minimum zu reduzieren. Nicht irgendwann, sondern jetzt und heute – weil es in diesen Tagen die bessere Alternative für ein langfristig freiheitliches und vor allem gesundes Miteinander ist.

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