Brauchste einen, leihste einen

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Wie wäre es, ein Auto nur dann zu leihen, wenn man es wirklich braucht? Klingt kompliziert, kann aber funktionieren – sogar auf dem Land.

Dass Mobilität in der Stadt und auf dem Land kaum etwas miteinander zu tun hat, darüber müssen wir nicht reden. Dass das Angebot auf dem Dorf dem in den Ballungsräumen weit unterlegen ist? Geschenkt. Während es in den Innenstädten völlig normal ist, keine fünf Minuten auf eine Bahn oder einen Bus zu warten, kann das auf dem Dorf mehrere Stunden dauern. Kein Wunder, dass für viele Landbewohner der Verzicht auf ein eigenes Fahrzeug absolut illusorisch ist – ohne die eigenen vier Räder wäre ein normaler und realistischer Tagesablauf kaum machbar. Die Familie mit vier Kindern, die in unterschiedlichen Nachbardörfern Schulen und Kindergärten besuchen, in der beide Ehepartner verschiedene Arbeitsplätze ansteuern und am Wochenende den obligatorischen Großeinkauf erledigen müssen, oder auch der Handwerker, der Material und Werkzeug kaum in der Straßenbahn transportieren kann – für sie wäre ein Verzicht auf einen eigenen fahrbaren Untersatz nicht nur unsinnig, sondern schlicht unmöglich.

Doch was ist mit all den Menschen, deren Alltagswege sich einigermaßen smooth mit dem ÖPNV bewerkstelligen ließen? Die mit dem Fahrrad, zu Fuß oder nur ein paar Haltestellen mit Bus oder Bahn ihren Arbeitsplatz bequem erreichen können? Oder das ältere Pärchen, das das Auto im Grunde nur noch für einen Arztbesuch pro Woche, einen Einkauf oder einen Sonntagsausflug nutzt? Sind wir ehrlich: Es gibt durchaus eine ganze Reihe an Szenarien, die im Grunde ohne ein eigenes Fahrzeug auskommen. Wer nur ein- oder zweimal pro Woche wirklich auf das Fahrzeug angewiesen ist, der könnte sich bei Bedarf auch einfach eines ausleihen. Das geht mittlerweile sehr einfach, niederschwellig, mehr oder minder kostengünstig und ist bis in die kleinsten ländlichen Gemeinden hinein fast flächendeckend verfügbar.

Für alle, die sich mit der Thematik noch nicht beschäftigt haben, hier ein kurzer Reinholer. Platzhirsch und Pionier in der Region in Sachen CarSharing ist das Projekt „ZEO“ – ein gemeinschaftliches Projekt der Regionalen Wirtschaftsförderung Bruchsal GmbH, der Stadtwerke Bruchsal GmbH und der Umwelt- und EnergieAgentur Kreis Karlsruhe GmbH. ZEO bietet im nördlichen Landkreis Karlsruhe ein flächendeckendes E-Carsharing mit 72 Stationen in 18 Kommunen an. Die Flotte umfasst verschiedene Elektrofahrzeuge, vom Kleinwagen bis zum Transporter, die flexibel über die „Mein ZEO“-App oder die KVV.regiomove-App gebucht werden können. Die Tarife sind transparent gestaltet: Der „Eco“-Tarif ohne Grundgebühr bietet Kilometerpreise ab 0,27 € und Stundenpreise ab 1,90 €. Für Vielfahrer gibt es weitere Vergünstigungen. Die grün-weißen Autos der Flotte haben Sie bestimmt schon gesehen, mittlerweile gibt es in den meisten Kraichgau-Kommunen entsprechende Stellplätze, an denen die Fahrzeuge entliehen werden können. Das wird auch rege in Anspruch genommen: Laut ZEO nutzten letztes Jahr rund 4.500 registrierte Fahrer das Angebot, sparten dabei 184 Tonnen CO₂ ein und legten insgesamt etwa eine Million Kilometer zurück.

Auch wenn ZEO die Region dominiert, was das CarSharing-Modell angeht, sind sie dennoch nicht die einzigen Anbieter am Markt. Relativ neu in unserer Region sind die ersten Stationen von „Deer Mobility Solutions“ – einem Anbieter aus Calw im Nordschwarzwald. Das Unternehmen, als eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Energie Calw GmbH, hat seit seiner Gründung ein rasantes Wachstum hingelegt und verfügt mittlerweile über 400 Stationen im ganzen süddeutschen Raum.

„Deer“ expandiert derzeit massiv, allein im Kraichgau sind ein gutes Dutzend Stationen geplant. Beispielsweise in Stettfeld, einem Ortsteil von Ubstadt-Weiher, wo die jüngste Station am Donnerstagmorgen in Betrieb genommen wurde. In nächster Zeit werden allerdings weitere Standorte in Zeutern, Odenheim, Menzingen, Bahnbrücken, Unteröwisheim, Oberderdingen, Gölshausen und Sulzfeld dazukommen.

Der wesentliche Unterschied zu unserem etablierten Modell von ZEO ist die Stationsflexibilität. Das könnte für manche Kunden durchaus ein Gamechanger sein, denn während man bei ZEO das Fahrzeug immer wieder dort abgeben muss, wo man es abgeholt hat, läuft das beim elektrischen Wildfang (der Name „Deer“ soll an den Schwarzwälder Hirschen erinnern) aus Calw anders. Die Schwarzwälder setzen auf ein stationsflexibles Carsharing-Modell, bei dem man das entliehene Auto an jeder beliebigen anderen Deer-Station abgeben kann. Das hat immense Vorteile, weil man beispielsweise mit Sack und Pack an den nächsten Flughafen fahren kann, das Auto dort abstellen und die Sache damit erledigt ist.

Anders als bei ZEO setzt Deer in Sachen Preisen auf eine rein zeitbasierte Abrechnung. Die Stunde kostet 9,90 €, der Tag 69,90 €, das Wochenende von Freitagnachmittag bis Sonntagabend ist für 100,90 € zu haben – der Ladestrom ist natürlich inklusive, auch alle gefahrenen Kilometer.

Archivbild

Und vermutlich trifft Dr. Thomas Rink damit genau den Punkt: Nur der ideologische Ansatz wird nicht zu einem schnellen Wandel führen, das Angebot muss stimmen und attraktiv sein. Der beste ÖPNV nutzt nichts, wenn zu später Stunde das Sicherheitsempfinden gegen Null tendiert oder die Preise so hoch sind, dass eine Fahrt mit dem Auto wirtschaftlich mehr Sinn macht. Doch auch unter diesem Aspekt ist das Modell Carsharing im Grunde für sehr viel mehr Leute interessant, als man glauben könnte.

Besonders für jene, die das Auto nur gelegentlich brauchen und die meisten ihrer alltäglichen Wege bereits alternativ zurücklegen können. Denn man muss sich auch bewusst machen, welche Umstände ein privates Auto verursacht. Es benötigt Platz auf dem eigenen Grundstück oder im öffentlichen Raum, es muss mit Energie, Ersatzteilen, Flüssigkeiten und mehr versorgt werden, es kostet Steuern und Versicherung und nicht zuletzt Wartung und Reparatur. Man kann sich leicht ausrechnen, dass die Kosten für das gelegentliche Entleihen eines Fahrzeugs in vielen Fällen deutlich niedriger liegen würden. Zudem muss man sich – abgesehen vom Fahren – um nichts weiter kümmern. Für den einen oder anderen könnte das doch am Ende eine spannende Option sein. Rechnen Sie doch einfach mal ganz nüchtern und kühl die Kosten Ihres Fahrzeugs durch und schauen Sie, welche Zahl am Ende unterm Strich steht. Je nachdem, wie regelmäßig Sie Ihr Auto nutzen, könnte ein Umstieg auf das Carsharing-Modell möglicherweise eine interessante Alternative sein.

3 Kommentare zu „Brauchste einen, leihste einen“

  1. Ich habe nur noch nicht verstanden, wie nach einer One Way Fahrt wieder ein Auto an eine entlegene Leihstation zurück kommt. Muss ich wirklich 14 Tage warten, bis jemand aus dem Urlaub vom Flughafen wieder nach Hause fährt? Die aufgeführten Orte zählen ja nicht unbedingt zum Nabel der Welt….

  2. Das Team des Anbieters sorgt dafür, dass die Stationen wieder bestückt werden, darum müssen sich die Kunden nicht kümmern

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