Bescheiden aber glücklich – So lebte es sich anno dazumal im Kraichgau

| ,

Das Ruhbenderhaus in Östringen ist eine intakte und faszinierende Zeitkapsel, die den Blick auf das ländliche Leben im Hügelland hütet und bewahrt.

Durchschreitet man das unscheinbare Hoftor des alten Ruhbenderhauses am Östringer Leiberg, reist man augenblicklich mehrere Jahrzehnte in die Vergangenheit des Kraichgaus. In liebevoller Detailarbeit haben die Freunde des Ruhbenderhauses hier einen Ort vor den Wirren der Zeit bewahrt und eine Szenerie am Leben erhalten, die den Alltag im ländlichen Kraichgau vergangener Tage aufzeigt. Das Ruhbenderhaus ist kein klassisches Museum, hier gibt es keine Schilder, die um Ruhe ersuchen oder gar dicke Samt-Kordeln, die den Zutritt der Besucher beschränken… Nein, dieses authentische Kleinod bäuerlichen Lebens und Wirkens lädt seine Gäste dazu ein, mit allen Sinnen zu erspüren und zu erfahren, wie es anno dazumal war in unserer Heimat.

Erbaut wurde das Wohnhaus im Jahr 1700 nach dem Modell einer “Fränkischen Hofreite”, die durch einen von Gebäuden umbauten Innenhof geprägt ist. Über die Jahre wurde das kleine Anwesen immer weiter ausgebaut, zuletzt kamen Anfang des 19. Jahrhunderts Stallungen für Schweine hinzu. Bis 1964 lebten hier zuletzt insgesamt vier Generationen der Östringer Familie Ruhbender, mitunter teilten sich bis zu 11 Menschen die wenigen Kammern auf engstem Raum. Ein Schlafzimmer, ein Badezimmer, eine Stube und eine Küche – das Sprichwort “Platz ist in der kleinsten Hütte”, könnte hier im Ruhbenderhaus ersonnen worden sein. Die Kinder schliefen im Sommer meist auf der Tenne unter dem offenen Dachgebälk, im Winter hieß es dann zusammenrücken wo es nur geht. Der Tag im alten Ruhbenderhaus war lang, voller Entbehrungen und arbeitsreich. Die Menschen orientierten sich am Rhythmus der Natur und den Erfordernissen der Landwirtschaft. Angepackt wurde von allen Familienmitgliedern, Kinder waren selbstverständlich hiervon nicht ausgenommen. Mit einfach konstruierten, aber mitunter genialen technischen Hilfsmitteln, trotzten Mensch und Tier dem Land gemeinsam die wichtigen Früchte für den Lebensunterhalt ab.

Diesen Projekt-Film produzierte Hügelhelden.de gemeinsam mit den Freunden des Ruhbenderhauses

Trotz der beengten und einfachen Verhältnisse, waren es aber schöne Zeiten, an die sich Ingrid Ledermann sehr gerne zurück erinnert. Die rüstige Rentnerin hat ihre Kindheit im Ruhbenderhaus verbracht – ihre Mutter war eine gebürtige Ruhbender. Mit einem glücklichen Lächeln sieht sie sich in der alten Scheune um und Erinnerungen an die eigene Jugend und ausgelassene Versteckspiele auf den verwinkelten Heuböden kommen wieder zutage. Dass die Freunde des Ruhbenderhauses als Teil des Heimatmuseums Östringen ihr altes Elternhaus in Ehren halten und zu einem ganz besonderen Ort gemacht haben, freut Ingrid ungemein, lässt sich doch damit ein unendlich wertvolles Erbe, dass anderswo längst verloren gegangen ist, nachhaltig bewahren.

Tatsächlich geht es den Freunden des Ruhbenderhauses nicht einfach nur darum ein Stück Vergangenheit künstlich zu konservieren, sondern das damalige Wissen an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Das Ruhbenderhaus und einige, dazugehörende landwirtschaftliche Flächen, zählen zu den sogenannten außerschulischen Lernorten, die zum Beispiel bereits rege von Lehrern und Schülern des Östringer Leibniz-Gymnasiums und der Silcherschule aktiv in den eigenen Lernalltag integriert werden. So kann Wissen praktisch und realitätsnah von einer Generation zur nächsten weiter fließen. Ein Modellprojekt, das im wahrsten Sinne des Wortes dazu geeignet ist Schule zu machen.

Dieser Beitrag erschien erstmals Sommer 2020

Vorheriger Beitrag

Das Geheimnis des unbesteigbaren Rapunzel-Turms

Östringen hat Spaß

Nächster Beitrag