Auf der Jagd nach dem flüssigen Gold

|

Der große Ölrausch im Kraichgau

Eine Kolumne von Thomas Gerstner

Ach Freunde, I feel it in my fingers, i feel it in my toes.. die fetten Jahre sind vorbei. Erst der Klimawandel, dann Captain Covids Coronaise und nun lässt auch noch der brüllende russische Bär seinen üblen Mundgeruch mit der Vladi Horror Picture Show über den Rest der Welt schwappen …es ist zum Davonlaufen.

Gibt es denn gar nichts, das wir dem Wahnsinn dieser Welt entgegensetzen können? Gibt es keine Geheimwaffe, die universelle Heilung und eine Lösung aller Probleme feilbietet? Doch Freunde, die gibt es. Wenn man der Schwarmintelligenz Glauben schenken darf (und wann bitte lag diese jemals falsch), scheint Sonnenblumenöl das neue, göttliche Ambrosia zu sein. Jenes himmlische Gebräu, das uns aus dem finsteren Tal hinaus ins Licht führen wird. Anders kann ich mir den erneuten Wahnsinn in unseren Supermärkten nicht erklären, nach dessen Wirkprinzip aktuell nicht mehr Klopapier und Nudeln der ganz heiße Scheiß sind, sondern billiges nullachtfünfzehn Sonnenblumenöl, das sich problemlos mit den reichlich vorhandenen Alternativen ersetzen lässt. Leider ist auch der gute alte Tommy dem Wahnsinn anheim gefallen, ganz nach dem Motto: Brauche ich nicht, ist aber rar, also her damit. Doch eines nach dem anderen…

Es war einer dieser ganz normalen Montage im frühlingshaften Kraichgau. Wie auch der Rest der Nachbarschaft war ich gerade dabei im Garten das Loch für meinen neuen Atombunker auszuheben, als meine Frau mir vom Balkon aus zurief, wir bräuchten noch etwas Milch vom Supermarkt. Weil ich ihr an diesem Nachmittag ohnehin noch stecken wollte, dass im Atombunker kein Platz für Sie sein wird, wollte ich sie nicht unnötig zusätzlich verärgern und machte mich auf meiner knatternden Herkules auf die Socken.

Schon von weitem schlug mir vom Einkaufszentrum eine Kakophonie aus wutentbranntem Geschrei einer riesigen Menschenmenge, die Geräusche zerbrechenden Glases und von Schüssen entgegen. Ich lasse die Tankstelle, an der gerade mehrere Kunden den Tankwart mit dem Zapfschlauch zu strangulieren versuchen links liegen und biege auf den Parkplatz des Supermarktes ein. Aus der Filiale meines Stamm-Discounters dringt dichter Rauch und gutturales Gebrüll. Ich betrete den Laden und stoße sofort auf unsere Bibliothekarin Frau Rosenfeld die sich gerade animalisch brüllend auf die alte Oma Lotte stürzt und versucht ihr die mühsam ergatterte 1-Liter-Plastikflasche Sonnenblumenöl zu entreißen. Behende grätscht die alte Dame zur Seite und kickt im Flug noch ihren Rollator in Richtung der Angreiferin. Frau Rosenfeld strauchelt und segelt in den Gang mit den Konserven. Die Ölflasche zerplatzt und ihr Inhalt ergießt sich auf den dreckigen Fliesenboden. Angelockt von dem verführerischen Geruch verlassen mehrere Kunden ihre Deckung und stürzen sich schlabbern mit der Zunge voran auf die goldene Kostbarkeit.

Hinten im Lager wird die Situation indes immer verzweifelter. Der Filialleiter und zwei Azubis haben sich an der Warenausgabe verschanzt und verteidigen die zwei Kartons “Sonnenöl – Superzart” bis aufs Messer. Mein Nachbar Winfried schiebt seinen Einkaufswagen wie einen Rammbock vor sich her und versucht die Stellung mit einem Überraschungsangriff einzunehmen. Doch vergebens. Mehrere Salven aus der Etikettierpistole treffen ihn an der Schläfe und reißen ihn um. Die Gunst der Stunde nutzend robbt Opa Heinz durch den Kasten-Schacht des Getränkepfand-Automates ins Lager und schleicht sich von hinten an die Verteidiger an. Zweimal saust der gedrechselte Eberkopf seines Spazierstocks nieder und schon stößt der rüstige Senior einen röhrenden Siegesschrei aus. Behände kickt er die Tür zur Laderampe auf und stößt die zwei Kartons in den Kofferraum seines Opel Senator, an dessen Steuer bereits Oma Hilde mit laufendem Motor und der dröhnenden Manowar-Kassette aus den Boxen wartet.

Nun packt mich der Wahnsinn auch. Ich habe keine Ahnung was Sonnenblumenöl genau ist, wofür man es benutzt und habe es auch noch nie in meinem Leben zuvor gekauft. Jetzt will ich es aber haben, genau jetzt und so viel wie möglich. Ich steige auf meine Herkules MK1, erwecke die Maschine mit einem Kick-Start zum Leben, klappe das Visier meines Helmes herunter und drehe das Handgas voll auf. Brüllend bricht mein treues Moped durch die große Panoramascheibe, schlittert durch einen Stapel Dosenravioli und kommt vor dem Ölregal zu stehen. Mit einer einzigen Armbewegungen fege ich dessen Inhalt in meine Satteltaschen und gebe Gummi. Das wutentbrannter Heulen der Meute hinter mir lassend, pflüge ich durch den Grünstreifen neben dem Parkplatz und bringe meine Beute in Sicherheit.

Zu Hause angekommen setze ich mich damit in meine Laube, lausche aus der Entfernung den heftigen Explosionen aus dem Einkaufsviertel und betrachte die Flaschen mit ihrem goldgelben Inhalt. Wofür habe ich das Zeug noch gleich besorgt? Keine Ahnung, wirklich brauchen kann ich es nicht. Also direkt ab in den Müll damit. Naja, was solls. Wenigstens kann ich behaupten dabei gewesen zu sein – beim großen Ölrausch im Frühjahr 2022.

PS: Ach ja, Milch habe ich vergessen…

Stimmt etwas nicht? Haben wir einen Fehler gemacht oder etwas vergessen? Sagen sie's uns! Hier finden Sie alle Kontaktmöglichkeiten mit unserer Redaktion.Ihr Feedback zählt!

Vorheriger Beitrag

Verdammt viel vor in Kraichtal

Wander-Opening in Bretten

Nächster Beitrag

4 Gedanken zu „Auf der Jagd nach dem flüssigen Gold“

  1. Die Geschichte ist kurzweilig geschrieben und regt zum schmunzeln an :-), eigentlich genau mein Humor. Bei den Coronapanikkäufen hatte ich nicht mitgemacht mit der Folge, dass es erst zu Hause keine Pizza mehr gab (Hefe) und dann nicht mal mehr den obligatorischenGeburtstagskuchen (Mehl). Ich habe es überlebt, trotzdem Haben ist besser als Brauchen. In den letzten zwei Jahren durften viele in Kurzarbeit weil Produktionsmaterial fehlte . Mangel kann schneller real werden als man denkt besonders wenn Panzer auf dem Sonnenblumenfeld stehen.

Kommentare sind geschlossen.