Als junger Mann trat Lars Armstroff 1994 seinen Dienst auf dem U-Boot Nummer 17 an. Nun ist ihm das alte Mädchen den ganzen Weg bis in den Kraichgau gefolgt.
Das Leben schreibt immer noch die schönsten Geschichten. Diese hier hat eine so verblüffende Wendung, dass ich noch beim Schreiben erstaunt den Kopf schütteln muss. Tatsächlich soll es in dieser Geschichte um eines der erstaunlichsten Wiedersehen gehen, das man sich überhaupt nur vorstellen kann. Rund 30 Jahre nachdem Lars Armstroff während seines Studiums bei der Bundeswehr das erste Mal das U-Boot mit der Kennnummer 17 betreten hat, kehrt der Kapitänleutnant nun wieder zurück an Bord – doch nicht etwa in den rauen Gewässern der Nordsee, sondern hier bei uns, mitten in den Kraichgauer Hügeln.

Doch von Anfang an: 1973 kommt Lars Armstroff in der Deutschen Demokratischen Republik auf die Welt. Schon als junger Mann erkennt er glasklar, für welche Restriktionen das politische System in seinem Heimatland steht – wie sie die Freiheit des Individuums einschränken. Mit dem Fall der Mauer eröffnen sich für den 16-Jährigen plötzlich ganz neue Möglichkeiten. Die eigene Welt endet nicht mehr an den Grenzen eines viel zu kleinen Landes, sondern erstreckt sich bis zum Horizont – dorthin, wo der Himmel das Meer küsst. Das Meer fasziniert Lars, und so absolviert er bereits zu Beginn seines Studiums bei der Bundeswehr ein Praktikum auf einem Unterseeboot. Es trägt die Bezeichnung S196 oder auch U17 – unscheinbare Namen, doch im Kraichgau seit Monaten in aller Munde. Denn es handelt sich dabei eben genau um jenes U-Boot, das vom Technik Museum Sinsheim Speyer auf spektakuläre Art und Weise über das Meer, Flüsse, Kanäle und Straßen durch das ganze Land bis in den Kraichgau transportiert wurde. U17 steht dabei für die klassische operative Bezeichnung der deutschen Marine; die Nummerierung folgt einfach der Zahl der U-Boote, die seit dem Weltkrieg in Dienst gestellt wurden. S196 ist dagegen die technisch-amtliche Rumpfnummer, wobei das S für „Submarine“ steht.

Als U-Boot-Fahrer zählt Lars zu einer kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft innerhalb der deutschen Marine. Auf die Frage, ob U-Boot-Fahrer ein ganz eigener Schlag Mensch sind, antwortet er, ohne auch nur eine halbe Sekunde zu zögern: Ja, das ist so. Wer U17 seit seinem endgültigen Landgang in Sinsheim schon einmal betreten hat, der weiß auch sofort, warum. Wenn man das erste Mal in diese Enge hinabsteigt, in das Halbdunkel, in dem man sich grazil, aber geduckt vorwärts bewegen muss, ahnt man bereits, welche Herausforderungen das Leben an Bord mit sich bringt. Wie muss es erst sein, wenn sich die Luke über dem eigenen Kopf schließt, das Meer sich darüber schiebt, der Rumpf immer tiefer gleitet und der Druck um den stählernen Leib derart steigt, dass bei einem Defekt alles innerhalb kürzester Zeit zu Ende wäre?






























Lars bleibt bei der Schilderung dieser recht plastisch formulierten Frage absolut entspannt – kein Muskel in seinem Gesicht zuckt. Was U-Boot-Fahrer von anderen unterscheidet, ist auch ihr Vertrauen in die Technik, erzählt er und berichtet von seiner damaligen Ausbildung. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm das Training im Tieftauchtopf. Dabei handelt es sich um eine spezielle Übungsanlage, die im Wesentlichen aus einem riesigen, wassergefüllten Zylinder mit über 30 Metern Tiefe besteht. Damit werden U-Boot-Besatzungen darauf trainiert, ein gesunkenes U-Boot zu verlassen. Die bekannteste dieser Anlagen – jene, auf der auch Lars trainiert hat – befindet sich in Neustadt in Holstein. Für Lars war das eine Art Feuertaufe. Nachdem er gesehen hatte, dass mit der richtigen Technik ein solches Manöver gelingen kann, hat er gelernt, der Ingenieurskunst und dem Wissen zu vertrauen, die sich in der Konstruktion eines modernen U-Boots manifestieren. „Das erfordert eine gewisse Überwindung, Disziplin und auch eine mentale Stärke. Und wenn man das geschafft hat, ist man schon mal auf einem guten Weg, U-Boot-Fahrer zu werden“, weiß er genau – und weiß natürlich, wovon er spricht. Jahrelang bleibt er dem militärischen Dienst unter Wasser treu, bringt es am Ende bis zum KaLeu – ausgesprochen Kapitänleutnant.

2004 quittiert Lars den Militärdienst, bleibt der Truppe aber noch in der Reserve für den Fall eines Falles erhalten. Er selbst zieht der Liebe wegen in den Kraichgau, lebt seit vielen Jahren in Ubstadt-Weiher. Dass ihm sein altes U-Boot Jahrzehnte später auf diesem Weg folgen würde, hätte er sich wohl niemals träumen lassen. Denn während sein Umzug in den Süden logistisch gesehen vergleichsweise überschaubar war, ist die spektakuläre Reise von U17 nun auch Thema und Gegenstand eines neuen IMAX-Kinofilms, der vergangene Woche im Technik Museum Sinsheim Premiere feierte. Darin zu sehen ist die komplette Reise des tonnenschweren Unterseeboots – von seinem letzten Liegeplatz an der Nordsee bis hin zu seinem ewigen Ruhestand auf der massiven Stahlträgerkonstruktion vor dem Museum in Sinsheim.






Projektleiter Michael Einkörn vom Museum ist sich dessen absolut bewusst, dass diese Reise nicht nur eine technische Dimension, sondern auch eine emotionale hat. „So ein Boot ist ja die Heimat der U-Boot-Fahrer. Die haben ja da wochenlang drauf gelebt, sie waren unter Wasser, ganz eng beieinander, die haben eine ganz besondere Beziehung dazu“, weiß Michael Einkörn genau. Schließlich hat er das Projekt im engen Schulterschluss mit der ehemaligen Besatzung von U17 entwickelt und vorangetrieben. Dass das U-Boot, als letzter erhaltener Vertreter der 206-Alpha-Klasse, derart in Ehren gehalten wird, geht auch an den Seeleuten nicht spurlos vorbei. „Jürgen Weber, der Kapitän, der hat Tränen in den Augen, jedes Mal wenn er hier ist“, erzählt Michael gerührt.

Tränen sieht man an diesem Abend zwar nicht in den Augenwinkeln von Lars Armstroff glitzern, doch dass sein altes und vor allem sein erstes U-Boot nun hier der Nachwelt zugänglich gemacht wird, darüber ist er richtig happy. Das erste Mal wieder an Bord zu gehen, die alte Kajüte zu sehen, in der man so viel Zeit verbracht hat – das ist dann schon ein Gänsehautmoment. „Es ist eine sehr große Vertrautheit. Ich will nicht sagen, man kommt heim – aber ich bin sofort wieder dort gewesen, habe mich gleich zurechtgefunden.“
Das alte Boot und sein Kaleu – wieder vereint nach Jahrzehnten, gekommen, um zu bleiben in den grünen Hügeln des Kraichgaus, weit weg von den Weiten des Meeres. Und irgendwie sind die beiden immer noch nicht fertig miteinander, ist da immer noch diese Anziehungskraft: „Ich habe es neulich mal gemacht, dass ich auf einer Fahrt, wo ich auf der A6 vorbeigefahren bin, einfach mal kurz angehalten habe und habe mal für zehn Minuten das U-Boot besucht“, erzählt Lars und lächelt nachdenklich. Alte Liebe rostet eben nicht.