Es sehnt das Herz, es mahnt der Kopf

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Das kleine Ladencafé „Speisekammer“ in Diefenbach ist ein liebenswerter Ort zum Abschalten, zum Essen, zum Trinken und zum Einkaufen, der am schwierigen Spagat zwischen Idealismus und Wirtschaftlichkeit zu zerbrechen droht. Aufgeben kommt hier aber nicht infrage.

Wann immer wir über Schließungen auf dem Dorf berichten – sei es eine Metzgerei, eine Bäckerei, ein Gemischtwarenladen, eine Arztpraxis oder eine Bankfiliale –, lässt die harsche Kritik nicht lange auf sich warten. Ob denn noch irgendjemand an die älteren Menschen im Dorf denke, die keine langen Strecken mehr zurücklegen können, schreiben z.B. viele im Brustton der Überzeugung empört in die Kommentare. Oder wie traurig es doch sei, dass das Dorf immer weiter ausblutet.

Die Schuld wird meist bei anderen gesucht: in den Rathäusern, in denen die Amtsschimmel nichts gebacken kriegen, bei den lethargischen Mitbürgern oder gleich bei den Inhabern der Filialen und Läden, die ehrlos das Dorf dem Verfall preisgeben. Dabei weist der ausgestreckte Zeigefinger schnell in eine Richtung – ebenso schnell wird aber vergessen, dass zugleich drei andere Finger in die Gegenrichtung zeigen. Es passt einfach nicht zusammen, wenn leidenschaftlich über den Niedergang der Dörfer geklagt wird, im Gegenzug aber nur wenig persönlicher Einsatz zu erkennen ist, wenn es darum geht, die eigene Gastronomie und den eigenen Handel zu unterstützen. Restaurants, Läden und Cafés dienen nicht nur der malerisch-idyllischen Kulisse eines Dorfes, sondern brauchen zum Überleben Kundschaft und echten Umsatz – da gibt es keine zwei Meinungen.

Sie können sicher sein: Könnte man auf dem Dorf gut von einem Laden oder einem Lokal leben, würde es davon auch noch genügend geben – das ist die simple Wahrheit von Angebot und Nachfrage. Tatsächlich aber wird überall lautstark über den Wegfall von Gastronomie und Nahversorgung geklagt, im Gegenzug aber kaum Engagement an den Tag gelegt, wo solche kleinen Perlen noch oder wieder existieren. Hier dieselben Preise wie bei einer Kette oder einem Discounter zu erwarten, ist überdies unfair – kein kleiner Händler oder Wirt kann das leisten. Ein gesundes Dorf gibt es eben nicht zu Discountpreisen.

Großartige Projekte, mühsames Klima

Umso trauriger ist es, wenn eigentlich großartige Projekte durch derart mangelndes Interesse oder zu wenig Support in Schieflage geraten. Die Speisekammer in Diefenbach – ein kleiner, liebevoll eingerichteter Laden mit einem ebenso liebevoll eingerichteten Café – ist ein gutes Beispiel dafür. Seit rund sechs Jahren versuchen die beiden Trägerinnen Jenny und Melanie, gemeinsam mit einer Handvoll Mitarbeitenden, diese kleine Perle dörflicher Nahversorgung in ruhiges Fahrwasser zu bekommen.

Ihr Angebot ist dabei wirklich beachtlich: eine große Auswahl an Lebensmitteln – von frischen Brötchen über ebenso frisches Obst und Gemüse bis hin, im Grunde, zu so ziemlich allem, was man für den täglichen Bedarf braucht. Die Ware, überwiegend Naturkost, stammt fast ausschließlich aus hochwertigen Quellen, von örtlichen Betrieben und Erzeugern; das Sortiment hat zumeist Bioqualität. Das kostet – keine Frage. Mit dem Einkauf in einem Supermarkt lässt sich das unmöglich vergleichen, aber das ist auch nicht die Frage. Wie die meisten kleinen Dorfläden ist auch die Speisekammer nicht darauf ausgerichtet, als alleiniger Versorger für ganze Haushalte zu dienen. Es geht vielmehr darum, Kleinigkeiten des täglichen Bedarfs niederschwellig und ortsnah anzubieten – dann, wenn etwas fehlt oder etwas Gutes benötigt wird.

Hinzu kommt das kleine Café mit selbstgemachten Speisen, einem herzlich-kreativ zusammengestellten Frühstücksangebot und vor allem einem gemütlichen Ort, an dem man ein paar schöne Stunden verbringen und ins Gespräch kommen kann – also im Grunde genau das, was sich ein kleiner Ort wie Diefenbach nur wünschen kann. Dennoch kann sich die Speisekammer nur mit Geduld und Spucke über Wasser halten – nicht zuletzt unter reichlich Entbehrung. Die monatliche Buchhaltung tut jedes Mal ein bisschen weh, erzählt Jenny – doch immerhin werfe das ganze „ein bisschen was ab“.

Ein „bisschen“ bedeutet in ihrem Fall einen verbleibenden Stundenlohn von etwa drei Euro – etwa einem Fünftel des gesetzlichen Mindestlohns. Jeder Selbstständige weiß seufzend: Feste Stundensätze sind bei Selfmades ein Fantasiekonstrukt, aber es gibt eben doch auch Schmerzgrenzen. Für Melanie ist diese Schmerzgrenze nach jahrelangem Kampf nun erreicht. Sie kann und will so nicht mehr weitermachen, kommt auch gesundheitlich an ihre Grenzen. „Bei mir ist der Idealismus verloren gegangen. Ich bin zum Realisten geworden“, sagt sie pragmatisch und lächelt kummervoll. Sie wird zwar auch künftig ihrer Freundin Jenny aushelfen, wenn Not am Mann ist – aber eben nicht mehr als Gesellschafterin, nicht mehr in täglicher Verantwortung. Eine Entscheidung, die es zu respektieren gilt: Jeder ist dafür verantwortlich, die eigenen Grenzen zu erkennen und einzuhalten – denn wer zu heiß brennt, verbrennt schließlich irgendwann.

Kampf statt Kapitulation

Für Jenny allerdings ist dieser Punkt noch nicht erreicht. Sie kann sich nicht vorstellen, ohne die Speisekammer weiterzumachen, möchte kämpfen, um das Projekt am Leben zu erhalten, an das sie so sehr glaubt und in das sie so viel investiert hat – finanziell wie persönlich.

Sie plant daher, das Ladencafé in einem hybriden Konzept weiterzuführen. Dafür hat sie sich in den vergangenen Wochen und Monaten die Auslastung genau angesehen und ermittelt, wann die meisten Gäste und Kunden kommen. Diese Zeiten sollen weiterhin mit Personal abgedeckt sein – denn für echten menschlichen Kontakt gibt es keine Alternative, davon lebt ein kleiner Laden wie die Speisekammer schließlich, weiß Jenny genau: „Weil das einfach auch das Herz von dem Laden ausmacht, diese Begegnungen.“

In den Nebenzeiten soll der Laden geöffnet bleiben; dann ist es möglich, über ein elektronisches Kassensystem einzukaufen. Zugang gibt es über eine digitale Einlasskontrolle, die eine vorherige Registrierung notwendig macht. Das Ganze soll so einfach und leicht wie möglich umgesetzt werden – beim Kassensystem hilft Jenny ihr Mann, der als Software-Spezialist bei SAP das notwendige Know-how besitzt. Vor Diebstählen fürchtet sich Jenny nicht wirklich: In den letzten Jahren habe es diesbezüglich keinerlei Vorfälle gegeben, erzählt sie. Zudem verkauft die Speisekammer auch nicht jene Art von Waren, die bei Langfingern und Raudis hoch im Kurs stünden.

16.687 Euro für die Zukunft

Bis das neue Konzept umgesetzt werden kann, braucht es aber noch etwas Zeit, Vorbereitung und technische Aufrüstung. Neben dem Kassensystem gilt es, moderne Kühltechnik zu installieren, damit beispielsweise Obst und Gemüse jederzeit schön frisch bleiben. Außerdem braucht es für den Verkauf von Wein oder Bier entsprechende Systeme zur Altersverifikation.

Dafür braucht es Budget – 16.687 Euro, um genau zu sein. Diesen Betrag hat Jenny errechnet, um alles so umzusetzen, wie es nötig ist. Um dieses Geld zusammenzubekommen, hat sie ein Crowdfunding-Projekt auf der Plattform Startnext ins Leben gerufen: Unter dem Kampagnennamen „Die Speisekammer hat Zukunft!“ sammelt Jenny die nötigen Mittel für die Neugestaltung und Neuausrichtung ihres Ladencafés. Acht Prozent dieses Betrags sind in den ersten fünf Tagen bereits zusammengekommen; bis zum 19. November bleibt noch Zeit, die verbleibenden 92 Prozent einzusammeln. Das klingt tatsächlich genauso ambitioniert, wie es ist. Hier braucht es engagierte Spenderinnen und Spender, die bereit sind, etwas zu geben, um ein Konzept am Leben zu halten, ohne das Diefenbach – so weit dürfen wir uns aus dem Fenster lehnen – definitiv ein ganzes Stück ärmer, weniger bunt und damit auch lebenswert wäre.

Es bleibt also zu hoffen, dass noch ordentlich Schwung in die Kampagne kommt und genügend Geld hereingeht, um der Speisekammer den ersehnten Frühling zu bringen. So können auch wir nur appellieren: „Tragen Sie jene, die Ihr Dorf tragen – sonst trägt es am Ende keiner mehr.“


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Die Speisekammer braucht Ihre Hilfe! Seit sechs Jahren ist die Speisekammer in Diefenbach Laden, Café und Treffpunkt für das ganze Dorf – mit regionaler Naturkost, hausgemachtem Kuchen und ganz viel Herzblut. Damit das so bleibt, läuft derzeit eine Crowdfunding-Kampagne. Schon ein kleiner Beitrag hilft, den Laden für Diefenbach zu sichern.
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