Warum Ihnen auf Hügelhelden kaum noch Kinder und ihre Geschichten begegnen
Haben Sie Kinder zu Hause? Falls ja, dann verfügen Sie – gesellschaftspolitisch betrachtet – über einen echten Schatz, man könnte sogar schon sagen: eine beinahe exotisch anmutende Seltenheit. Unser Land wird älter, und die Menschen, die in ihm leben, mit ihm. Früher gingen sich das noch einigermaßen aus: Ältere Menschen starben, neue wurden geboren. Es gab junge Menschen, es gab alte Menschen, beides hielt sich verhältnismäßig gut die Waage.
Nehmen wir einmal exemplarisch die frühen Achtziger zum Vergleich. Damals gab es in Deutschland etwa 62 Millionen Menschen, der Anteil junger Menschen zwischen 15 und 24 Jahren lag bei etwa 17 Prozent. Heute, Mitte der Zwanzigerjahre, ist dieser Anteil auf 10 Prozent gesunken. Faktisch gesehen fehlen uns also mehrere Millionen junge Menschen, und um es noch etwas krasser auszudrücken: Ihr Anteil an der Gesellschaft ist fast um ein Drittel gefallen.
Je kleiner eine gesellschaftliche Gruppe ist, desto weniger Aufmerksamkeit, desto weniger Bedeutung wird ihr zugemessen. Wie diese Gesellschaft mit ihrer Jugend verfährt, ließ sich und lässt sich – in der Vergangenheit wie heute – geradezu in beschämender Weise aufzeigen: kaum Geld für Bildung, kaum Geld für Familien, und wenn es darauf ankommt, stehen unsere Kinder und Jugendlichen immer ganz hinten in der Schlange. Das hat eindrücklich die Corona-Pandemie aufgezeigt, als wirklich alles wichtiger war als unser eigener Nachwuchs. Wir überlassen unsere Jugend im Netz den perfiden und gierigen Interessen digitaler Konzerne, sehen ihre Jobchancen gerade zugunsten künstlicher Intelligenz den Bach hinuntergehen, legen ihnen mit einer massiven Staatsverschuldung irrsinnige Gewichte auf die Schultern und bereiten ihnen bereits heute durch eine Fehlentwicklung in der Rente ihren finanziellen Notstand im Alter.
Zugegeben, ein sehr langes Intro, bei dem sich auch meinerseits viel Frust seine Bahnen gebrochen hat – aber nun komme ich, fest versprochen, zu des Pudels Kern.
Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass in der Berichterstattung auf Hügelhelden.de Kinder kaum eine Rolle spielen. Das liegt keineswegs daran, dass sie keine spannenden Geschichten zu erzählen hätten, oder – Gott bewahre – wir sie absichtlich ignorieren würden.
Es liegt vielmehr an der extrem schwierigen Grundlage für unsere journalistische Arbeit, die uns der Datenschutz auferlegt. Gleich vorweg: Wir sind große Fans dieses Grundprinzips. Wir haben unsere gesamte Webseite so gestaltet, dass sie keinerlei persönliche Daten trackt. Es werden keine Cookies gesetzt, keine Drittanbieter geladen – noch nicht einmal die eigentlich wichtige Analyse des Nutzerverhaltens zur Auswertung unserer Artikel spielt eine Rolle. Sie können uns also glauben, wenn wir Ihnen sagen: Ihre Daten sind uns extrem wichtig.
Der Schutz der Daten von Kindern ist ein außerordentlich hohes Gut und deswegen auch sehr gut geschützt. Das mag die großen Global Player der Digitalindustrie nur bedingt scheren, uns aber in jedem Fall. Zu einer ausgewogenen und vollwertigen Berichterstattung gehört nach unserer Meinung untrennbar auch die Fotografie – und genau hier wird es im Zusammenhang mit Kindern richtig schwierig.
Kinder abzulichten ist auch für Journalisten ein rechtlicher Drahtseilakt. Bei jedem einzelnen Bild gilt es, eine sorgfältige Abwägung zu treffen zwischen dem hohen Persönlichkeitsschutz der Kinder und dem journalistischen Interesse. Verbindliche und absolut wasserdichte Regeln gibt es hier leider nicht, deswegen riskieren wir mit jedem Bild, das ein Kind oder Kinder zeigt, potenziell immer etwas Ärger.
Grundsätzlich braucht es bei kleinen Kindern die Einwilligung der Elternteile – es reicht nicht, wenn uns ein Vater oder eine Mutter vor Ort das Go gibt. Schließlich könnte es ja gut sein, dass die beiden Elternteile in diesem Punkt nicht einig sind oder – auch das ist schon häufig passiert – in Scheidung leben und hier, nennen wir es, keine einvernehmliche Linie fahren. Da wir uns unmöglich jedes Mal vor dem Drücken eines Auslösers wasserdichte Rechtsdokumente ausstellen lassen können, verzichten wir im Zweifelsfall mittlerweile auf Fotos von Kindern. Hier greift definitiv die Schere im Kopf – und diese schmerzt jedes Mal.
Denn Kinder sind Teil unserer Gesellschaft. Sie haben, meiner Meinung nach, ein Recht darauf, auch abgebildet zu werden, ihre Interessen, ihre Geschichten, ihre Anliegen transportiert zu wissen. Das geht natürlich auch in Textform, aber noch einmal: Ein guter Bericht, ein guter Artikel funktioniert erst durch die Kombination von beidem, Text und Bild.
Es ist eine Sorge und ein steter Bauchschmerz, an dem viele meiner Kolleginnen und Kollegen leiden. Das bestätigt auch Gregor Schwarz, Rechtsanwalt sowie Geschäftsführer des Deutschen Journalistenverbandes in Baden-Württemberg. Auf meine Anfrage schreibt er daher, bedauernd, aber sachlich nüchtern:
„Sie schreiben hier ein Thema an, das (leider) fast ein Klassiker in unserer Rechtsberatung ist und bei dem sehr viele Kollegen rechtliche Bedenken haben. Leider, das muss ich vorausschicken, zumindest aus streng juristischer Sicht auch zurecht.“
Um das Ganze juristisch nicht ausufern zu lassen, konzentrieren wir uns auf drei mögliche Szenarien und darauf, wie man mit diesen umgehen kann. Insbesondere geht es natürlich um die Einholung der Erlaubnis für die Abbildung. Hierzu schreibt Gregor Schwarz:
„Grundsätzlich dürfen Personen nur erkennbar abgebildet werden, wenn sie eingewilligt haben. Das Problem bei Kindern: Sie dürfen die Einwilligung in der Regel noch nicht selbst erteilen. Heißt also: Man braucht die Einwilligung beider erziehungsberechtigter Eltern und bei Über-14-Jährigen in der Regel noch zusätzlich die des Kindes selbst.“
Wie Sie bestimmt nachvollziehen können, ist es mir als Journalist vor Ort völlig unmöglich, diese Einwilligungen nachweisbar und belastbar zu erbringen. Deswegen bleibt in der Regel nur eine Möglichkeit: keine Fotos von Kindern.
Gibt es Ausnahmen? Ja, aber diese bergen auch Konfliktpotenzial und haben nur wenig Wasser unter dem Kiel.
Denkbar ist zum Beispiel eine Fotografie, wenn ein Kind Teil eines weitreichenden zeitgeschichtlichen Ereignisses wird, also eine Aufnahme, die wirklich große, relevante gesellschaftliche Bedeutung hat. Sie merken schon – eine Ausnahme, die es im journalistischen Alltag unserer Redaktion eher selten gibt.
Dann gäbe es die Panoramafreiheit: wenn ein Kind nur zufällig und völlig untergeordnet Teil einer Aufnahme wird, die eigentlich etwas ganz anderes zeigen soll – zum Beispiel eine Landschaftsszene, städtisches Treiben, so etwas in der Art. Nicht wirklich oft relevant, aber das geschieht natürlich hin und wieder.
Am häufigsten greift in unserer täglichen Arbeit die folgende Ausnahme: die Berichterstattung von öffentlichen Veranstaltungen. Nehmen wir beispielsweise eine Kirchweih, einen Jahrmarkt, Feste oder Messen in der Region. Wenn das Event für jeden zugänglich ist, also keine geschlossene Veranstaltung, ist es in der Regel zulässig, auch Kinder zu fotografieren. Das heißt natürlich nicht, Einzelaufnahmen explizit hervorgehobener Kinder anzufertigen – aber wenn Familien mit Kindern bei einem großen Stadtfest unterwegs sind, müssen sie damit rechnen, dass auch die Presse vor Ort ist und Fotos der Veranstaltung anfertigt.
Und dennoch: Auch hier und in allen anderen Ausnahmefällen muss immer eine Abwägung getroffen werden – wie viel Anteil nimmt das Kind am Bild ein, wie wichtig ist das gestalterische Element für die Fotografie, all so etwas. Es ist und bleibt eine Gratwanderung, insbesondere für kleine Redaktionen wie unsere, die keine eigene Rechtsabteilung haben und schon gar nicht die Kapazität, sich im Nachgang mit der Ergo herumschlagen zu können.
Also bleibt uns in der absoluten Mehrheit der Fälle nichts anderes übrig, als auf die Berichterstattung rund um Kinder zu verzichten. Mir fällt es schon schwer, diesen Satz zu schreiben, da sich alles in mir dagegen sträubt – zumal ich selbst Vater bin und es mir ein Anliegen ist, unseren ohnehin schon zahlenmäßig stark unterrepräsentierten Kindern in unseren Artikeln und Texten eine echte Stimme zu geben.
Dieser Artikel mag wie eine Rechtfertigung klingen, und wahrscheinlich ist er das in seiner Kernaussage auch. Es ist mir aber einfach wichtig, Ihnen klar und transparent darzulegen, warum wir so handeln und warum wir keine andere Möglichkeit sehen, so zu verfahren.
Und auch das noch ganz zum Schluss: An dieser Stelle ein riesiges und großes Dankeschön für die extrem unkomplizierte und offene Art und Weise, wie Sie meinen Reportern und mir in den vergangenen 15 Jahren da draußen begegnet sind. Völlig entspannt, offen und zugewandt. Nie – wirklich nie – hatten wir Probleme mit Menschen, die sich über die Art und Weise unserer Fotografie aufgeregt hätten oder im Nachgang irgendeine Löschung eingefordert haben. Dafür möchte ich Ihnen herzlich danken.
Liebe Grüße
Stephan Gilliar – Herausgeber Hügelhelden.de