Leuchtet immer noch

|

„Wenn ich hier Panik verbreite, tut das niemandem gut.“

Trotz schwieriger Wirtschaftslage, schwacher Märkte und Konkurrenz aus Billiglohnländern gibt es das traditionsreiche Familienunternehmen der Bolichwerke am Katzbach immer noch. Nicht trotz, sondern gerade wegen Benny Bolichs unerschütterlichem Odenheimer Optimismus.

Das Firmengelände der Bolichwerke in Odenheim ist ein einziges riesiges Understatement. Das Gebäude, die Werkstätten, der Innenhof – alles wirkt wie aus der Zeit gefallen, ein wilder Mix aus verschiedenen Jahrzehnten, irgendwo zwischen klassischem Industriedesign und Oma Hildes Hobbyraum. Die Büros wurden wunderschön im Stile der zugrunde liegenden Zwanzigerjahre restauriert, natürlich inklusive der passenden Beleuchtung – hausgemacht, alles andere wäre ja wahnwitzig.

Der Showroom, also quasi die hauseigene Ausstellungsfläche für das Portfolio der Firma, ist dagegen ein einziger wild-rustikal-holzvertäfelter Pragmatismus, ohne jeden Chic und Glamour. Ein Stück herrlicher Odenheimer Sturheit, die sagen möchte: Es geht hier um unsere Lampen und Leuchten und sonst nix.

Mittendrin, am selben alten Esstisch, an dem er schon als Kind gegessen hat, sitzt Benny Bolich, knabbert während unseres Interviews hin und wieder an einem Stück Döner-Calzone von nebenan. Dienstagmittags gibt’s schließlich immer Pizza – war so, ist so, bleibt so.

Benny schließt man vom ersten Augenblick an ins Herz. Ein grundehrlicher, völlig auf dem Teppich gebliebener typischer Odenheimer alten Schlages. Blau blitzen seine Augen unter der dichten Frisur, die immer so ein bisschen an einen Teleshopping-Showmaster aus den Neunzigern erinnert. Natürlich könnte er Geld in eine neue Ausstellungsfläche investieren, er steckt es aber lieber in die Bezahlung seines Teams, damit trotz schwerer Zeiten auch weiterhin Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld drin ist – auch wenn die Zahlen das zunehmend schwierig machen.

Zwischen Krise und Katzbach

Es ist ein bisschen paradox, ihn so zu sehen: gut gelaunt und fröhlich wie immer, denn was er zu erzählen hat, könnte durchaus auch von ein paar Sorgenfalten auf der sonst so glatten Stirn begleitet werden. Wie weite Teile des Mittelstands hat das kleine Familienunternehmen mit der derzeitigen wirtschaftlichen Lage in Deutschland ordentlich zu kämpfen, die Bolichwerke bilden da keine Ausnahme. „Es ist ein sehr, sehr schwieriges Marktumfeld. Viele Lieferanten gehen insolvent. Wir haben viele Kunden, die wirklich insolvent gehen, die wegsterben. Ladenbau ist eine völlige Katastrophe“, resümiert Benny kurz und knapp und schildert damit absolut treffsicher Symptome, über die viele andere Firmen und Unternehmen zwischen Kiel und Konstanz derzeit auch klagen dürften. In den letzten Jahren sind viele Betriebe in große Schwierigkeiten geraten, die Unternehmensinsolvenzen steigen seit 2024 stark an – schwache Nachfrage trifft auf steigende Kosten und Unsicherheiten. Die weltweite Lage schwappt hier definitiv bis hinein in den ländlichen Bereich, bis an den Katzbach nach Odenheim, wo Benny und sein rund 20-köpfiges Team als vermutlich einer der letzten Betriebe komplett im Inland fertigt und produziert.

Kurzer Reinholer: Die Kultleuchten aus Odenheim

Für alle, die die Kultleuchten aus Odenheim nicht kennen: Die Bolichwerke sind eine kleine Manufaktur im Östringer Stadtteil Odenheim. Seit 1911 entstehen hier Leuchten in sorgfältiger Handarbeit: schlichte, zeitlose Klassiker, von emaillierten Werkstattlampen bis zu markanten Wand- und Deckenleuchten. Gefertigt wird in kleinen Stückzahlen, teils nach individuellen Kundenwünschen und noch immer nach traditionellen Bauarten und mit den Materialien, die den Lampen ihren ganz eigenen Charakter verleihen.

Seine Wurzeln hat das Unternehmen in der 1911 in Offenburg am Main gegründeten Firma „Bolich & Neuhäusel“. Wenige Jahre später wurde in Odenheim der Grundstein für die späteren Bolichwerke gelegt. Gründer Eugen Bolich brachte seine lichttechnische Fabrik in ein Dorf, das damals noch kaum an die moderne Infrastruktur angeschlossen war – und machte daraus über Generationen einen Leuchtenbetrieb mit eigener Geschichte. Heute führt die Familie Bolich die Manufaktur in vierter Generation weiter. Zuletzt übernahm Benny das Zepter von seinem Vater, der sich in den letzten Monaten Stück für Stück aus dem Betrieb zurückgezogen und diesen dabei wirtschaftlich sauber, stark und stabil übergeben hat. Ein wichtiges Fundament, mit dem Benny arbeiten kann, denn den schwankenden Einnahmen durch die konjunkturelle Lage stehen handfeste Ausgaben entgegen – inklusive deutscher Löhne, Sozialabgaben und freiwilliger Leistungen, die nicht verhandelbar sind.

Benny Bolich, Gerd Wormer, Günther Bolich

„Die Fixkosten haben wir, keine Frage. Gott sei Dank gehört uns alles. Mein Vater hat gut gewirtschaftet, muss man sagen. Wenn wir jetzt noch 20.000 Euro im Monat für irgendwelche Maschinen oder Häuser bezahlen müssten, dann wäre es definitiv schwierig“, fasst Benny zusammen, sieht aber trotz der schwierigen Lage durchaus Potenziale in der Zukunft.

Hoffnung machen Aussagen aus der Bauwirtschaft, wonach es in den letzten Monaten reichlich Tiefbaumaßnahmen gegeben habe, auf die bekanntlich Hochbaumaßnahmen folgen. Mehr Bauprojekte, mehr Gewerbeflächen, mehr Industrie und Neugründungen bedeuten auch für die Bolichwerke potenziell neue Kundschaft und Absatzmärkte. Private Kunden spielen für das Familienunternehmen nur eine sehr untergeordnete Rolle, auf einen eigenen Onlineshop verzichtet das Unternehmen daher strategisch. Zu bekommen sind die Leuchten aus Odenheim – darunter auch die legendäre „Berlin“ mit ihrem markanten Schirm – leicht über spezialisierte Läden und Onlinehändler oder aber auch bei einem Werksverkauf, wie er beispielsweise im November in Odenheim ansteht.

Die wirklich benötigten Einnahmen generieren die Bolichwerke über größere Margen, wie sie beispielsweise bei Bauprojekten anfallen, aber auch über spezialisierte Zwischenhändler – mitunter Ausstatter für Theater, Film und Fernsehen. Aus diesem Grund sieht man die Leuchten aus Odenheim auch in mehreren Fernsehshows, Filmen und sogar in Hollywoodproduktionen. Man könnte meinen, allein dieser Umstand dürfte derart öffentlichkeitswirksam sein, dass sich Folgeaufträge in Hülle und Fülle vergeben – doch hier muss Benny Bolich bremsen: „Werbung ist es am Ende vom Tag nicht wirklich – du darfst mit den ganzen Bildern und Aufnahmen ja keine Werbung betreiben. Da haben wir ein paar Mal angefragt: gar keine Chance.“

Doch es gibt natürlich auch andere Mittel und Wege, Bekanntheit zu erlangen. Film und Fernsehen sind hier schon eher Auslaufmodelle, die echten Multiplikatoren warten im Netz. Seit die Bolichwerke ihre Social-Media-Kanäle regelmäßig befeuern und immer wieder neue Inhalte einstellen, steigt das Interesse spürbar an. „Erstaunlicherweise haben wir im Schnitt zwischen 500 und 600 Klicks auf der Homepage pro Tag, manchmal sogar 1000 oder mehr“, berichtet Benny. Und auch wenn diese Zugriffe bislang noch nicht zu einem eklatanten Boom im Umsatz geführt haben, ist doch jeder Zuwachs bei der Bekanntheit der eigenen Marke von Vorteil. „Junge Architekten lesen keine Fachzeitschriften mehr, die informieren sich im Netz“, weiß Benny genau. Die Strategie, sich online weiter zu engagieren, soll daher beibehalten und ausgebaut werden.

Schwer, wertig, unkaputtbar

Benny Bolich ist von der Qualität der Leuchten aus Odenheim fest überzeugt – für ihn sind sie ein Beispiel nachhaltiger Produktion par excellence. Wer einmal eine Bolich-Leuchte in der Hand gehalten hat, der kann nicht mehr zurück zu den billigen Plastiklampen, wie man sie zuhauf im Netz oder bei den großen Filialisten erhält. Ein Argument, bei dem auch wir als Redaktion eine Lanze brechen müssen: Zwischenzeitlich haben wir alle unsere Räume mit Leuchten aus Odenheim ausgestattet. Zum einen, weil sie schwer, wertig und handwerklich makellos hergestellt werden, zum anderen, weil sie einfach richtig gut aussehen. Vor allem die klassischen Formen, die die Bolichwerke schon seit über 100 Jahren herstellen, passen zeitlos in quasi jeden Raum. Tatsächlich sind mir diese Leuchten schon seit Kindheitstagen bekannt – auf dem alten Hof unserer Familie in Eppingen finden sich die emaillierten und unkaputtbaren Leuchten in fast jedem Raum.

Diese Langlebigkeit ist natürlich gleichzeitig Fluch wie Segen: Wer sich einmal eingedeckt hat, braucht im Grunde für den Rest seines Lebens keine Updates mehr. Es dürfte auch heutzutage noch reichlich Leuchten aus den ersten Tagen der Bolichwerke geben, die immer noch klaglos ihren Dienst verrichten.

Ja, die Zeiten mögen schwierig sein, der deutsche Mittelstand durchpflügt gerade eine unruhige See. Albert Einstein hat aber einmal gesagt, in der Mitte der Schwierigkeiten, liegt die Möglichkeit. Und Möglichkeiten ergeben sich manchmal aus dem Moment heraus, manchmal blitzt unerwartet auch ein Sonnenstrahl durch den dunkelsten Sturm. So gilt es Ruhe zu bewahren, seiner Sache treu zu bleiben und das Beste aus allem zu machen. Benny Bolich bringt diese Ruhe mit, glaubt an die Zukunft der Firma, seiner Produkte und an die Menschen die daran arbeiten. „Man kämpft so lange, wie es irgendwie geht. Und wenn der Tag X kommt, wo wirklich gar nichts mehr geht, dann können wir es auch nicht ändern.“ sagt er und man sieht ihm an, dass dies vielleicht ein pragmatischer Gedankengang ist, mehr aber auch nicht. Schließlich sind die Bolichwerke nicht irgendein wackeliges Startup, sondern eine bewährte und erfahrene Manufaktur die zwei Weltkriege und mehrere Weltwirtschaftskrisen überwunden und weggesteckt hat. Weitergehen wird es.. irgendwie, denn am Ende zählt nur eines für das Familienunternehmen aus Odenheim wie auch all seine Produkte. Leuchtet immer noch


Werksverkauf am 28. November

Wenn Sie Lust haben, sich aus den alten Beständen der Bolichwerke den einen oder anderen Klassiker auszusuchen, haben Sie dazu das nächste Mal am 28. November die Gelegenheit. Wie jedes Jahr veranstaltet Benny Bolich zusammen mit seinem Team dann einen großen Werksverkauf, um die Lager auf dem weitläufigen Gelände in Odenheim zumindest etwas zu leeren. Für Liebhaber der Leuchten ist das eine einzigartige Gelegenheit, denn hier landen nicht nur neuere Fabrikate auf den Verkauftischen, sondern auch echte Klassiker, die noch nach alter Väter Sitte emailliert wurden. Ein bisschen beeilen müssen Sie sich aber: Ihr Zeitfenster an diesem Tag beträgt nur zwei Stunden, los geht es um 9:30 Uhr in der Bahnhofstraße in Odenheim.


Anzeige

1 Kommentar zu „Leuchtet immer noch“

  1. Das ist in Artikel typisch Hügelhelden, der aufzeigt welche Menschen hier werkeln ! Bolich ist für mich ein Begriff in einem anderen Zusammenhang vom Motorradsport. Günther Bolich war Chef des MSC Oddenheim und später Chef des ADAC Nordbaden.

Schreibe einen Kommentar

Liebe Leser/innen, bevor Sie nun Ihren Kommentar absetzen, hier noch ein paar kurze Hinweise: Unsere Kommentarspalte ist nicht die Bruddelecke. Konstruktive und reflektierte Meinungen sind uns willkommen, Gemotze ohne Substanz dagegen nicht. Bleiben Sie fair, bleiben sie freundlich. Beleidigungen, Herabwürdigungen, überzogene Polemik oder unbelegte Behauptungen / Unterstellungen werden von uns weder veröffentlicht noch gibt es eine Diskussion darüber. Danke! Zum Datenschutz: Wir speichern über die von Ihnen übermittelten Angaben weder personenbezogene Daten oder IP-Adressen, noch werden Cookies gesetzt. Weitere Informationen finden sie in unserer Datenschutzerklärung