Unser Umgang mit Wasser entbehrt jeder Vernunft. Angesichts monatelanger Trockenheit wird es vielleicht Zeit, allmählich umzudenken.
Zwei Listen
Hier ganz wahllos ein paar Szenen, die mir in den letzten Tagen, Wochen und Monaten begegnet sind.
- Da wäre mein Lieblingsbaggersee in Eggenstein, dessen große Lagune am Badestrand immer so beliebt bei Familien mit kleinen Kindern war, weil man hier im warmen Wasser ohne große Untiefen planschen konnte. Diese Lagune gibt es nicht mehr. Vor Monaten schon hat sich das Wasser zurückgezogen, seither wachsen hier Bäume und Büsche – dort, wo vorher Kinder geplanscht und Enten gemütlich auf den Wellen dahingetrieben sind.
- Da wäre der große Wasserfall in Bad Urach, den ich jeden Sommer zum Wandern besuche, über dessen massive Klippen das Wasser in riesigen Sturzbächen ins Tal donnert. Heute tröpfelt dort nur ein armseliges Rinnsal, das große Wasser ist längst verschwunden.
- Da wären die großen Rheinarme, in denen das Wasser grün und mysteriös um die Wurzeln riesiger Bäume herum in großen Auenwäldern glitzert – wo derzeit nur noch trockener und rissiger Morast zu finden ist.
- Da wären ganze Wälder, die bereits im August angefangen haben, vor Stress und Durst das eigene Laub abzuwerfen, weil sie nicht einmal in tieferen Bodenschichten noch an das so dringend nötige Wasser kommen.
Ich könnte diese Liste beliebig verlängern, dabei mit Ihnen vom Bodensee bis zum Oberrhein wandern – das Bild wäre überall dasselbe. Lassen Sie mich stattdessen eine zweite Liste anlegen, eine, die in ähnlichem Maße zu meiner Besorgnis beiträgt:
- Da wäre dieser Mann in seinem Garten bei Bruchsal, der seinen riesigen stählernen Pool mit zehntausenden Litern Wasser füllt.
- Da wäre dieser riesige, grellgrüne Rasen, auf dem während sengender Mittagshitze gleich mehrere Rasensprenger das Wasser verteilen.
- Da wäre diese defekte Wasserleitung an einem Betrieb im Industriegebiet, aus der unablässig das Wasser fließt – über Tage hinweg, bis sich jemand erbarmt, den Schaden zu reparieren.
- Und da wären diese unzähligen Industriebetriebe landauf, landab, die Wasser in so ungeheuren Mengen entnehmen, dass ihnen bei der Zahl schon der Mund austrocknet. Bergbau und verarbeitendes Gewerbe entnehmen zusammen rund 5,2 Milliarden Kubikmeter im Jahr – eine Zahl mit neun Nullen dahinter.
Wasser als Selbstverständlichkeit
Machen wir uns nichts vor: Wasser ist für uns eine absolute Selbstverständlichkeit. Wir öffnen die Leitung und können eine beliebige Menge entnehmen, ohne jegliche Begrenzung nach oben. Das tut auch nicht weh, denn der Preis für unser Trinkwasser ist nach wie vor lächerlich gering, vor allem dann, wenn man sich die Bedeutung dieses wichtigsten Lebensmittels im wahrsten Wortsinne vor Augen ruft. Kaum zwei Euro kostet der Kubikmeter – also 1000 Liter. Umgerechnet sind das nicht einmal 0,2 Cent für den Liter. Kleiner Funfact: Obwohl das Trinkwasser zu den am besten und schärfsten überwachten Lebensmitteln gehört, kaufen dennoch viele Menschen lieber abgefülltes Wasser – je nach Sorte ist das für den Käufer ein Vielfaches des Preises.

Unser unbedarfter Umgang mit Wasser zeigt sich auch in seiner furchterregenden Pracht auf dem stillen Örtchen. Nach wie vor werden die meisten Toiletten mit sauberem Trinkwasser betrieben. Da jeder von uns die Toilette mehrfach am Tag aufsucht, summiert sich dieser Verbrauch in schwindelerregende Höhen: Rund eine Billion Liter spülen wir deutschlandweit im Jahr den Pott hinunter. Zwar wird das Wasser in den Kläranlagen wieder aufbereitet, diese leiten das geklärte Wasser aber in der Regel in Flüsse und Kanäle, wovon ein erklecklicher Teil einfach ins Meer gelangt.
Quelle: BDEW: Zahl der Woche – 121 Liter Leitungswasser pro Tag
Wie großzügig wir diese Ressource verbrauchen, lässt sich an vielen Beispielen aufzeigen. Sie alle haben eines gemeinsam: Es sind Anachronismen, die so nicht länger Bestand haben dürfen.
Kein Grund zur Entwarnung
Wie sehr das Wasser fehlen kann, das konnten wir in den letzten Monaten sehen, in denen es im Grunde kaum bis gar nicht geregnet hat. Wenn Sie starke Nerven haben, besuchen Sie doch einmal den Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), der für die verschiedenen Bodenschichten die derzeitige Versorgung mit Wasser anzeigt. Kleiner Spoiler: Quasi ganz Süddeutschland, insbesondere aber unsere Region, die eigentlich als äußerst wasserreich gilt, zeigt sich in tiefstem Rot. Faktisch ist unser Boden bis zu einer Tiefe von rund zwei Metern komplett ausgetrocknet, man spricht hier von einer Dürre mit den Dimensionen einer 50-jährlichkeit.
Schauen wir uns die aktuellen Grundwasserstände und Quellschüttungen für unsere Region an, so müssen wir feststellen, dass immer mehr Messstellen niedrige Grundwasserstände anzeigen, deren Schüttungen zudem rückläufig sind. Stabil im mindestens mittleren Bereich sind von allen Messstationen in ganz Baden-Württemberg derzeit nur noch zwei – mehr muss man dazu kaum wissen.
Quelle: LUBW Baden-Württemberg: Grundwasserstände und Quellschüttungen
Das Thema Trockenheit und Dürre verschwindet auch meist nicht komplett aus unserer Wahrnehmung, wenn es dann, so wie Ende der vergangenen Woche, wieder ein bisschen geregnet hat. Doch Sie kennen das Bild vom Tropfen auf den heißen Steinen: Ein paar Stunden Regen können Monate sengender Hitze und Trockenheit nicht ausgleichen – das dürfte jedem klar sein.
„Panikmache“ liest man in den Kommentarspalten unter Berichten zur Wasserentwicklung, auch, dass es in Deutschland nicht weniger regne und wir keine Wasserprobleme hätten. Letzteres stimmt teilweise: Im Jahresdurchschnitt liegen die Niederschläge nach wie vor auf einem ähnlichen Niveau wie in der Vergangenheit. Aber – und dieses Aber ist gewaltig – das bedeutet nicht, dass wir keine Probleme mit unserem Wasserhaushalt haben.

Denn die Verteilung der Niederschläge ist entscheidend. Die Winter sind deutlich nasser geworden, während die Sommerniederschläge zurückgegangen sind – wie sehr, davon können wir nach diesem Sommer 2026 ein Klagelied singen.
Und auch gut zu wissen: Viel Regen bedeutet nicht automatisch viel verfügbares Wasser. Starkregen kann rasch oberflächlich abfließen und Hochwasser verursachen, statt gleichmäßig im Boden zu versickern und Grundwasser zu bilden. Höhere Temperaturen verstärken außerdem die Verdunstung. Entscheidend sind daher nicht nur die Jahresregenmenge, sondern auch, wann und wo es regnet, wie stark – und wie viel Wasser Boden und Grundwasser speichern können.
Quelle: Umweltbundesamt: Trockenheit in Deutschland – Fragen und Antworten
Den Wert erkennen
Es läuft also alles auf einen großen Punkt hinaus: Wir müssen aufhören, Wasser als selbstverständliche und in beliebigen Mengen verfügbare Ressource zu betrachten. Wir müssen Wasser einen echten Wert zuweisen – nicht nur monetär, sondern auch in unserer Wahrnehmung und Wertschätzung. Eine Erkenntnis, die sich nach diesem Sommer auch in der Politik ihren Weg bahnt. Umweltministerin Thekla Walker wird in einer aktuellen Pressemitteilung des Umweltministeriums Baden-Württemberg in dieser Angelegenheit wie folgt zitiert: „Dieser Sommer hat uns klar und deutlich vor Augen geführt: Wir müssen sorgsamer mit Wasser umgehen. Die Grundwasserneubildung nimmt durch die Erderhitzung bis zur Mitte des Jahrhunderts zwischen 15 und 25 Prozent ab.“ So die Ministerin, die auch Maßnahmen skizziert, die hier für Entlastung sorgen können: „Bei der Anpassung hilft uns die Natur. Eine naturnahe Gestaltung unserer Gewässer und Böden sorgt dafür, dass die Böden Wasser länger speichern und damit verhindert, dass aus Trockenheit sofort eine Dürre wird.“
Das Land hat in diesem Sinne mehrere Pilotprojekte an den Start gebracht, um den Wasserhaushalt zu stabilisieren. Dies kann nur in Kooperation mit der öffentlichen Hand aber auch der Landwirtschaft gelingen, denn es geht auch darum, die Speicherfähigkeit unserer Böden zu erhöhen. Mögliche Ansätze sind dabei eine bodenschonende Bewirtschaftung, der Verzicht auf – und auch der Rückbau von – Dränagen, die das Wasser einfach ungenutzt abfließen lassen, zudem Hecken, Wälder und Grünlandstreifen, die als natürliche Wasserbarrieren und gleichzeitig Speicher fungieren können.

Ein erstes Projekt dieser Art ist bereits gestartet – nicht irgendwo, sondern hier direkt bei uns im Kraichgau. Aber auch in der Städteplanung und der dörflichen Entwicklung kann nachjustiert werden, etwa in dem die weitere Überbauung natürlichen Bodens massiv zurückgefahren oder besser ganz eingestellt wird.
Eine Bitte zum Schluss
Zum Schluss bleibt noch ein frommer Wunsch, oder vielmehr eine herzliche Bitte: Sorgsam mit Wasser umzugehen ist nicht nur Aufgabe des Staates, der Landwirtschaft oder der Industrie, sondern im Kleinen auch unsere. Sehen Sie das kühle Nass, das auf Wunsch aus Ihrem Wasserhahn durch Ihre Hände fließt, nicht mehr als Selbstverständlichkeit an, sondern als Kostbarkeit, die wir erst dann schmerzlich vermissen werden, wenn es sie nicht mehr in ausreichendem Maße gibt.